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Kultur

Sünder im Priestergewand

Ein Geistlicher missbraucht Kinder – solche Vorwürfe gibt es immer wieder. Die sexuellen Übergriffe seien kein rein kirchliches Phänomen, sagen Experten. Aber sie sind uneins darüber, ob die Kirche richtig damit umgeht.

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"Sexuell zurückgeblieben": Wenn Pfarrer sich an Kindern vergehen

Ob St. Pölten in Österreich, ob England, Australien oder die USA: Sexueller Missbrauch von Kindern scheint in den Kirchen zuzunehmen. Es passiert zwar nicht nur dort. Doch wiegen die schweren Vergehen innerhalb der Kirche - in einer Institution, die Vorbild sein will - besonders schwer. Und viele Fälle kommen erst ans Licht, wenn ein Strafverfahren läuft.

Im Kampf mit der eigenen Sexualität

Doch warum kommt sexueller Missbrauch in Kirchen so oft vor? "Bei dem einen ist es schlicht eine Krankheit", erklärt der Theologe Wunibald Müller. Er leitet das Recollectio-Haus in Münsterschwarzach, das katholischen Priestern in Lebenskrisen hilft. Andere hätten auch den Zölibat missverstanden und sich nicht mit der eigenen Sexualität auseinander gesetzt. "Sie sind in ihrer psycho-sexuellen Entwicklung zurückgeblieben", sagt Müller: "Dann sucht ein 30-Jähriger Kontakte immer noch bei 14-Jährigen."

Mancher Geistliche spüre sogar seine Neigung und glaube dann, ein Leben im Zölibat sei das Sicherste: "Man kann aber solche Probleme nicht lösen, indem man sie unterdrückt", betont Tim Schmidt, evangelischer Sprecher der ökumenischen Initiative "Kirche von unten".

"Am Zölibat liegt es nicht"

An der Pflicht zur sexuellen Enthaltsamkeit will aber keiner der beiden rütteln: "Der Zölibat ist nicht die eigentliche Ursache", sagt Müller. Schließlich habe auch die evangelische Kirche laut Schmidt ein Missbrauchsproblem.

Geteilt sind aber die Meinungen darüber, wie die Kirchen gegen die Sünder im Talar vorgehen. "Was uns vor allem ärgert, ist, dass die katholische Kirche ihre Angestellten vor Strafverfolgung schützt", schimpft Schmidt: "Es ist durchaus möglich, dass ein Priester einfach nur versetzt wird."

Schweigen und verdrängen…

Kirchenrenovierung in Schöngleina bei Jena

Die Kirchen müssen ihr Ansehen renovieren

Grundsätzlich darf die Kirche tatsächlich erstmal ihr eigenes Recht anwenden, den Codex Iuris Canonici. Erhärte sich der Verdacht, "wird der Betroffene beurlaubt oder suspendiert", erklärt Müller – suspendieren heißt, der Mann darf sein Amt nicht mehr ausüben, also keine Beichte mehr abnehmen und keine Sakramente austeilen. Zur Not auch lebenslang, sagt Schmidt. Die Priesterweihe behalte er aber, die sei unauslöschlich.

Schmidt klagt: "Die Opfer bekommen höchstens ein Almosen. Und manchmal müssen sie fast selbst beweisen, dass etwas passiert ist." Die katholische Kirche breite darüber den Mantel des Schweigens: "Sie hat einfach Angst, ihre Reputation zu verlieren."

…oder prüfen und klären?

Die evangelische Kirche gehe viel konsequenter vor und schalte sofort die Staatsanwälte ein. Dagegen regele die katholische Kirche die Angelegenheiten erst immer intern: Dass seit 2001 jeder Missbrauchsverdacht sofort dem Vatikan gemeldet werden muss, sieht für Schmidt nach Verschleierungstaktik aus.

Müller dagegen findet die Aktion des Papstes "zunächst mal gut". Die Tendenz zum Verschweigen habe es "bis vor ein, zwei Jahren" noch gegeben, "aber das hat sich geändert". Die katholische Kirche habe die Missbrauchs-Opfer stärker im Blickfeld und prüfe auch Priester-Kandidaten sehr genau: "Es reicht nicht, wenn jemand einfach fromm erscheint." Laut Schmidt ist auch die evangelische Kirche sehr sensibel.

Schlichter und anonyme Hotline Andere Staaten böten zwar eine intensivere Betreuung, sagt Müller - in den Niederlanden könnten sich Opfer anonym melden, auch in Österreich gebe es einen eigenen Ombudsmann - doch Deutschland stehe auch nicht schlecht da. Schmidt dagegen wirft der katholischen Kirche noch immer zu großen Egoismus vor: "Der Priestermangel ist halt so eklatant, dass man es sich nicht leisten kann, allzu viele rauszuwerfen."

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