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Sport

Sabine Lisicki - vom Pechvogel zum Glückskind

Lange lag das deutsche Damentennis am Boden, jetzt steht mit Sabine Lisicki erstmals seit 1999 wieder eine Deutsche im Halbfinale von Wimbledon. Powertennis und Kampfgeist haben sie dorthin gebracht.

Sabine Lisicki (Foto:Anja Niedringhaus/AP/dapd)

Der Weg von Sabine Lisicki ins Wimbledon-Halbfinale ist kein märchenhafter Aufstieg im Eiltempo, sondern ein Langstreckenlauf mit vielen Hindernissen, den sie nur dank ihres unbeugsamen Willens schaffte. Die ersten Probleme gab es schon im Kindesalter, als die Schule im Geburtsort Troisdorf wenig Verständnis für die sportlichen Ambitionen hatte. Erst mit dem Umzug nach Berlin und dem Wechsel auf eine dortige Sportschule gelang der Spagat zwischen Sport und Bildung.

Früh als Talent erkannt

Dass sie Tennis spielen kann, zeigte sich schon früh. Trainiert und gefördert wurde sie zunächst von ihrem Vater Richard, einem gebürtigen polnischen Sportlehrer, der vor knapp 30 Jahren mit seiner Frau nach Deutschland kam. Im Gegensatz zu vielen anderen Tennisvätern ging und geht er ruhig und bedacht an die Sache heran. Bereits als Zwölfjährige spielte Sabine Lisicki in der deutschen Regionalliga – und schlug alle Gegnerinnen, die meist deutlich älter waren. Auf internationaler Ebene fiel sie dann auch der amerikanischen Trainer-Legende Nick Bolletieri auf, für dessen Trainingscamp sie ein Stipendium bekam. Seither hält sich Sabine Lisicki häufig zum Training in den USA auf. Sie ging dann den üblichen Weg eines Tennisprofis mit internationalen Jugendturnieren und 2004 schließlich den ersten Turnieren auf der ITF-Tour, der Tennisserie unterhalb der WTA-Turniere.

Erstes Verletzungspech

Sabine Lisicki schien auf dem richtigen Weg zu sein, doch dann warf sie eine Verletzung zurück. 2005 erlitt sie einen Ermüdungsbruch im Fuß, der sie zu einer langen Pause zwang und weit zurückwarf. Das wurde 2006 deutlich, als sie erstmals ins Rampenlicht der Öffentlichkeit trat, als man ihr beim Berliner Tennisturnier eine Wild Card gab. Doch sie war noch nicht so weit und verlor in der ersten Runde. Ein Jahr später konnte sie wieder nicht überzeugen. Auch alle Versuche, sich für die WTA-Tour zu qualifizieren, scheiterten.

Durchbruch

Das Jahr 2008 brachte für Sabine Lisicki den Durchbruch. Gleich bei ihrer ersten Teilnahme an einem Grand-Slam-Turnier – den Australian Open in Melbourne – erreichte sie die dritte Runde und begriff, dass sie mithalten konnte. Das Jahr war dann ein Auf und Ab, aber insgesamt zeigte die Tendenz klar nach oben. Im Herbst schaffte sie in Taschkent ihre erste Finalteilnahme. 2009 ging es weiter aufwärts, Höhepunkt war die Viertelfinalteilnahme in Wimbledon. In der Weltrangliste ging es rauf bis auf Platz 22.

Sabine Lisicki (Foto:Anja Niedringhaus/AP/dapd)

Kampfgeist pur - Sabine Lisicki im Viertelfinale gegen Marion Bartoli

Erneutes Verletzungspech und Rückschlag

Die gerade 20-Jährige schien in der Elite des Damentennis angekommen zu sein, als das nächste Unglück geschah. Bei den US-Open musste sie mit verletztem Knöchel vom Platz getragen werden. Es folgten eine lange Pause, 2010 der vergebliche Rückkehrversuch und wieder eine lange Pause. Das Jahr 2010 wurde mehr oder weniger zum Totalausfall, von April bis September konnte sie gar nicht spielen. In der Weltrangliste ging es rasend schnell abwärts bis auf Rang 230! Der Weg zurück über kleinere Turniere war langwierig und vor allem mühsam. Wie schwer zeigte sich noch im Frühjahr, als sie bei den French Open einen Schwächeanfall erlitt. Danach wurde dann auch noch zu allem Überfluss festgestellt, dass sie unter einer Getreideunverträglichkeit leidet. Sie musste ihre Ernährung komplett umstellen.

Triumph auf Rasen

Viele andere Spielerinnen hätten vielleicht längst aufgegeben – nicht Sabine Lisicki. Ihr unbändiger Kampfgeist hilft ihr in schweren Situationen auf und neben dem Tennisplatz. "Ich will wirklich etwas erreichen und das geht nur mit hundertprozentigem Einsatz, ohne Wehleidigkeit", meinte sie 2008 in einem Interview. Und befragt zum Rückstand im Viertelfinale von Wimbledon gegen Marion Bartoli meinte sie: "Ich bin eine Kämpferin, egal wie es steht, ich kämpfe um jeden Punkt." Ihr Auftreten täuscht vielleicht manche Gegnerin – die talentierte Klavierspielerin ist immer freundlich, lächelt praktisch ständig. Gleichzeitig aber hat sie einen eisernen Willen, ist extrem ehrgeizig und steckt voller Energie. Sie liebt es vor Publikum zu spielen, kann sich dann immer noch etwas steigern.

Glückliche Fügung

Diese Züge halfen ihr, keine zwei Wochen nach dem Zusammenbruch in Paris das Rasenturnier von Birmingham zu gewinnen. Daraufhin gab es von den Organisatoren des Wimbledonturniers eine Wild Card – über ihre Weltranglistenposition wäre sie nicht qualifiziert gewesen. Über dieses Geschenk ist Sabine Lisicki extrem glücklich, was sie in so gut wie jedem Gespräch erwähnt. Hier wird ein weiterer Charakterzug deutlich – Dankbarkeit ist für sie kein Fremdwort.

Je nachdem wie das Wimbledonturnier weiter verläuft, erreicht Sabine Lisicki am Ende der Woche die beste Weltranglistenplazierung ihrer Karriere. Dank ihres Auftretens in Wimbledon werden prompt Vergleiche mit Steffi Graf laut. Davon sollte man aber tunlichst Abstand nehmen – auch um sie nicht zu sehr unter Druck zu setzen. Steffi Graf hat Wimbledon sieben Mal und insgesamt 22 Grand-Slam-Turniere gewonnen, davon ist Sabine Lisicki noch weit entfernt. Sie liebt das Rasentennis – obwohl sie ironischerweise eine Grasallergie hat. Der Rasen kommt ihrem Powertennis mit dem krachenden Aufschlag, der auch schon einmal 200 km schnell ist, entgegen. Ob sie ähnliche Erfolge auch auf anderen Belägen feiern kann, muss sie noch beweisen. Sie hat aber sicher eine gute Zukunft vor sich – wenn sie noch lernt, ihr Powertennis auch mal zu dosieren und wenn sie vor allem von weiteren Verletzungen und Rückschlägen verschont bleibt.

Autor: Wolfgang van Kann
Redaktion: Joscha Weber