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Afrika

Südsudan: Immer wieder auf Sendung

Josephine Achiro Fortelo kämpft für ausgewogene Berichterstattung, keine ungefährliche Aufgabe im Südsudan. Doch ihr kleines Bürgerradio im jüngsten Land der Welt lässt sich nicht einschüchtern.

Fast hätte sie ihren Job hingeschmissen. Zu groß war ihre Angst, nach dem was sie an diesem Tag erlebt hatte. Josephine Achiro Fortelo, Direktorin des südsudanesischen Bürgerradios Bakhita Radio, saß noch am Mikrofon im Studio, als eine Gruppe von Unbekannten brachial an die Redaktionstür hämmerte. "Mir wurde ziemlich klar zu verstehen gegeben, dass ich mich zu den Kämpfen zwischen Regierung und Rebellen künftig besser nicht mehr äußern solle."

Laut und handgreiflich wurde die 30-Jährige in ihrem Redaktionsbüro anschließend eingeschüchtert. So sehr, dass sie an ihrem Job zu zweifeln begann. Der Grund, warum die Unbekannten auf die Journalistin losgingen: Sie hatte in ihrer Radiosendung beide Bürgerkriegsparteien, also auch die verfeindeten Rebellen, zu Wort kommen lassen. Nüchtern stellt sie heute fest: "Eigentlich habe ich damals nur zusammengefasst, was passiert ist."

"Wir brauchen eine neue Sprache"

Viele persönliche Gespräche folgten: Im Team der 18 Mitarbeiter des Bürgerradios, genauso wie unter Kollegen des Netzwerks katholischer Bürgerradios im Südsudan. Bakhita Radio ist eines von neun kleinen Regionalradios mit gemeinnütziger Programmgestaltung, finanziell getragen durch die katholische Kirche. Ziel ist es, Informationen für religiöse und ethnische Minderheiten im Land anzubieten. Was Achiro Fortelo in ihrer Redaktion passierte, erfahren aber fast alle Redaktionen im Südsudan. Waren die Hoffnungen bei der Staatsgründung 2011 hinsichtlich einer freien Presse groß, stellte sich schnell Ernüchterung ein - insbesondere nach einem erneuten Ausbruch der Konflikte zwischen Regierung und Rebellen 2013.

Junge hält Radiogerät in der Hand, Bor, Südsudan, Foto: DW Akademie/P. Baerendtsen

Radio ist unverzichtbar im Südsudan. Nur jeder Vierte kann Schreiben und Lesen

Seitdem stehen Journalisten enorm unter Druck, werden bedroht, eingeschüchtert oder gar ermordet. Kritische Berichterstattung findet so kaum noch statt. Auch Bakhita Radio wurde 2014 für einige Wochen von der Regierung dicht gemacht - wegen vermeintlichen Anheizens des Konflikts, so der haltlose Vorwurf damals.

Dennoch sprachen viele Achiro Fortelo Mut zu - und sie begann, anders über ihre Situation zu denken. Plötzlich sah sie neben Gefahr und täglicher Mühsal auch Chancen in ihrem Beruf, beispielsweise dadurch, eine zerrissene Gesellschaft einen zu können. "Wir brauchen eine neue Sprache, die Frieden heißt." Mit dieser Idee im Kopf kämpft sie seitdem für den Fortbestand ihrer Redaktion. Der ist immer wieder gefährdet - mal durch Geldsorgen, mal durch politischen Druck. Dennoch wird hier jeden Tag Radio gemacht - dank einer 72 Meter hohen Radioantenne im Zentrum der Hauptstadt Juba. Nur ein streikender Stromgenerator kommt ab und an dazwischen.

Aufs Radio kommt es an

Josephine Achiro Fortelo, Leiterin Bakhita Radio im Südsudan, Foto: Albert Gonzalez Farran

Rückgrat des Bürgerradios - Achiro Fortelo kümmert sich um Themen, Fördergelder und Strom für den Sendebetrieb

Seit zehn Jahren machen die Mitarbeiter von Bakhita Radio so Programm. Auf Englisch, Arabisch und drei weiteren Lokalsprachen - mit über zwölf Stunden Liveshows täglich, auf einer in ganz Südsudan bekannten UKW-Frequenz. Talkrunden im Studio, Call-In-Sendungen mit Hörern oder kurze Informationsblöcke zu Gesundheit, Gemeindenachrichten und Terminen. Bei Bakhita Radio dominierenden inzwischen - notgedrungen - die praktischen Informationen zu Bildung, Gesundheit, religiöses Leben und Frauenrechte. Aber auch Sendungen für Bürgerkriegstraumatisierte sind Teil des Programms.

Lokale Radiosender, so wie sie von Achiro Fortelo und ihren Kollegen betrieben werden, bleiben dabei die wichtigste Informationsquelle im Südsudan. Das liegt auch daran, dass von den rund zehn Millionen Einwohnern nur jeder Vierte Lesen und Schreiben kann. Für sie ist Radio gleichermaßen lebensnotwendig. Dieser Verantwortung sind sich Leiterin Achiro Fortelo bewusst. Mit viel Hingabe und Detailversessenheit organisiert sie den Betrieb des Senders, spricht Themen ab, stellt Förderanträge bei Geldgebern.

Augen und Ohren der Gemeinde

Josephine Achiro Fortelo, Leiterin Bakhita Radio im Südsudan, Foto: Albert Gonzalez Farran

"Südsudan braucht gute Journalisten" - Josephine Achiro Fortelo

Ihr Weg in den Journalistenberuf - er steht stellvertretend für ein Land, in dem auch fünf Jahre nach der Unabhängigkeit jeden Tag die Fundamente neu gesetzt werden. Erst war sie im Sekretariat beim Bischof, dann arbeitete sie als Grundschullehrerin. Ein Gespräch mit dem früheren Studioleiter machte sie neugierig auf einen Beruf, der im Südsudan angesehen, aber schlecht bezahlt ist. Einen Beruf, der - wie sie leidvoll erfuhr - Gefahren birgt. Sie entschied sich dennoch, dabei zu bleiben - und denkt heute vor allem an die Zukunft. "Der Südsudan soll für uns alle ein besserer Ort zum Leben werden." Und ein solcher Ort, sagt sie, braucht auch freie Medien und gute Journalisten.

Deshalb engagiert sich Achiro Fortelo beim Verband der Medienfrauen, ebenso wie bei der Ausbildung junger Journalisten ihres Bürgerradio-Netzwerks. Oft arbeitet sie dabei auch mit Beratern und Trainern der DW Akademie zusammen. Was sie selbst in Workshops der Medienentwicklungsorganisation der Deutschen Welle gelernt hat, das gibt sie jetzt weiter. 45 Bürgerjournalisten haben ein solches Training aus dem Bürgerradio-Netzwerk schon durchlaufen. Sie sind jetzt "Augen und Ohren" der Gemeinde, sagt Josephine Achiro Fortelo und lächelt. "Lächeln", das ist bei Radio Bakhita übrigens Programmauftrag, schiebt die 30-Jährige dann noch hinterher. Schließlich wird das arabische Wort "bakhita" auch mit "glücklich" übersetzt.

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