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Deutschland

Süssmuth: "Ich muss als Migrant immer besser sein als die Einheimischen"

Die UN-Kommission für internationale Migration hat Chancen und Risiken der Migration untersucht. Rita Süssmuth ist Mitglied der Kommission. Im Interview mit DW-WORLD.DE fordert sie eine moderne Migrationspolitik.

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Hat am Bericht der Weltkommission für internationale Migration mitgearbeitet: Rita Süssmuth

DW-WORLD: Die UN-Weltkommission, hat am Mittwoch (31.5.06) in Berlin auf der Konferenz über globale Migration ihren Migrationsbericht vorgestellt. Sie sagen: Migration ist ein internationales Phänomen, dem nur durch globale Lösungsansätze begegnet werden kann. Was sind die größten Herausforderungen für die Weltgemeinschaft? Rita Süssmuth: Wir haben es bei den 200 Millionen registrierten Migranten überwiegend mit erzwungener Migration zu tun haben. Das heißt, diese Menschen haben "unfreiwillig" ihr Land verlassen, überwiegend aufgrund extremer Armut, Krieg oder wegen politischer Gewalt. Wir müssen auf Grundlage der Menschenrechte weg von der erzwungenen, hin zu mehr freiwilliger legaler Migration, um den Menschen ein menschenwürdiges und sicheres Leben zu ermöglichen.

Ein zweites Hauptproblem sind die unterschiedlichen Erwartungen - zum einen der Flüchtlinge, zum anderen der Aufnahmeländer. Die meisten Migranten wollen ein besseres und sichereres Leben haben. Sie verlassen ihr Heimatland, um zu überleben. Unter den Aufnahmeländern gibt es solche, die haben großen Bedarf an Migranten - als Arbeitskräfte. Und andere Länder wie Deutschland, mit hoher Arbeitslosigkeit, die die Zuwanderung in den letzten zehn Jahren erheblich gedrosselt haben. Deshalb steigt die illegale Migration immer weiter an.

Und die dritte Herauforderung: Wir haben es in bestimmten Regionen der Welt mit Überbevölkerung zu tun, in anderen Gebieten hingegen mit schrumpfender und alternder Bevölkerung - vornehmlich in Europa. Die meisten Staaten haben heutzutage demografische Probleme.

Der Lösungsansatz muss in die Richtung gehen, dass es für Entsender- und Aufnahmeländer eine win-win-Situation wird. Und deswegen stellt der Bericht der Weltkommission gerade den Zusammenhang zwischen Migration und Entwicklung ganz stark heraus.

In dem Bericht machen Sie Vorschläge zur besseren Gestaltung und Steuerung der internationalen Migration. Und Sie raten dringend dazu, die positiven Effekte der Migration zu fördern. Welche genau sind das?

Die wichtigsten positiven Effekte liegen im humanen Potential - also in den Menschen selbst. Wir reden bei uns in Deutschland viel zu wenig darüber, was bei uns Migranten zum wirtschaftlichen Wohl beigetragen haben. Aber auch in sozialer und kultureller Hinsicht. Nehmen wir das Wirtschaftliche. Deutschland hat zwar von 1956 bis 1973 bei der Rekrutierung von Millionen Gastarbeitern Fehler gemacht, indem wir überwiegend ungelernte Arbeiter mit geringer Schulbildung ins Land geholt haben. Aber wir dürfen nicht vergessen, in welchem Maße die Migranten bei uns fehlende Arbeitskräfte ersetzt haben.

Oder schauen wir auf die aktuelle Situation: die Spargelstecher, die Helfer bei der Erdbeerernte. Oder gucken wir auf den ganz wichtigen Bereich der Alten-und Krankenpflege. Was meinen Sie, wie es in manchen Haushalten oder auch in unseren Krankenhäusern mit Pflegebedürftigen aussähe, wenn wir die Migrantinnen und Migranten nicht hätten. Ganz zu schweigen von der Wirtschaft und der Wissenschaft. Einwanderer arbeiten bei uns auch in den höchsten Etagen.

Die Kommission hat versucht, für das komplexe Problem der globalen Migration komplexe Lösungsansätze zu finden. Wie soll das überhaupt funktionieren? Lässt sich Migration steuern? Ja, unter anderem durch bilaterale Verträge. Zum Beispiel zwischen Albanien und Italien. Da sagt man dann den Migranten: Ihr bekommt Visa für dreimalige Besuche, ihr habt einen befristeten Aufenthalt und euer Land nimmt euch zurück.

Viele afrikanische Länder beispielsweise werben ihre weggegangenen Migranten wieder zurück. Sie bieten ihnen die doppelte Staatsbürgerschaft an oder gewähren ihnen Kredite, damit sie sich selbständig machen können. Es gibt zum Beispiel auch schon Vereinbarungen, dass Ärzte aus Entwicklungsländern in Afrika in entwickelten Staaten ausgebildet werden und dann wieder zurückgehen können.


Und es geht vor allem auch darum, weltweit gemeinsame Regelungen für die Flüchtlingsaufnahme zu finden, so wie es sie bereits in der Europäischen Union gibt. Damit nicht, wie jetzt im Fall Spanien, ein Land alle Lasten einer illegalen Zuwanderung zu tragen hat. Afrika folgt zum Beispiel schon dem europäischen Modell.

Wir schlagen vor, dass wir auf internationaler, nationaler und regionaler Ebene mehr Kooperation und Koordination brauchen. Es muss noch mehr Erfahrungsaustausch geben, so dass die Regierungen über Neuregelungen nachdenken und diese auch praktizieren.

Müssen viele Aufnahmeländer erst lernen, mit Migranten umzugehen?

Ich denke ja. Nehmen Sie unser Land, dass Jahrzehnte gesagt hat: Die Migranten kommen nur für kurze Zeit und gehen dann alle wieder nach Hause. Viele sind aber geblieben. Natürlich haben wir in allen Ländern auch zeitlich befristete Aufenthalte. Aber wenn wir dauerhaft zusammenleben, dann gilt es, sich mit der Kultur der Ankommenden und umgekehrt mit der Kultur des Aufnahmelandes vertraut zu machen.

Wir müssen lernen, mit Menschen aus nicht nur 30, 40 mitunter sogar mehr als hundert Nationen zusammenzuleben und dies friedlich. Und es geht auch darum, dass wir lernen müssen, wechselseitig voneinander zu lernen und nicht einseitig, und nur die Anforderungen an die Zuwanderer zu stellen.

Das multikulturelle Alltagsleben erscheint erst einmal sehr bunt in den Straßen unserer Städte. Aber wenn es wirklich darum geht, Tür an Tür miteinander zu leben, dann stellt das erhebliche Anforderungen an die Integration.

Die Migranten stehen also in der Pflicht? Bei den Migranten liegen die Hauptpflichten. Wenn man die Diskussion in den Ländern verfolgt, dann heißt es immer: Ihr habt die Sprache zu lernen, ihr habt euch zu integrieren in unsere Lebensgewohnheiten, ihr habt euch mit unserer Verfassung und Geschichte auseinanderzusetzen und ihr habt dafür Sorge zu tragen, dass ihr Arbeit findet und nicht von der Sozialhilfe lebt.

Die Migranten wissen ganz genau, welche Anforderungen an sie gestellt werden. Das ist keine Kuschelpartie. Wer in ein anderes Land geht, der weiß um die Risiken, die hohen Belastungen und die besonderen Anstrengungen. Ich muss als Migrant immer besser sein, als die Einheimischen, damit ich dort bestehen kann.

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