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Europa

Saka: "Ich sehe im Internet vermehrt Kritik an der Regierung"

Staatliche Brutalität vor laufenden Kameras - viele Anhänger Erdogans können oder wollen das nicht sehen. Doch die Tragödie von Soma könnte dazu beitragen, dass sich das ändert, sagt Kommunikationsexperte Erkan Saka.

DW : Hat das Grubenunglück dazu geführt, dass nun ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen an den Protesten teilnehmen, die vor einem Jahr als Jugendbewegung begannen?

Erkan Saka: Das Unglück ist sicher ein Auslöser dafür, dass breitere Schichten mitmachen. Zu massiven Protesten führte das Grubenunglück aber bislang nicht. Viele Bürger zögern, auf die Straße zu gehen, um zu protestieren. Das liegt daran, dass die Polizei exzessiv Pfefferspray und Gummigeschosse einsetzt. Die Menschen haben Angst.

Wenn man dem #Soma-Hashtag auf der Social-Media-Plattform Twitter folgt, bekommt man den Eindruck, die Brutalität der Polizei habe dazu geführt, dass Demonstranten - oder potenzielle Demonstranten - ihren Frust lieber im Internet herauslassen als auf der Straße?

Das ist definitiv so. Viele AKP-Anhänger twittern über das Unglück - sie sind kritisch eingestellt gegenüber dem Minenbetreiber, dem sie eine Mitschuld geben. Es gab auch einige weitere konspirative Hashtags von der Social-Media-Armee der AKP. Wahrscheinlich haben Sie davon gehört, dass es tausende Freiwillige gibt, die im Internet für die Partei werben und kritischen Tönen entgegenwirken. Jeder, der das Minenunglück kritisiert, wird als nekrophil bezeichnet. Und sie erzeugen auch Hashtags zu Erdogan, um ihn als Mann des Volkes zu stilisieren. Aber mittlerweile sehe ich im Internet auch vermehrt Kritik an der Regierung. Das lässt mich hoffen.

Es gibt Videos von Erdogan, wie er angeblich einen Bürger in einem Supermarkt schlägt, von seinem Berater, der einen Demonstranten tritt sowie von zahlreichen Fällen von Polizeigewalt. Wie reagieren die Erdogan-Anhänger auf diese Bilder?

Diese Bilder werden von den Fernsehsendern größtenteils gar nicht gezeigt. Soweit ich weiß, brachte nur einer der Hauptsender das Supermarkt-Video. Aber es ist offensichtlich: Erdogan schlägt zu und sein Berater tritt einen Demonstranten. Und aus AKP-Kreisen bekommt er dafür bislang auch noch Unterstützung. [Anmerkung der Redaktion: Mehrere Details um die Herstellung des Supermarkt-Videos und den Vorfall selbst sind nicht geklärt.]

Es wirkt auch so, als bekämen die Anhänger andere Informationen, oder würden solche Videos nie ansehen. Lässt sich sagen, dass die politische Spaltung in der Türkei entlang digitaler Grenzen verläuft?

Die meisten Erdogan-Anhänger würden das Video als Fälschung bezeichnen, wenn sie es sähen. Außerdem verändern sich die Links zu den Videos immer wieder. Wahrscheinlich gibt es eine Art Zensur. YouTube ist in der Türkei ohnehin bereits verboten. Die Erdogan-Anhänger sind sicherlich weniger internetaffin, aber dennoch nicht völlig unwissend. Die Gezi-Protestler verbreiten ihre Botschaft in undichten Stellen des Internets. AKP-Unterstützer können die Videos daher auch sehen. Vielleicht nicht in den Mainstream-Medien, aber zumindest in der digitalen Kommunikation. Da ist das Potenzial.

Werden die Proteste stärker werden, je näher wir der Präsidentschaftswahl im August kommen?

Alles ist möglich. Es gibt jetzt eine neue Generation von Gegnern, die vorher nicht da waren. Viele Menschen lernen gerade erst, wie man protestiert. Vielleicht ist ihre Zahl begrenzt, aber noch immer gibt es Proteste, die bis Mitternacht dauern. So war es in der vergangenen Nacht in zwei, drei Städten. Die meisten sind noch Demonstranten aus dem bürgerlichen Lager und ich hoffe, dass es so bleibt.

Erkan Saka ist Lehrbeauftragter für Kommunikation an der Bilgi Universität in Istanbul

Das Interview führte Conor Dillon

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