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Alltagsdeutsch – Podcast

Safari in der Sprache

Krokodile weinen keine Tränen, wilde Affen beißen selten, Taranteln stechen nicht, Bären lassen sich nicht auf den Rücken binden. Und dass aus Mücken Elefanten werden, gehört ins Reich der Fantasie. Nicht im Deutschen!

Ein Elefant im Abendrot

Schwer vorstellbar, dass das mal eine Mücke war!

Sprecher:

Unzählbar viele Sprachbilder gibt es in der deutschen Alltagssprache. Oft sind sie für einen Außenstehenden trotz gesunden Menschenverstandes und guter Grammatikkenntnisse nicht zu entschlüsseln, denn ihre Wurzeln sind meist uralt und eng mit der kulturellen Entwicklung des Landes verbunden. Wir möchten heute einmal solchen bildhaften Redewendungen auf den Grund gehen, die Tiere zum Vergleich heranziehen. Davon allerdings gibt es schon so viele, dass wir uns hier für 's erste auf die exotischeren Wildtiere beschränken. Was soll es zum Beispiel bedeuten, wenn man einen Bären aufgebunden bekommt, wenn man vom wilden Affen gebissen wird oder mit den Wölfen heult? Was Krokodilstränen sind? Und vieles mehr. Um dies alles für sie herauszufinden, hat unsere Reporterin für ihre – diesmal nicht immer ganz ernst gemeinte Reportage – Nachforschungen im Wuppertaler Zoo angestellt.

Sprecherin:

Also eines ist mir in Deutschland schon aufgefallen. Die Einwohner müssen ein ganz besonderes Verhältnis zu ihren vierbeinigen Mitbewohnern haben. Andere Völker sind ja auch tierlieb, aber die Deutschen, die hört man in jedem zweiten Satz von irgendwelchen Tieren sprechen. Manchmal allerdings verstehe ich den Zusammenhang nicht so recht. Neulich zum Beispiel sagte jemand zu meinem Nachbarn Bei Dir piept 's wohl! und Du hast ja einen Vogel! – und das, obwohl nicht ein geflügeltes Tier, noch nicht einmal eine Feder in der Nähe war und ich doch auch genau weiß, dass Herr Müller keine Haustiere hat. Später erklärte man mir, das hieße einfach, Herr Müller habe etwas Dummes gesagt oder getan. Also, seltsam ist die deutsche Sprache manchmal. Für heute habe ich mir vorgenommen, etwas Licht in dieses Geheimnis mit den bildhaften Tiervergleichen zu bringen. Also auf zum Zoo! Da gibt es wahrscheinlich die meisten Tiere auf einem Fleck und hoffentlich auch die passenden Sachverständigen.

Sprecherin:

Beginnen wir doch der Einfachheit halber ganz vorne bei A wie Affe. Du bist wohl vom wilden Affen gebissen – was das wohl heißen mag? Gewiss können mir das die Besucher im Affenhaus sagen. Oder die Tierpfleger. Vielleicht sind die schon einmal vom wilden Affen gebissen worden und wissen aus Erfahrung, was dann geschieht.

O-Töne:

"Früher mal mit Milchzähnen von 'nem kleineren Affen. Jedenfalls von so 'nem großen bis getz' toi, toi, toi noch nicht, woll, dat säh' ja ziemlich schlimm aus, wenn man richtig vom Affen gebissen worden sind. Hab' n gewaltige Eckzähne, woll. Das is' lebensgefährlich. Kann schlimmer sein als wie unter 'm Löwen oder Tiger. / Ja vom wilden Affen gebissen: Wenn jetzt irgendwer einer Scheiß macht, genau wie so 'n Affe, wenn der schon mal ausrastet, die Choleriker da. Sehen se irgendeinen und dann flippen se aus. / Ja, wenn einer durchdreht oder wenn einer 'n auf der Krone hat, jo, und benimmt sich dann nit so wie et sein soll, da sacht man schon mal 'Der ist vom wilden Affen gebissen', ja. / Ja, wenn mein Bruder zum Beispiel total verrückt spielt. / Wenn halt einer total verrückt spielt, also durchdreht."

Sprecher:

Was die beiden älteren Herren geredet haben, das war nun Dialekt, den man im bergischen Raum rund um Wuppertal spricht. Das heißt nur dat, es heißt et, jetzt heißt getz, und jeden zweiten Satz wird ein woll angehängt. Woll ist das typische Füllwort in diesem Gebiet und soll so viel heißen wie nicht wahr? Eine Antwort auf diese Frage wird aber nicht erwartet, ebenso wenig wie auf das entsprechende schwäbische gell, das kölsche ne oder das hamburgische nich. Schlimmer als wie der Biss eines Löwen soll der eines Affen sein, erzählt der Wuppertaler Tierpfleger. Das als wie ist natürlich – wie man hier sagen würde – doppelt gemoppelt. Man kann zum einen sagen schlimmer als der Löwenbiss – das wäre die exaktere Formulierung. Nach einigen Neuerungen in der deutschen Grammatik ist es aber heute in einem solchen Fall auch erlaubt, wie zu sagen – selbst wenn der zu vergleichende Gegenstand nicht genauso ist wie der andere, sondern eben etwas anders, nämlich größer als, kleiner als oder eben schlimmer als der Löwenbiss. Beide Wörter aber einfach aneinander zu hängen, das ist schlicht überflüssig. Das zeigt lediglich, dass man sich nicht entscheiden kann, entweder für das Neue oder für die alte Form. Mit seinem toi, toi, toi will der Tierpfleger – wie nach altem Aberglauben – das Glück beschwören. Er ist bis jetzt noch nicht von einem großen Affen gebissen worden und das soll auch in Zukunft nicht geschehen. Und schließlich: Ob nun mit einem auf der Krone, das heißt betrunken oder nicht. Wenn ein Mensch durchdreht, ausflippt oder ausrastet, dann sind es einfach drei sehr schön bildhafte Exemplare aus der Fülle der Ausdrücke dafür, dass derjenige sich nicht mehr unter Kontrolle hat, sich aufregt und extrem wütend ist, eben unberechenbar reagiert – wie vom wilden Affen gebissen.

Sprecherin:

Genug jetzt mit den Affen. Schließlich gibt es noch genügend andere Tiere, die unverständlicherweise in Redewendungen auftauchen. Die Eis bären zum Beispiel, hier direkt neben dem Affenhaus. Da fällt mir ein: Meine Kollegin kam letzte Woche zu spät und als sie unserem Chef erklärte warum, sagte der: Sie wollen mir wohl einen Bären aufbinden! Also, was er damit meinte, ist mir absolut rätselhaft. Einen Bären auf den Rücken gebunden zu bekommen, das wäre – wenn ich mir diese riesigen dicken Pelztiere so anschaue – auch praktisch gar nicht durchführbar. Da würde man doch unter der Last zusammenbrechen. Also muss doch wieder eine andere Bedeutung dahinterstecken. Die Zoobesucher kennen sie bestimmt.

O-Töne:

"Wenn etwas nicht stimmt als richtig verkauft wird. / Wenn man sich verscheißern lässt, auf 'n Arm nehmen lässt. / Wenn man irgendwie wat erzählt, was nicht stimmen kann."

Sprecher:

Den Bären aufbinden – das könnte man eigentlich mit lügen übersetzen. Weil aber lügen so ernst und schwerwiegend klingt, und es bei unserem Sachverhalt eher um ein schalkhaftes Veralbern, ein Schwindeln geht, wird man nicht belogen, sondern auf den Arm genommen. Unser Wuppertaler redet nicht lange herum, sondern drückt das, was er sagen möchte, kurz und knapp aus. Er bringt es sozusagen auf den Punkt. Und klar war das nun wirklich, was die Zoobesucher von jemandem halten, der ihnen einen Bären aufbinden will.

Sprecherin:

Also man kann mir ja viel erzählen, aber ich lasse mir keinen Bären aufbinden, hat doch neulich jemand erzählt, sein Bruder machte aus jeder Mücke einen Elefanten. So ein Blödsinn! Wie soll denn das gehen?

O-Töne:

"Da muss man erstens mal 'ne Mücke fangen oder so, und dann muss man erst mal sich 'nen Elefanten kaufen, so viel Geld verdienen."

Sprecherin:

Sehen Sie, die Kinder können sich diese seltsame Umwandlung ebenso wenig erklären wie ich. Nein, ich glaube, ich muss mich einmal bei den Erwachsenen umhören, was es bedeutet, wenn jemand aus einer Mücke einen Elefanten macht.

O-Töne:

"Wenn man etwas aufbauscht, besonders wichtig darstellt, weil die Mücke eben so klein ist und der Elefant so groß, dass irgendwas so wichtig darstellt, dass es halt so wichtig und so großartig ist wie 'n Elefant im Vergleich zur Mücke ist. / Übertreiben, ganz stark etwas übertreiben, zum Beispiel in der Presse."

Sprecherin:

Jetzt wo ich weiß, wie ich aus der Mücke einen Elefanten machen kann, bleib' ich doch direkt einmal bei diesen gemütlichen Dickhäutern. [Scheppergeräusch] Was war das? Na, ungefähr so müsste es sich anhören, wenn ein Elefant sich in ein Geschäft verirrt, das feinstes Porzellan vertreibt. Aber was das auf die Menschen übertragen heißen soll? Was bedeutet es, wenn sich ein Mensch wie ein Elefant im Porzellanladen benimmt?

O-Ton:

"Das kann einerseits heißen, dass jemand tollpatschig ist und sich nicht zu benehmen weiß und alles umschmeißt, alles kaputt macht. Es kann aber auch andererseits sein, dass einer sehr unsensibel ist, zum Beispiel wenn jemand auf der Beerdigung lacht oder anderer Leute Gefühle verletzt, absichtlich, offensichtlich. Das kann alles bedeuten, der benimmt sich wie 'n Elefant im Porzellanladen."

Sprecherin:

Gut. Auf den Menschen bildlich zu übertragen, was geschieht, wenn sich ein Elefant in einen Porzellanladen zwängt oder wie der große Elefant aus der winzigen Mücke aufgebauscht wird, das war ja noch verhältnismäßig einfach. Der nächste Fall könnte allerdings gefährlich werden. Es geht ins Terrarium. Zu den Krokodilen. Die sollen der Redewendung nach weinen können, was ja bekanntlich bei Tieren sehr selten vorkommt. Und dann gerade diese Kaltblüter? Also mit eigenen Augen will ich mir mal ansehen, was es mit diesen Krokodilstränen auf sich hat, die dem Bild nach manchmal bei den Menschen fließen.

O-Ton:

" Krokodilstränen? Ja, ich glaube, wenn jemand doch schon heult und weint über 'ne Sache, die für ihn sehr, sehr wichtig ist. / Früher fielen die Damen in Ohnmacht und heute fangen se an zu weinen, ne, wollen dasselbe Ziel erreichen, ne. / Bei Menschen große Tränen, weil man besonders traurig ist, oder so 'n Ausbruch von Tränen oder so was."

Sprecherin:

Also, was denn nun? Das wird jetzt doch etwas verwirrend. Sind Krokodilstränen nun groß, Ausdruck ganz extremer Traurigkeit oder nur gespielt? Ich glaube, da muss ein Fachmann her. Thomas Kauffels kann das Ganze bestimmt von der biologischen Seite her erklären.

Thomas Kauffels:

"Das sind also Tränen, die man vergießt, ohne sie zu meinen. Man schreibt dem Krokodil ja zu, dass es sein Opfer unter Wasser ersäuft, auftaucht und dann dicke Feuchtigkeitskugeln, die von den Augen die dann abtropfen, die man dann als Krokodilstränen bezeichnet, als ob es dann um sein Opfer weinen würde. Aber das ist wohl nicht der Fall. Es ist also rein heuchlerisch gemeint."

Sprecherin:

Es ist doch von Vorteil, wenn man solche Sachen direkt vor Ort klärt, wo die Fachmänner sitzen und man sich die Exemplare gleich ansehen kann. Apropos: Da drüben sitzt noch ein Tier, das ich von der Redewendung her kenne. Dick und pelzig und mit langen, haarigen Beinen: Die Wolfsspinne, auch Tarantel genannt. Gewiss ziemlich unangenehm, diesem Tier einmal ohne die schützende Scheibe zu begegnen. Was es aber heißt, wenn jemand reagiert wie von der Tarantel gestochen, das können mir diese Leute hier bestimmt sagen.

Thomas Kauffels / O-Töne:

"Da meint man, dass wenn man in den Giftdrüsen in den Blutkreislauf entleert bekommt, dass man dann wie toll lostanzt. Und man wird nicht von einer Spinne gestochen, sondern gebissen. Tarantella heißt ja auch so, das ist ja ein Tanz in Süditalien, und da gibt es die Tiere ja auch. Oder wenn da sich einer erschrickt oder ihm fällt was ein, was er vergessen hat, oder er hat seine Freundin zum Essen eingeladen und halt stellt um 18 Uhr 29 fest, dass er noch, noch keinen Sekt gekauft hat; und der springt auf wie von der Tarantel gestochen, um noch, um möglichst eine im Laden zu bekommen. / Ja, wenn einer wild wird oder dass er verrückt ist, dann sagt man 'Mensch, du bist ja von der Tarantel gestochen'. Ich könnt mir denken, dass, wenn man von der Tarantel gestochen wird, irgendwie so 'ne Reaktion hat, so 'ne hysterische. Irgend so was – also stell' ich mir drunter vor."

Sprecherin:

Gut, gut, dass ich da wieder draußen bin. So richtig geheuer sind mir diese Tiere im Terrarium nicht, die ihre Opfer unter Wasser zerfleischen und den Menschen mit ihrem giftigen Biss hysterisch machen. Da sind mir die Wölfe noch lieber. Die erinnern mich immer an unseren Hund. Mit den Wölfen heulen – das macht der auch manchmal. Aber wann die Deutschen das tun?

Thomas Kauffels / O-Töne:

"Ja, das ist 'n Rudelverhalten. Das kann man auch sagen, dass das Anpasser tun. Die Wölfe stecken sich gegenseitig an. Und wenn man mit den Wölfen heult, dann ist das in meinem Sprachverständnis durchaus nicht nur positiv gemeint, sondern spricht eigentlich dafür, dass man sich keine eigene Meinung bildet und dann mit der Mehrheit zusammen heult. / Der mit den Wölfen heult, das is' 'n Mensch, das is' 'n Ja-Sager, der sein Fähnchen immer nach 'm Wind hängt, der, und das auch politisch gesehen, 'n Opportunist, und der immer mit dem Strom schwimmt."

Sprecher:

Da hören Sie es selbst. Eine bildhafte Redewendung wieder ins Konkrete zu übersetzen, ist gar nicht so einfach. Die Zoobesucherin braucht direkt mehrere andere Bilder, um die Bedeutung der so selbstverständlichen Redewendung zu umschreiben. Der mit den Wölfen heult schwimmt mit dem Strom; er hängt sein Fähnchen in den Wind – das bedeutet, er ist schwach und passiv. Er hält sich einfach an das, was die Mehrheit tut. Alles andere – das gegen den Strom schwimmen – wäre zu anstrengend und vielleicht auch zu gefährlich. Denn anders zu sein, missfällt manchen Zeitgenossen immer wieder. Den richtigen Beigeschmack des Bildes mit den Wölfen heulen bekommt die Erklärung aber erst durch das Fremdwort Opportunist. Denn, wer mit den Wölfen heult, der tut das meist nicht nur, weil er zu schwach ist, sondern auch, weil er sich davon einen bestimmten Vorteil verspricht, opportunistisch, berechnend ein bestimmtes Ziel verfolgt. Sie merken es also schon: Nicht immer sind Redewendungen so einfach zu erklären. Man muss auf allerhand Wörter zurückgreifen, wo man sonst einfach sagen würde: Er heult mit den Wölfen – und jeder versteht intuitiv, was gemeint ist.

Fragen zum Text

Jemand, der Krokodilstränen vergießt, …

1. ist traurig.

2. tut nur so, als ob er etwas bedauert.

3. weint vor Freude.

Erzählt man jemandem eine erfundene Geschichte, dann …

1. macht man aus einer Mücke einen Elefanten.

2. benimmt man sich wie ein Elefant im Porzellanladen.

3. bindet man jemandem einen Bären auf.

Verhält sich jemand etwas verrückt, würde man nicht sagen/fragen: …

1. "Du bist wohl von der Tarantel gestochen worden!"

2. "Hat dich etwa ein wilder Affe gebissen?"

3. "Du musst auch immer mit den Wölfen heulen!"

Arbeitsauftrag

In der deutschen Sprache finden sich unzählige Begriffe und Redewendungen, in denen Tiere vorkommen. Schreiben Sie einen Wettbewerb in der Gruppe aus. Derjenige/diejenige, der/die meisten mit ihren Bedeutungen aufschreibt, erhält einen kleinen Preis. Ein Tipp: Stöbern Sie auch in unserem Alltagsdeutsch-Archiv!

Autorin: Daniela Wiesler

Redaktion: Beatrice Warken

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