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Europa

Südosteuropa: Der Erste Weltkrieg in Schulbüchern

War der Attentäter von Sarajevo ein Held oder ein Terrorist? Was sind die Gründe für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs? Schüler in südosteuropäischen Ländern bekommen in ihren Lehrbüchern unterschiedliche Antworten.

Deutsche Soldaten im 1. Weltkrieg an der Ostfront (Foto: picture alliance/akg-images)

Deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg an der Ostfront

Im serbischen Teil von Sarajevo soll 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs ein

Denkmal von Gavrilo Princip

errichtet werden und auch in der serbischen Hauptstadt Belgrad gibt es Initiativen, die das Gleiche fordern. Der serbische Student hatte am 28. Juni 1914 den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Frau in Sarajevo erschossen. Nach dem Attentat stellte Österreich-Ungarn der serbischen Regierung ein Ultimatum, nur 30 Tage später herrschte Krieg. Princip war Mitglied der revolutionären Organisation "Junges Bosnien", sein Ziel war ein freier südslawischer Staat der Serben, Kroaten und Bosniaken.

"In Jugoslawien wurde

Princip als Freiheitskämpfer

dargestellt - und das gilt auch heute noch für serbische Schulbücher", erklärt die Südosteuropa-Expertin Claudia Lichnofsky vom Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig. Das betrifft sowohl Schulbücher in Serbien selbst als auch jene in der "Republika Srpska", der serbischen Entität in Bosnien-Herzegowina.

Gavrilo Princip Statue in Sarajevo (Foto: EPA/FEHIIM DEMIR)

Gavrilo-Princip-Statue in Sarajevo

Claudia Lichnofsky unterstreicht, dass in Bosnien-Herzegowina auch die Schulbücher nach ethnischen Kriterien aufgeteilt sind: Es gibt eigene Geschichtsbücher für serbische, kroatische und muslimische Bosnier. Geschichte werde aus der Perspektive der eigenen Volksgruppe gedacht. Doch im Fall von Gavrilo Princip sind die Unterschiede nicht so groß: Er werde in den Büchern für kroatische und bosnisch-muslimische Kinder zwar weniger als Held präsentiert, aber auch nicht "dämonisiert". Doch nur in den serbischen Büchern werde auch thematisiert, "welchen Repressionen die serbischen Bewohner Bosniens nach dem Attentat ausgesetzt waren", so Lichnofsky.

Held oder Mörder?

In Rumänien wird die Ermordung des Thronfolgers in den Geschichtsbüchern ganz klar als "terroristischer Akt" dargestellt. "Die Tat von Princip wird verurteilt, wie jeder Mord", sagt Ioan Popa, Geschichtslehrer am deutschsprachigen Brukenthal-Gymnasium in der rumänischen Stadt Sibiu. Doch war das Attentat der Grund für den Kriegsausbruch? "In den rumänischen Schulbüchern wird es eher als Vorwand dargestellt, als Funken, der das Pulverfass angezündet hat", erklärt Geschichtslehrer Popa. "Als Hauptgrund gilt die Rivalität zwischen den damaligen Großmächten um politischen Einfluss und Ressourcen."

Aus der Sicht der serbischen Schulbücher

trägt Deutschland eindeutig die Hauptverantwortung

. In einem Lehrbuch steht: "Die militaristische Armeeführung in Berlin, vom großen Kapital unterstützt, forderte eine Verschiebung der Einflusssphären und des Kolonialreichtums." Die Mittelmächte Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich hätten dieser Auffassung zufolge nur auf eine gute Ausrede gewartet, um die eigene Öffentlichkeit zu mobilisieren.

Anderer historischer Diskurs im Kommunismus

Wie die Ursachen und Hintergründe des Ersten Weltkriegs in Südosteuropa dargestellt werden, hat sich in ehemaligen Ostblock-Ländern wie Rumänien und Bulgarien nach dem Ende des Kommunismus stark verändert. In bulgarischen Geschichtsbüchern aus der Zeit vor 1989 wurde der Erste Weltkrieg ganz einfach mit den "Interessen der bulgarischen Bourgeoisie" erklärt, sagt der bulgarische Historiker Plamen Tsvetkov. Und der rumänische Geschichtslehrer Ioan Popa erinnert sich, dass er selbst noch als Schüler in den Lehrbüchern lesen musste, "dass der Imperialismus als Ausdruck der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft an allem schuld gewesen sei". Heute sei der historische Diskurs im Bildungssystem des eigenen Landes hingegen nüchtern, differenziert und frei von Propaganda, betonen Tsvetkov und Popa.

Der rumänische Historiker Lucian Boia (Foto Copyright: Radu Sandovici / Humanitas)

"Jede europäische Nation hat ihre eigene Geschichte des Ersten Weltkriegs": der rumänische Historiker Lucian Boia

Die Schulbücher in Südosteuropa zeigten generell, "dass Geschichte immer noch national gedacht wird", gibt Claudia Lichnofsky zu bedenken. "Es gibt Kontinuitäten, am liebsten von der Antike bis heute, wo die eigene Nation eine bestimmte Geschichte hat - obwohl der Begriff der Nation eigentlich etwas sehr Modernes ist. Vor dem 19. Jahrhundert haben die Menschen noch nicht in den heutigen Kategorien von Nationen gedacht."

Gemeinsame europäische Geschichte?

Es gebe aber bereits Versuche,

Geschichte multiperspektivisch zu betrachten

: Claudia Lichnofsky erwähnt ein neues Geschichtsbuch, herausgegeben vom europäischen Geschichtslehrerverband EUROCLIO, das die Ereignisse im ehemaligen Jugoslawien aus der Zeit von 1912 bis 1945 aus verschiedenen Blickwinkeln darstellt. "Da wird versucht, auch das Attentat auf Franz Ferdinand mit verschiedenen Quellen zu beleuchten." Ein guter Schritt wäre ihrer Meinung nach auch, wenn sich beispielsweise in Bosnien die Schüler aus einer Volksgruppe auch mit den Geschichtsbüchern der anderen beschäftigen würden, um über die Unterschiede in der Darstellung zu reflektieren.

Die nationale Brille gelte nicht nur für Südosteuropa: "Seit Jahrzehnten hatte jede europäische Nation ihre eigene Geschichte des Ersten Weltkriegs", sagt der rumänische Historiker Lucian Boia, der unter anderem ein Buch über Rumänien in den Anfangsjahren des Ersten Weltkriegs geschrieben hat. "Heute sollten wir versuchen, die diversen Interpretationen ins Gleichgewicht zu bringen, um zu einer gemeinsamen europäischen Geschichte zu gelangen."

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