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Asien

Sacharow-Preis an iranische Dissidenten

Eine Menschenrechtsanwältin, die zum Tode Verurteilte vertrat und ein Dokumentarfilmer, dessen Werk in einem Kuchen aus dem Land geschmuggelt wurde: Diese beiden Iraner erhalten den Preis des EU-Parlaments.

Die iranische Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh vertritt seit vielen Jahren iranische Politiker, Aktivisten und Journalisten vor Gericht, aber auch zum Tode Verurteilte, wenn sie die ihnen zur Last gelegten Verbrechen als Minderjährige begangen haben. Sotoudeh war Mitglied des "Komitees der Menschenrechtsverteidiger" im Iran, wo sie eng mit Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi zusammenarbeitete. Ebadi beschrieb ihre Mitstreiterin einmal gegenüber der Deutschen Welle als "eine der letzten tapferen Menschrechtsanwälte, die noch im Iran geblieben sind."

Hungerstreik im Gefängnis

Evin Gefängnis in Teheran im Iran. Es liegt am nördlichen Stadtrand von Teheran und entstand 1971 durch den Umbau des ehemaligen Domizils von Seyyed Zia'eddin Tabatabaee. Das Gefängnis ist berüchtigt für die politischen Häftlinge des Iran. (Foto: melimazhabi)

Evin Gefängnis in Teheran im Iran

Nasrin Sotoudeh wurde am 28.08.2010 verhaftet. Sie wurde in die Abteilung 209 des Teheraner Evin-Gefängnisses gebracht, die dem iranischen Geheimdienstministerium untersteht. Dort soll sie Berichten zufolge fast zwei Monate in Einzelhaft verbracht haben. Sotoudeh, Mutter von zwei Kindern im Alter von zwei beziehungsweise zehn Jahren, trat am 25. September in einen Hungerstreik. Sie protestierte damit dagegen, dass man ihr Besuche und Telefonate durch ihre Familie verweigerte. Nach vier Wochen Hungerstreik wurden Familienbesuche gestattet.

Im Januar 2011 verurteilte das iranische Revolutionsgericht die Anwältin zu elf Jahren Gefängnis. Sie wurde unter anderem folgender Taten für schuldig befunden: "Aktivitäten gegen die nationale Sicherheit", "Verbreitung von regierungsfeindlicher Propaganda", das Nicht-Tragen des vorschriftsmäßigen Kopftuchs bei der Entgegennahme eines Menschenrechtspreises in Italien. Sie wurde auch mit Berufsverbot und einem 20 Jahre gültigen Ausreiseverbot belegt. Ein Berufungsgericht verminderte die Gefängnisstrafe auf sechs Jahre.

Ausreiseverbote

Nasrin Sotoudeh vor Panzerscheibe in iranischem Gefängnis (Foto: iran-emrooz)

Nasrin Sotoudeh vor Panzerscheibe in iranischem Gefängnis

Im Juli 2012 wurde auch gegen Nasrin Sotoudehs Ehemann Reza Khandan und die zwölf Jahre alte Tochter Mehraveh ein Ausreiseverbot verhängt. Damit erhielt in der Islamischen Republik Iran zum ersten Mal ein Kind ein Ausreiseverbot. Reza Khandan sagte dazu gegenüber der Deutschen Welle: "Selbst wenn meine Tochter sich etwas hätte zuschulden kommen lassen, wäre dafür das Jugendgericht zuständig, und nicht das Revolutionsgericht."

Sotoudeh ist eine der wenigen politischen Gefangenen im Iran, die ihre Familie nicht für kurze Zeiträume besuchen darf, obwohl sie laut iranischen Gesetzen darauf einen Anspruch hätte. Im Oktober 2012 trat sie wieder in den Hungerstreik, um gegen die Beschränkungen ihrer Kontakte zu ihrer Familie zu protestieren. Ehemann Reza Khandan berichtete der Deutschen Welle: "Seit drei Monaten dürfen ihre Kinder sie nicht mehr im Gefängnis besuchen, seit 17 Monaten darf sie nicht mehr mit uns telefonieren. Sie wollte ihren Hungerstreik schon vor Wochen beginnen, ich war dagegen. Aber unsere Lage wurde immer nur schlimmer und ich konnte sie nicht von ihrem Entschluss abbringen." Der Gesundheitszustand von Nasrin Sotudeh soll ernst sein, sie musste in den vergangenen Tagen zweimal ins Gefängniskrankenhaus eingeliefert werden.

Berufsverbot für Filmemacher

Jafar Panahi ist einer der wichtigsten unabhängigen Filmemacher im Iran. Seine Filme und Drehbücher zeichnen sich durch einen menschlichen Blick auf das iranische Leben aus, häufig beschäftigen sie sich mit dem harten Leben armer Frauen und Kinder. Panahi erhielt 1995 die "Goldene Kamera" bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes und 2000 den "Goldenen Löwen" bei den Filmfestspielen von Venedig. Der Film "Offside" - er erzählt von weiblichen iranischen Fußball-Fans, denen im Iran der Zutritt zu den Fußballstadien verweigert wird - erhielt den "Silbernen Bären" auf der Berlinale 2006.

Solidarität mit Panahi bei den Berliner Fimfestspielen (Foto: Sebastian Willnow/dapd)

Solidarität mit Panahi bei den Berliner Fimfestspielen

Bei den umstrittenen iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 unterstützte Panahi die Oppositionsbewegung gegen Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Im März 2010 wurde der Filmemacher zusammen mit Ehefrau, Tochter und 15 Freunden von der Polizei verhaftet. Trotz Unterstützung von Filmemachern, Film- und Menschenrechtsorganisationen auf der ganzen Welt wurde er im Dezember desselben Jahres wegen "regierungsfeindlicher Propaganda " zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Außerdem erhielt er für 20 Jahre Berufsverbot, darf also in dieser Zeit keine Filme oder Drehbücher produzieren und keine Interviews geben, in der Zeit darf er auch nicht ausreisen.

"This is not a film"

Mitten in seinem Berufungsprozess verstieß Panahi gegen das Berufsverbot und drehte mit seinem Handy den Dokumentarfilm "This is not a Film". Er beschreibt einen Tag im Leben eines Filmemachers, der trotz Berufsverbots mit den Medien spricht. Der auf einem USB-Stick gespeicherte Kurzfilm wurde in einem Kuchen aus dem Iran herausgeschmuggelt und 2011 auf dem Internationalen Filmfestival in Cannes präsentiert.

Panahi hat in Abwesenheit seinen Platz in der Wettbewerbsjury bei den Filmfestspielen von Berlin 2011 behalten. Das Festival setzte damit ein Zeichen, Panahis Freiheitskampf zu unterstützen. Die italienische Schauspielerin Isabella Rossellini las dem Publikum einen Brief des iranischen Filmemachers vor. Darin schreibt er: "Ich weiß, ich werde im Geiste immer weiter meine Träume zu Filmen machen. In der Realität kann man mir das Arbeiten für 20 Jahre verbieten, aber niemand kann mich davon abhalten, zu träumen."

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