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Politik

Sühne für Sarajevo

In seinem ersten Urteil zur Belagerung von Sarajevo hat das UN-Tribunal in Den Haag den General der bosnisch-serbischen Armee Stanislav Galic zu 20 Jahren Haft verurteilt - die Opfer sind enttäuscht.

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Stanislav Galic: Ein Kriegsverbrecher versucht sich zu rechtfertigen

Wegen der Belagerung von Sarajevo und des blutigen Terrors gegen die Einwohner der Stadt hat das UN- Kriegsverbrechertribunal am Freitag (5.12.2003) den bosnisch-serbischen General Stanislav Galic zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Galic habe als Befehlshaber des bosnisch-serbischen Romania-Korps "Gewalttaten" zu verantworten, "deren erstes Ziel die Verbreitung von Schrecken unter der Zivilbevölkerung war", sagte der Vorsitzende Richter Alphons Orie bei der Urteilsverkündung. Galic war nach Überzeugung des Gerichts als Kommandeur verantwortlich für zahlreiche Angriffe auf Zivilisten. Während der 44 Monate andauernden Einkesselung der bosnischen Hauptstadt von April 1992 bis Dezember 1995 wurden 11.700 Menschen getötet. Die Anklage hatte lebenslange Haft gefordert.

Es ging um Terror

"Nirgendwo in Sarajevo konnten Zivilisten einen sicheren Platz finden", schilderte dagegen der Gerichtsvorsitzende Alfonsus Orie das Los der Einwohner, die fast zwei Jahre lang am hellen Tag von den umringenden Hügeln aus unter Feuer genommen wurden. Heckenschützen hätten sie bei Beerdigungen, bei Fahrten in Krankenwagen, Straßenbahnen und beim Fahrradfahren angegriffen. Aus den Zeugenaussagen folgerte das Tribunal: "Es ging vor allem darum, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, unter militärischen Aspekten hatten die Angriffe keine Bedeutung".

Die zerstörte Stadt Sarajevo in Bosnien-Herzegowina

Vor der Kulisse der immer noch zerstörten Stadt Sarajevo in Bosnien-Herzegowina schiebt eine Frau ihren Kinderwagen durch die Straflen. Nur langsam kehrt in Sarajevo der Alltag zurück. Der Wiederaufbau der Stadt ist noch im Anfangsstadium.

Die Belagerung von Sarajevo durch das Romania-Korps gilt als eines der dunkelsten Kapitel des Bosnienkrieges. Traurige Berühmtheit erlangte der Granatenangriff auf den Marktplatz der Altstadt im Februar 1994, bei dem 66 Menschen getötet und mehr als 140 verletzt wurden. Auch etwa 1500 Kinder starben während der längsten Belagerung in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges.

Galic kommandierte das Korps von September 1992 bis August 1994. Der 60-Jährige war am 20. Dezember 1999 von SFOR-Truppen festgenommen worden. Während des 17-monatigen Prozesses hatte er sich als unschuldig bezeichnet.

Gegen Zivilisten

Galic' Verteidigung konnte sich mit dem Argument nicht durchsetzen, die Ereignisse der Belagerung seien von Medien verzerrt dargestellt worden; zudem hätten die bosnischen Truppen selbst Granatenangriffe auf die Stadt zu verantworten. Das Tribunal räumte ein, dass bosnische Soldaten gelegentlich versucht haben könnten, internationale Sympathie dadurch zu gewinnen, dass sie selbst Schüsse aus dem Hinterhalt auf Landsleute abgaben und dafür die serbischen Angreifer verantwortlich machten. Selbst wenn es so etwas gegeben haben könnte, würde es doch nichts daran ändern, dass sich die Heckenschützen-Angriffe und Bombardierungen der serbischen Belagerer vor allem gegen Zivilisten richteten, betonte der Gerichtsvorsitzende.

Nach dem vor zwei Jahren abgeschlossenen Verfahren hatte die Anklage lebenslange Haft gefordert. Die Verteidigung hatte Freispruch beantragt, da sich unter den Menschen in der Stadt 50.000 Soldaten der vorwiegend muslimischen Streitkräfte von Bosnien-Herzegowina befunden hätten. Sie hätten meist keine Uniformen getragen und mit Vorliebe von Schulen, Krankenhäusern oder Moscheen aus die Belagerer unter Feuer genommen.

"Die Todesstrafe verdient"

Nach Ansicht vieler Menschen in Sarajevo ist das Urteil zu milde. "Verglichen mit dem, was er uns angetan hat, ist die Strafe viel zu niedrig", sagte ein 40-jähriger Mann, der während der Belagerung schwer verletzt worden war. Der Marktfrau Bera Beslagic kommen nach eigenen Angaben noch heute die Tränen, wenn sie an die damalige Zeit denkt: "Ich werde die Leichenteile und Schreie nie vergessen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand dafür nur 20 Jahre bekommt. Galic hat die Todesstrafe verdient." (sams)

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