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Alltagsdeutsch – Podcast

Saarländisch

Der Saarländer ist harmoniebedürftig, ein bisschen mundfaul und er liebt gutes Essen. Wenn er das Saarland verlässt, bekommt er schnell Heimweh. Dagegen hilft nur eins: Saarländisch schwätzen.

Sprecher:

Oh, je, es kommt immer über mich, wenn ich es gar nicht gebrauchen kann. Das fängt da unten im Magen an mit einem leichten ziehen und geht dann rauf bis ans Herz. Furchtbares Heimweh habe ich. Heimweh en masse, Heimweh nach dem Saarland. Das verstehen Sie nicht, das versteht nur ein echter Saarländer. "Was biste denn so stolz auf dein kleines Land?" fragen mich die Leute hier drüben. Und sagen: "Da gibt’s doch nichts." Wenn die wüssten. (Musik)

Befragte Personen:
"Das 20. Jahrhundert war ja eigentlich halbe-halbe für das Saarland. Halb war es im Reichsverband, und die halbe Zeit eigentlich draußen. Und deswegen sagt man immer noch ich fahr ins Reich, wenn man nach Kaiserslautern oder nach Trier fährt." / "Der Saarländer ist harmoniebedürftig, der Saarländer ist im Prinzip kein Revolutionär. Der hat gern, im Saarland sagt man sein Geheischnis, das ist ein typisch saarländischer Ausdruck. Der ist am liebsten zu Hause in seinem schönen Eigenheim, guckt Fernsehen, trinkt sein Karlsberg Urpils und ist froh, dass er seine Ruhe hat." / "Saarländer sind stolz auf ihre Art zu leben. Das savoir vivre, die Gemütlichkeit, das gute Essen."

Befragte Personen:

"Mittlerweile ist es so, dass man im Saarland besser isst und trinkt als in Frankreich, was vor fünfzehn Jahren nicht so war." / "Hier an der Grenze war es damals so, dass wir damals rübergegangen sind, wenn wir wollten besonders genießen viele Dinge. Mittlerweile gibt´s die hier besser. Jetzt kommen die Franzosen her zu uns. So hat sich das ganze gewandelt." / "Nobelpreisträger haben wir ja nicht, Olympiasieger auch nicht. Es gibt auch keine Pyramiden, nur rostige Denkmäler."

Sprecher:

Halt, halt, hoppla mal langsam, gelle. Der Armin Hary zum Beispiel, der hat bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille gewonnen. Das ist zwar schon lang her, das war 1960, aber vergessen sollten wir das nicht.

Befragte Person:

"Die Saarländer waren sogar stolz darauf, dass der Honecker aus dem Saarland war. Hauptsache berühmt – egal, was der macht. Hauptsache berühmt, aus dem kleinen Saarland - buff kommt jemand."

Sprecher:

Gut, das mit dem Honecker ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Schließlich haben wir auch genug anderes, worauf wir stolz sein können. Sie haben´s ja gehört: unsere urgemütlichen Wirtschaften und unser gutes Essen – Hauptsach, gut gegessen. Ja, und die herrliche Natur. Und ein paar berühmte Saarländer gibt’s ja schon: S´Nicole zum Beispiel, das hat doch immerhin damals den Grand Prix gewonnen, oder der Oscar Lafontaine. Das ist auch so ein typischer saarländischer Genießer, den die Leute überall kennen. Manche hier im Saarland sagen sogar, der hätte sich damals nur aus der Berliner Politik verabschiedet, weil er das Saarland so vermisst hat. Verstehen kann ich es ja, denn an unserer Heimat hängen wir Saarländer ganz besonders.

Befragte Person:

"Wenn Saarländer aus dem Saarland rausfahren, entwickeln sie sehr schnell Heimweh, das berühmte saarländische Hemmweh, dass man kaum, wenn man aus dem Saarland raus ist, guckt, ob noch alles in die Koffer reinpasst, dann anfängt zu zählen, wann man wieder nach Hause fährt. Wenn ich bei Bruchmühlbach so über die Grenze fahre, da kommt nur so ein Schild: Willkommen im Saarland. Dann spüre ich auch so einen emotionalen Ruck, dann weiß ich: ja, da gehör ich hin, das ist die Region, in der ich wohne."

Sprecher:

Ja, so geht’s mir auch immer, wenn ich hemmkomme. So eine Sehnsucht spürt nur ein Saarländer. Das liegt einfach in unserer Natur. Bei uns gibt es sogar eine Krankheit, die gibt’s nur einmal in Deutschland, ach was sag ich, wahrscheinlich sogar der ganzen Welt.

Befragte Personen:

"Die Flemm, das ist eine Schwermut, und die ist nicht festzumachen, die fliegt einen an, die hat man dann, und die kann man auch nicht so mit Pillen und Pastillen wieder los werden." / "Das ist irgendwo eine nicht zu definierende schwebende Traurigkeit, eine kleine Melancholie, die dann beim Saarländer aufs Gemüt schlägt. Ooch, isch wees net, isch glaub, isch bleeb heit dehemm. Das sagt er dann am liebsten montags. Ei, wasch hascht denn? Oh, isch hann de Flemm. Aber es ist nirgendwo bei der AOK katalogisiert, was eigentlich die Flemm ist. Aber es wäre vielleicht einmal ganz interessant." / "Flemm ist nichts anderes als das französische Wort flègme und das gehört zu Phlegma, und das kommt aus der Medizin des Barocks, wo man also aus den verschiedenen Körpersäften verschiedene Gemütszustände zuordnete. Die Flemm meint also ein absolut geistiges Unwohlsein."

Sprecher:

Ja genau, Unwohlsein. Und das ist besonders schlimm, wenn man fort von dehemm ist. Es gibt Rezepte gegen das Heimweh. Ich hab sie fast alle ausprobiert. Und ein paar helfen auch. Einfach schwätzen zum Beispiel. (Musik)

Befragte Person:

"Da habe ich in München studiert und hatte eine Kommilitonin aus Zweibrücken. Und wenn wir dann die Flemm hatten, also richtig deprimiert waren - das sind junge Menschen ja immer mal - und die Flitschen hängen ließen, dann haben wir auf einmal Platt geredet. Und dann mussten wir so lachen und das war so schön. Dann war alle Flemm weg." (Musik)

Sprecher:

Ach, klingt das schön. Was für eine herrliche Musik! Dabei war das bei uns nicht immer selbstverständlich, Platt zu singen und zu schwätzen. Ist es auch heute noch nicht. Vielen Saarländern ist unsere Sprache nämlich immer noch ein bisschen peinlich.

Befragte Person:

"Aus unerfindlichen Gründen schämen sie sich. Strengen sich furchtbar an, hochdeutsch zu sprechen und landen dann damit auf die Nase."

Sprecher:

Ja, ja hier im Reich haben sie sich eben immer ein bisschen über uns lustig gemacht und uns nicht richtig ernst genommen. Bei uns hat´s ja auch lange nur Kohle und Stahl gegeben. Und manche Leute denken heute noch, dass wir gar keine richtigen Deutschen sind.

Befragte Person :

"Das ist wahrscheinlich so, dass wir hier in der Ecke als kleines Völkchen von der Geschichte so gebeutelt wurden, dass wir uns immer ein bisschen ducken mussten."

Sprecher:

Saarfranzosen rufen sie über uns, dabei gehört das Saarland jetzt schon 50 Jahre zu Deutschland. Zum Glück stören wir Saarländer uns da nicht mehr dran, denn wir haben gemerkt wie gemütlich und mollig unsere Sprache ist.

Befragte Person:

"Hochdeutsch kommt aus dem Kopf, Platt kommt aus dem Herzchen."

Sprecher:

Das hat er aber mal schön ausgedrückt: Sprache des Herzens! Ach, wie schön. Aber Sie müssen wissen, auch wenn Platt von Herzen kommt, Platt ist nicht gleich Platt. Ein Saarbrücker schwätzt ganz anders als jemand aus Saarlouis, dabei liegen nur 20 Kilometer dazwischen.

Befragte Personen:

"Wenn man im Osten, das wäre das rheinfränkische Gebiet, sagt: guggen für sehen oder schauen, dann heißt das lu mol im Moselfränkischen. Das ist ein anderes Verbum. Die relativ starke Trennung zwischen Rheinfränkisch und Moselfränkisch hat ganz alte Gründe, die wohl zusammenhängen mit den frühmittelalterlichen Gegebenheiten. Man hat festgestellt, dass die Grenze zwischen dat und das, wat und was ziemlich genau mit der alten Bistumsgrenze zusammenhängt." / "Da kann es Ihnen natürlich passieren, wenn sie sich irgendwann mal verfahren nachts im Nordsaarland, und sie fragen nach dem Weg, dann ist selbst der bemühteste Saarländer nicht in der Lage, ihnen zu sagen, wo es lang geht.

Sprecher:

Ja, lu mal lo, da leit er. Und wenn sie es dann bis Saarbrücken geschafft haben, dann sollten sie den Hans Beiselschmidt unbedingt im "Blauen Hirsch" besuchen, das ist seine Kneipe und sein Theater. Der kann Ihnen viel übers Saarland und uns Saarländer erzählen.

Hans Beiselschmidt:

"Da gibt es ja auch mittlerweile einen Telefonübersetzer, einen nordsaarländischen Linguisten. Den hat das Bildungsministerium extra eingerichtet für Menschen, die Probleme mit ihrem Computer haben und die bei der Hotline anrufen."

Sprecher:

Und, dass wir uns manchmal sogar untereinander gar nicht richtig verständigen können.

Hans Beiselschmidt:

"Und da kann es nun mal so sein, dass dann ein Nordsaarländer aus dem Landkreis Weißkirchen aus dem schönen Örtchen Badenbach bei der Computerhotline anruft und sagt: Ist da die Computerhotline, ich habe ein Problem mit meinem Computer. Und da weiß die natürlich sofort schon Bescheid und stöpselt den richtigen Menschen ein, der sich dann in der Lage ist, mit dem zu sprechen. Und das macht er dann, indem er sich gleich als solcher zu erkennen gibt: Was ist das Problem? Ich war beim Konrad, hab mir einen neuen Computer gekauft. Die Soundkarte funktioniert, aber das Ding springt nicht an. Wieso springt das Ding nicht an, hast du denn auch die Platinenhauptadapter eingestöpselt? Du musst auch die breite grüne Schnur mit dem roten Steckerchen in den roten Adapter einstöpseln. Oh, was es nicht alles gibt. Ja, dann mach das mal. Und sonst schick das Teil zurück. Na, dein Job ist ja gut. Das nächste Mal brauch ich gar nicht anzurufen. Wenn wir uns noch mal treffen, dann trinken wir einen. Alla, tschüß!"

Sprecher:

Haben Sie das alles verstanden? Keine Angst, Computer sind manchmal genauso schwer zu verstehen wie unsere Sprache.

Befragte Person:

"Der Saarländer versucht, aus zweisilbigen hochdeutschen Wörtern ein einsilbiges zu machen."

Sprecher:

Der normale Saarländer schwätzt nicht so schnell und nicht so viel.

Befragte Personen:

"Der sagt nicht: ich habe, sondern: isch hann, oder sogar schann." / "Man muss verstehen lernen. Wenn der Saarländer einen begrüßt, dann sagt er nicht überschwänglich: Guten Tag, wie geht’s Dir. Dann sagt er ganz einfach unn? Und das ist dann alles, ne."

Sprecher:

Warum lange Worte machen, wenn es auch kurz geht?

Befragte Personen:

"Ich hätte fast gesagt, die Knappheit. So dieses jo oder nee, fast mundfaul." / "Saarländische Begrüßung: Kumm rin, hugg dich hin, gugg dich um, froo waschte willscht , saa waschte hast unn geh, wann de muscht."

Sprecher:

Ja, so sind wir Saarländer. Eigentlich kommen wir sogar mit einem Wort aus. Es gibt nämlich eins, das kann so gut wie alles bedeuten, das ist kloor.

Befragte Personen:

"Kloor, das ist ein Wort, das es im Hochdeutschen nicht gibt." / "Das kommt eigentlich von klar." / "Ist auch sehr schwer zu übersetzen. Wenn jemand sagt: kloor, dann kann man das nur an Beispielen festmachen." / "Der is aber mal kloor. Kann man wirklich zu allem möglichen, was einem irgendwie auffällt, sagen."

Sprecher:

Ja, so ist unsere Sprache: wundervoll vielfältig und manchmal richtig schön einfach. Huch, jetzt bin ich ja am Schwärmen, dabei wollte ich eigentlich nur mein Heimweh loswerden. Aber wissen Sie was: Es gibt nur ein einziges Rezept gegen Heimweh und Flemm: man muss hin.

Befragte Personen:

"Es gibt im Saarland die Fama, dass im Saarland jeder jeden kennt oder zumindest einen gemeinsamen Bekannten hat, weil das Saarland ja nicht so groß ist. Und das Saarland kennt man in und auswendig wie sein linker Buchsesack." / "Das Geheischnis ist fürs Saarland ganz ganz wichtig. Ist aber auch aus der Geschichte des Saarlands zu erklären: es war ein ständiges driwwer und niwwer. Ständig mussten die Saarländer eigentlich erklären, dass sie zu Deutschland gehören wollen. Und aus diesem Gefühl hat sich so was wie eine eigene Identität entwickelt."

Sprecher:

Ich glaub, am besten pack ich jetzt meine Koffer nix wie heim. Und vielleicht bleib ich diesmal ja für immer da. Baue ein Haus, trete in einen Verein ein – und lass es mir so richtig gut gehen.

Fragen zum Text:

Wie nennen die Saarländer ein starkes Gefühl von Traurigkeit und Schwermut?

1. Schwemm

2. Klemm

3. Flemm

Was heißt schann auf Hochdeutsch?

1. ich schaue

2. ich habe

3. ich schenke

Was erfährt man im Beitrag über die saarländische Küche?

1. Die Saarländer sind stolz auf ihr gutes Essen.

2. Die Saarländer bevorzugen die französische Küche.

3. Die Saarländer mögen am liebsten Fastfood.

Arbeitsauftrag:

Kumm rin, hugg dich hin, gugg dich um, froo waschte willscht, saa waschte hast, unn geh, wann de muscht. – Versuchen Sie, diese typisch saarländische Begrüßung ins Standarddeutsche zu übersetzen. Hören Sie sich den Beitrag auch an, dann fällt es Ihnen bestimmt leichter.

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