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Afrika

Südsudan: "Angespannt und optimistisch"

Hans-Peter Hecking, Sudan-Experte des deutschen Hilfswerks "Missio", hält sich zurzeit im Südsudan auf. Im Interview mit der DW-WORLD.DE schildert er seine Eindrücke zur Unabhängigkeit.

Der Südan-Experte Hans-Peter Hecking (Foto: Missio).

Sudan-Experte Hans-Peter Hecking.

DW-WORLD.DE: Herr Hecking, wie ist die Atmosphäre vor Ort, einen Tag vor der historischen Staatsgründung?

Hans-Peter Hecking: Die Atmosphäre ist zugleich angespannt und optimistisch. Die Lage ist insofern angespannt, als dass der Konflikt in den Grenzregionen zwischen Nord- und Südsudan noch nicht beigelegt ist. Das macht sich auch hier im Süden bemerkbar. In der Stadt Wao, die ich besucht habe, gibt es seit sechs Wochen keinen öffentlichen Strom mehr. Die Versorgung ist sehr heruntergefahren worden, es kommen keine Güter aus dem Norden mehr durch. Aber insgesamt ist die Atmosphäre heiter und gespannt. Viele Menschen sind froh, nach der langen Zeit des Krieges und der Übergangsperiode soweit gekommen zu sein, dass man in die Unabhängigkeit gehen kann.

Wir erinnern uns an die Bilder nach dem Referendum im Januar: Menschen, die begeistert die Fahne des Südsudan schwenken. Kann man solche Bilder jetzt auch schon sehen?

Im Augenblick ist die Atmosphäre noch verhalten. In den letzten Tagen habe ich gesehen, dass überall für den morgigen Tag geprobt wird. Die Paraden werden geprobt, das Militär ist unterwegs, herausgeputzt, man exerziert. Selbst in den ländlichen Gebieten sind die öffentlichen Plätze oder die Monumente auf den Kreuzungen frisch gestrichen worden. Für den Abend hat man in der Nachbarschaft zu Abendessen eingeladen, auch über ethnische und religiöse Grenzen hinweg. Das Reisen ist im Augenblick hingegen etwas schwierig, weil die Sicherheitsmaßnahmen wie die Kontrollen auf den Straßen schärfer sind, als ich das vorher gewohnt war. Man kontrolliert genauer, es sind engere Kontrollen auch angesagt.

Im Ausland ist die Sorge bereits sehr groß, dass der Südsudan ein "failed state" werden könnte. Wie sehen das Ihre Gesprächspartner vor Ort?

Da ist man hier ganz anderer Meinung. Die Menschen gehen mit sehr viel Optimismus heran und hoffen, dass man durch die Ölvorkommen den Staat voranbringen kann. Da ist der Südsudan im Vergleich zu vielen andern afrikanischen Ländern tatsächlich viel besser aufgestellt. Die Frage wird sein, inwieweit die Einnahmen aus dem Ölgeschäft auch dem Volk zu nutze kommen werden.

Wie sehen Sie als Sudan-Experte diese Problematik - wird der Südsudan ein gescheiterter Staat?

Da muss man realistisch sein. Der Staat steht vor großen Herausforderungen. Es geht ja nicht darum, dass man nach dem Krieg etwas wiederaufbauen müsste. Es geht darum, einen neuen Staat aufzubauen, inklusive aller nötigen staatlichen Verwaltungsstrukturen. Denn im Krieg ist alles zerstört worden, was an Infrastruktur da war. Das wird eine große Herausforderung. Wir sollten aber dennoch optimistisch sein. Denn das Unterdrückungssystem des Nordens hatte keinen Bestand. Man wird also sehen müssen, wie sich die Situation hier im Südsudan weiterentwickelt. Das ist ja auch ein Vielvölkerstaat. Zudem stellt sich die Frage, welche Rolle die SPLM hier spielen wird. Die Gefahr, die ich sehe ist, dass es möglicherweise zu einem Einparteienstaat kommen könnte.


Interview: Daniel Pelz
Redaktion: Jan-Philipp Scholz