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Globale Zusammenarbeit

Sag mir, wo die Frauen sind ...

In vielen Ländern wünschen sich Eltern vor allem männlichen Nachwuchs und lassen deshalb weibliche Föten abtreiben. Dort gibt es mittlerweile zu wenige Frauen. Frauenorganisationen sprechen gar von "Femizid".

Vom gezielten Völkermord an Frauen, vom "Femizid", möchte Christophe Guilmoto vom französischen Forschungsinstitut für Bevölkerung und Entwicklung in Paris, nicht sprechen. "Eltern wollten einfach der Natur ein Schnippchen schlagen, um die Geburt von Töchtern zu vermeiden", sagt der Demographie-Forscher von CEPED, der seit mehr als zehn Jahren die Entwicklung des globalen Männerüberschusses verfolgt. "Nur wussten sie nicht, dass Millionen von anderen Paaren die gleiche Idee hatten!"

Seit gut zwanzig Jahren gibt es durch Ultraschall und frühe Blutuntersuchungen die Möglichkeit, bereits in der Schwangerschaft das Geschlecht des Kindes festzustellen. Das hat der Selektion den Weg geebnet.

In der Folge fehlen allein in Asien mehr als 117 Millionen Frauen, um ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis sicherzustellen, so Schätzungen des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, UNFPA.

Massiver Jungenüberschuss

Das Geschlechterverhältnis eines Geburtenjahrgangs würde ohne menschliches Eingreifen bei rund 105 Jungen pro 100 Mädchen liegen. In China kommen derzeit 116 Jungen auf 100 Mädchen. In Indien ist das Verhältnis 111 zu 100. Die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde haben rein zahlenmäßig das größte Problem mit einem Ungleichgewicht der Geschlechter. Doch auch in Aserbaidschan und Armenien oder in Albanien und Mazedonien ist der Jungenanteil bei den Geburten viel zu hoch.

Es haben sich, so Guilmoto im DW-Gespräch, mittlerweile ganz klare Faktoren für die vorgeburtliche Selektion herauskristallisiert.

"In Ländern von Albanien bis China gibt es in der Gesellschaft eine sehr starke Präferenz für Söhne. Wer nur eine kleine Familie haben will oder darf, muss wählen und entscheiden. Und wenn die Technologie zur Verfügung steht, werden sich viele für eine Selektion entscheiden, wenn das erste oder zweite Kind nicht ein Junge war."

Töchter sind eine schlechte Investition

Die Ursachen für den Wunsch nach Jungen seien zu vielschichtig, um sie mit Vorurteilen alleine erklären zu können, meint der Demographie-Forscher. Das Familien-System sei darauf aufgebaut, dass zumindest ein Sohn zu Hause bleibe und sich später um die Eltern kümmere, da es meist keine andere Altersvorsorge gäbe.

Christophe Z. Guilmoto

Sieht vielseitige Gründe für den Frauenmangel: Christophe Guilmoto von CEPED in Paris

Töchter dagegen heiraten in eine andere Familie hinein und sind somit für die Eltern praktisch verloren. "Söhne führen den Familiennamen weiter und manchmal sind Söhne sogar notwendig, um bestimmte Beerdigungsrituale durchzuführen, wenn die Eltern sterben."

Mittlerweile machen sich die Regierungen in China und Indien Sorgen über die Auswirkungen des Männerüberschusses. In Indien schlug Familienministerin Maneka Gandhi eine Pflichtuntersuchung für Schwangere vor, die das gezielte Abtreiben weiblicher Föten verhindern soll. Das seit fast 20 Jahren herrschende Verbot der Geschlechtsbestimmung durch Ultraschall hat wenig Wirkung gezeigt. Die Kosten für eine spätere Mitgift der Töchter wiegen in vielen Fällen schwerer als eine verbotene Abtreibung.

Männer, die keine Frau finden

In China sorgte eine rigide Ein-Kind-Politik 30 Jahre lang für niedrige Geburtszahlen. Mittlerweile ist das Mehr-Kind-Verbot gelockert, chinesische Familien können nun zwei Kinder bekommen, doch es wird dauern, bis sich dieser Wandel in Zahlen niederschlägt. In der Volksrepublik bleiben jedes Jahr rund 1,2 Millionen Männer auf dem Heiratsmarkt übrig. Das ist die offizielle Zahl von der großen Volkszählung 2010, die im staatlichen China Radio International zitiert wird.

Welche gesellschaftliche Auswirkung wird es haben, wenn Millionen von Männern nicht heiraten können, obwohl Ehe und Familie auch in China Grundpfeiler der Gesellschaft sind? Lisa Eklund ist Soziologin an der schwedischen Universität in Lund und hat über das Thema Geschlechtspräferenz in China promoviert.

"Ehe hat nicht nur mit Liebe oder Sexualität zu tun, sondern Heirat ist notwendig, um sozial erwachsen zu werden, um Status und Anerkennung zu erlangen", sagt sie auf Grundlage ihrer Studien im ländlichen Gegenden Chinas. "In Gesellschaften, in denen die Institution Ehe extrem wichtig und praktisch universell ist, wird es eine große Herausforderung werden, diesen Männerüberschuss gesellschaftlich unterzubringen."

China Familie mit Baby in Nanjing

China hat mittlerweile die rigide Ein-Kind-Politik gelockert

Soziale Ungleichheit wird verstärkt

Lisa Eklund sieht noch zwei Faktoren, die als Folge des Männerüberschusses Probleme bereiten könnten. Zum einen, dass Ehen in der Regel früh und der Heiratsmarkt damit wenig flexibel ist. Zum anderen könnte sich die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft verschärfen.

"In Ländern mit großen Einkommensunterschieden und mit hoher Ungleichheit werden die Männer am unteren Soziallevel noch weniger Chancen haben. Damit werden sie noch verwundbarer und die Ungleichheit noch größer als sie ohnehin ist", sagt die schwedische Soziologin und bezeichnet die Aufgabe, die auf China zukommt, als "große Herausforderung".

Letztlich werden erst die kommenden Jahre zeigen, welche Auswirkungen die Massenabtreibungen von Mädchen der vergangenen zwanzig Jahre in Kombination mit der bisherigen Ein-Kind-Politik haben werden. Könnten Frust und Unzufriedenheit der vielen Junggesellen zu sozialen Unruhen und Gewalt führen? Oder zu einer Zunahme von Zwangsprostitution und Menschenhandel, wie viele Frauenorganisationen befürchten?

Schweden Universität Lund Lisa Eklund

Die ärmsten Männer werden leer ausgehen, meint Lisa Eklund

"Schwer zu sagen", so Eklund. "Wir haben keine schlüssigen Anhaltspunkte dafür." Allerdings werden die Folgen auch sehr davon abhängen, wie die Politik und auch die Medien mit dem Problem umgehen. "Der Männerüberschuss kann auch als "Sündenbock" für andere Probleme herhalten, die zu Frust, Aggression, Gewalt und Unruhen führen können", warnt Eklund. "Auch zeitgleiche Faktoren wie Arbeitslosigkeit, Kündigung, Landgrabbing, Umweltzerstörung und wachsende Ungleichheit können Gewalt und Wut auslösen."

Zurück zu Kinder und Küche

Vorstellbar, so die schwedische Forscherin, wäre letztendlich auch, dass der Frauenmangel dazu führt, dass Junggesellen eher durch Ausbildung, Fleiß und Arbeit versuchen sozial aufzusteigen, um attraktive Partner auf dem Heiratsmarkt zu werden. Sicher sei jedoch, so Eklund, dass die gesellschaftliche Stellung der Frau durch den Männerüberschuss nicht besser werde.

"Gesellschaften mit einem Männerüberschuss neigen eher dazu, Frauen unter einer strengen Kontrolle zu halten."

Christophe Guilmoto, der seit mehr als zehn Jahren den Männerüberschuss nicht nur in China und Indien, sondern auch in Indonesien, Osteuropa und Zentralasien untersucht, zieht ebenfalls eine negative Bilanz für die Frauen. "Auf dem Heiratsmarkt werden Frauen vielleicht eine bessere Position haben, doch wir reden von sehr traditionellen Gesellschaften." Er weist darauf hin, dass Frauen in den Ländern auch einen schlechteren Zugang zu guten Jobs auf dem Arbeitsmarkt haben. "Es wird eher zu mehr Druck auf die Frauen führen, damit sie die Rolle als Ehefrau und Mutter erfüllen."

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