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Europa

Sadzius: "Zustimmung zum Euro wird steigen"

Litauen ist seit dem Jahresbeginn Euro-Land Nummer 19. Nur die Hälfte der Litauer steht der neuen Währung positiv gegenüber. Das wird sich ändern, sagt Litauens Finanzminister Rimantas Sadzius im DW-Interview.

Deutsche Welle: Warum führen Sie ausgerechnet jetzt den Euro als Währung ein, wo doch alle Welt über die Schulden- und Wirtschaftskrise im Euro-Raum spricht?

Rimantas Sadzius: Die Leute reden nun ja schon eine ganze Weile von der Euro-Krise, aber der Euro hat gezeigt, dass er widerstandsfähig ist gegenüber Schocks von außen und auch gegenüber Spannungen im Inneren. Ich denke, die Euro-Zone hat jetzt einen Zustand erreicht, in dem sie mit allen Krisen fertig werden kann, ohne Hilfe von außen zu brauchen. Litauen hatte seine Währung, den Litas, bereits seit 2002 an den Euro gekoppelt. Wir haben alle Turbulenzen mitgemacht, die die Euro-Zone durchlitten hat: interne Abwertung, echte Einschnitte bei Löhnen und Sozialleistungen um bis zu 30 Prozent. Aber wir konnten nie mitbestimmen und die Vorteile der Euro-Währung voll nutzen. Wir haben von niedrigeren Zinsen zur Finanzierung unseres allerdings sehr kleinen Haushaltsdefizits profitiert. Nun werden wir auch mit an dem Tisch sitzen, an dem die Entscheidungen fallen. Für das Investitionsklima ist das gut, denn wir werden jede Gefahr der Abwertung der nationalen Währung los, weil wir den Litas zu dem Kurs in Euro tauschen, den wir bereits vor zwölf Jahren festgelegt haben.

Das Verhältnis zwischen Litas und Euro ist schon lange festgelegt. Was ändert sich dann eigentlich für Menschen, außer dass sie jetzt auch das Euro-Bargeld in Händen halten werden?

Sie müssen keine Umtauschgebühren mehr bezahlen. Die Zinsen für Kredite werden sinken, nicht nur für den Staat, auch für Privatleute und Unternehmen. Für Investoren, die wir dringend brauchen, wird es lohnender, in Litauen zu investieren, weil sie keinen Risikoaufschlag mehr einrechnen müssen. Das Währungsrisiko fällt weg. Dadurch kann der Gewinn auf das investierte Kapital für ausländische Anleger steigen.

Die magische Zahl für Litauen ist 3,4528. Das ist die offizielle Umtauschrate: 3,45 Litas für einen Euro. Wie lange werden die Menschen in ihren Köpfen noch umrechnen, was glauben Sie?

Die Erfahrungen aus anderen Ländern, die den Euro eingeführt haben, zeigen, dass die Menschen noch sehr lange umrechnen, mindestens fünf Jahre. Um den Übergang zu vereinfachen, haben wir seit August in allen Geschäften eine doppelte Auszeichnung der Waren in Litas und Euro. Das wird noch bis Juni 2015 beibehalten. Nur die Hälfte aller Menschen in Litauen glaubt im Moment, dass die Einführung des Euro Vorteile bringt. Nur die Hälfte! Aber wir haben im Nachbarland Estland gesehen, dass es zwei Jahre dauert, bis 85 Prozent den Euro gutheißen. Die Esten sind auch sehr vorsichtig, wenn es um ihre persönlichen Finanzen geht. Ich glaube, bei uns wird es auch zwei Jahren dauern, bis die Zustimmungsrate ähnlich hoch ist.

Wie wollen Sie verhindern, dass manche Branchen den Währungswechsel für Preiserhöhungen nutzen. In Deutschland gab es ja lange die Ansicht, der Euro sei ein "Teuro", weil zumindest gefühlt die Preis anzogen?

Wir beobachten die Preisentwicklung sehr genau. Es gibt besonders im Dienstleistungssektor steigende Preise. Das lässt sich aber wirtschaftlich begründen, weil die Löhne in dem Bereich um vier bis fünf Prozent jährlich steigen. Das hat nicht unbedingt mit dem Euro zu tun. Im Rest der Wirtschaft bleiben die Preise bislang stabil oder fallen sogar, weil international die Energiepreise und die Lebensmittelpreise geringer werden. Neben unseren Kontrollen wirkt sich natürlich auch die Konkurrenz aus. Die Leute werden vergleichen, welches Café zum Beispiel die Preise nach oben "gerundet" hat oder welches billiger wird. Dann gehen sie natürlich dahin. Ich glaube, einen Teuerungseffekt wird es kaum geben. Die Preisbeobachtung wird das ganze Jahr 2015 stattfinden.

Der Litas war nach dem Ende des Kommunismus Anfang der 1990er Jahre ein sehr starkes Symbol für die Unabhängigkeit Litauens. Glauben Sie, dass manche Menschen Probleme damit haben werden, dieses Symbol und damit auch ein wenig Unabhängigkeit aufzugeben?

Ja, dieses Gefühl gibt es. Wir sind sehr emotionale Menschen. Deshalb werden die Euro-Münzen auf der einen Seite das litauische Nationalsymbol zeigen (Vytis, einen Ritter zu Pferde mit gezücktem Schwert, d. Red.). Das Symbol wird seit dem 14. Jahrhundert auf unsere Münzen geprägt. Jetzt wird dieses litauische Symbol in ganz Europa verbreitet werden, von Malta bis nach Finnland, von Irland bis nach Lettland. Das demonstriert unsere Identität in Europa.

Wie beeinflussen die Krise um die Ukraine und die europäischen Sanktionen gegen Russland Ihre Währungs- und Wirtschaftspolitik?

Wir mussten unsere Prognosen für das Wirtschaftswachstum deshalb in diesem Jahr nach unten korrigieren. Im nächsten Jahr erwarten wir eine Abschwächung des Wachstums um 0.9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Unsere Firmen, die ihre Waren nach Russland exportierten oder andere Waren nach Russland durch Litauen transportieren, haben Schwierigkeiten. Das beeinflusst selbstverständlich die Wirtschaft in Zukunft, aber wir sehen auch, dass die Unternehmen in der Lage sind, sich neu zu orientieren und neue Märkte im Westen zu erschließen anderswo in Europa. Dabei hilft die gemeinsame Währung natürlich auch.

Der Sozialdemokrat Rimantas Sadzius (54) ist seit Dezember 2012 wieder Finanzminister von Litauen. Der studierte Chemiker und Jurist bekleidete das Amt bereits von 2007 bis 2008. Die Euro-Einführung scheiterte in Litauen lange an der zu hohen Inflationsrate, die Sadzius unter Kontrolle brachte. Die baltischen Nachbarstaaten Estland und Lettland haben die europäische Gemeinschaftswährung bereits 2010 bzw. 2014 als offizielles Zahlungsmittel eingeführt. Litauen hatte in den letzten 100 Jahren die deutsche Ostmark, den Litas, den sowjetischen Rubel, den russischen Rubel, dann kurzzeitig den Talonas und seit 1993 wieder den neuen Litas als Währung. Bereits seit 2002 ist der Litas mit einer fixen Umtauschrate an den Euro gebunden.

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