Südkoreas Jugend zwischen Leistungsdruck und Jugendkultur | Asien | DW | 19.02.2018
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Asien

Südkoreas Jugend zwischen Leistungsdruck und Jugendkultur

Südkoreas Schüler arbeiten schon sehr früh auf ihre Uni-Aufnahmeprüfung hin. Doch paukende Schüler sind nicht das ganze Bild, wenn es um Südkoreas Jugend geht, meint Eun-Jeung Lee von der FU Berlin im DW-Interview..

Südkorea Aufnahmeprüfung Studium (Getty Images/Woohae Cho)

Junge Südkoreanerinnen feuern ältere Mitschüler an, die die Aufnahmeprüfung für die Universität ablegen

Deutsche Welle: Wie funktioniert das südkoreanische Bildungssystem und was sind die Hauptunterschiede zu unserem hier in Deutschland oder dem in den USA?

Eun-Jeung Lee: Es gibt zwölf Schuljahre und danach vier Jahre Studium bis zum Bachelor. Und dann - wenn man weitermachen will - gibt es auch Masterprogramme. Der wesentliche Unterschied ist, dass die Kinder in den Schulen sehr früh Benotungen und Evaluierungen ausgesetzt sind. Das heißt, das Schulsystem ist sehr zeitig und sehr stark auf Konkurrenz ausgelegt, und die zwölf Jahre Schulbildung sind letztendlich darauf fokussiert, im zwölften Schuljahr das bestmögliche Examen für die Aufnahme an einer Universität zu schaffen. Spätestens ab dem 6. oder 7. Schuljahr bereitet man sich auf die Aufnahmeprüfung vor. Das ist der größte Unterschied zu Deutschland oder zu den USA. Und: In Deutschland machen von einem Geburtsjahrgang nicht einmal 50 Prozent Abitur. In Korea sind es dagegen über 90 Prozent. 

Sie haben das Leistungsprinzip genannt: Der Ehrgeiz wird früh geweckt in den Kindern, die diesen Leistungsdruck auch schon in jungen Jahren spüren. Wie sieht es da aus mit der Kreativität, mit Kunst, den musischen Fächern?

Die sind sehr vielfältig. Was mich in Deutschland am meisten gewundert hat, war, dass Kunst- und Musikunterricht nicht selbstverständlich waren. In Korea gehören trotz des ganzen Leistungsdrucks - oder vielleicht gerade deshalb - Kunst und Musikunterricht dazu. Die Kreativität wird gefördert, aber sie wird eben auch bewertet. Das ist das Problem. Um in kreativen Fächern wie im Kunst- oder Musikunterricht bessere Noten zu bekommen, müssen die Kinder selbst in Musik und Kunst zusätzlich Unterricht nehmen. Eigentlich alles, was zur Allgemeinbildung gehört, wird bewertet. Und fließt dann in die Evaluierung mit hinein. Unser Bildungssystem in Südkorea  ist sehr leistungsorientiert. Nicht ohne Grund sieht man auch in Deutschland sehr viele koreanische Musikstudenten. Die sind von Kindheit an darauf trainiert, Virtuosen zu werden.

Südkorea Hagwon Schule (Getty Images/AFP/Yelim Lee)

Leistungsdruck von Anfang an: Kinder in einer Hagwon-Schule im Stadtteil Mok-dong in Seoul

Schauen wir uns einmal das Phänomen der Hagwons an, der privaten Nachhilfeschulen, die auch als Paukschulen bezeichnet werden. Wie verbreitet ist das?

Es ist sehr weit verbreitet. Aber es ist eher ein Phänomen im urbanen Bereich. Es gibt sie nicht in allen Provinzen, sondern in städtischen Regionen. Die Kinder nehmen das wie selbstverständlich hin, dass sie nach dem normalen Unterricht in der Schule zu diesem Privatunterricht gehen und dort weiter lernen. Problematisch ist,wenn ein Kind keinen Privatunterricht hat. Dann hat es in seiner Wohngegend kaum Freunde, mit denen es spielen kann. Und deswegen gehen die Kinder lieber am Nachmittag dort zum Unterricht, um mit Freunden zusammen zu sein.

Das heißt, es dient auch dazu, die sozialen Kontakte zu pflegen und ist ein Teil des allgemeinen Tagesablaufs?

Das hat sich so entwickelt, es ist ein relativ neues Phänomen. Bis in die 1990er Jahre war es nicht so. Man hatte zwar diese Privatschulen, aber nur in einem begrenzten Rahmen. Dass alle Schüler schon sehr früh zu solchen privaten Schulen gehen, das ist ein Phänomen der letzten 20 bis 25 Jahre.

Gibt es eine gesellschaftliche Diskussion über dieses System der Hagwons?

Ja, es gibt diese Debatte über Sinn und Unsinn dieses Bildungsdrucks und die negativen Seiten von Bildung. In Korea gibt es diese Diskussion eigentlich so lange ich zurückdenken kann. In den 1980er Jahren hatte der Präsident versucht, gegen den Privatunterricht vorzugehen. Das war damals noch nicht die institutionalisierte Privatschule, sondern Privatunterricht im individuellen Rahmen. Und 1981 gab es sogar ein generelles Verbot für Privatunterricht. Schon davor - in den 1970er Jahren - kam eine Diskussion darüber auf, wie man das Bildungssystem reformieren und besser gestalten könnte. Alle zehn Jahre haben wie eine große Debatte - auch jetzt, seit wir diese Privatschulen als soziales Problem identifiziert haben. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sehr viel Einkommen in der Mittelschicht für Privatunterricht ausgegeben wird.

Aber trotz dieser großen politischen und gesellschaftlichen Debatte hat keiner eine Lösung - das ist das Problem. Ich hatte in einer Diskussion in Korea angeregt, dass sich das doch lösen ließe, wenn alle auf die Privatschulen verzichten und nur noch auf den regulären Schulunterricht konzentrieren würden. Denn es gibt ja schließlich auch viele Schüler, die ohne den Hagwon-Unterricht eine gute Aufnahmeprüfung zur Universität schaffen. Doch viele Mütter sind misstrauisch und bestehen darauf, dass ihre Kinder die bestmögliche Förderung bekommen. Deshalb funktionieren die guten Vorschläge der Bildungspolitiker nicht.

Südkorea Mirror Organs: Play of Metonymy von Kelvin Kyung-kun Park (Getty Images/AFP/E. Jones)

Provokative Konzeptkunst: Ausstellung des südkoreanischen Künstlers Kelvin Kyung-kun Park in Seoul

Sind Teile der Jugend in Südkorea tatsächlich so frustriert wie manche Internet-Blogs vermuten lassen?

Die Kritik in diesen Internet-Posts ist manchmal übertrieben.Da drücken viele ihren Unmut aus. Aber wenn sie sich in den Schulen umschauen, dann ist der Schulalltag nicht so frustrierend. In Diskussionen wirkt das Problem sehr dramatisch. Aber ob diese Schüler den schulischen Alltag auch wirklich so dramatisch empfinden - davon gehe ich nicht aus.

Tipps für den Familienfrieden aus der Zeitung

Wie wirkt sich in Südkorea die hohe Jugendarbeitslosigkeit aus, etwa auf die Stimmung unter den jungen Leuten. Hier in Deutschland ist das ja auch ein Thema, etwa die Befristung von Arbeitsverträgen, dass man keine richtige Perspektive hat und dass der berufliche Einstieg sehr schwierig ist. Wie ist es in Südkorea?

Da gibt es auch Unmut. Trotzdem ist die Situation anders als in Deutschland. Wenn junge Menschen keine berufliche Perspektive oder noch keinen Job gefunden haben, leben sie in Korea noch bei den Eltern.Das erhöht natürlich zusätzlich den Stressfaktor, weil sie von den Eltern immer wieder unter Druck gesetzt werden. Das eskaliert regelmäßig und könnte zu einem Generationenproblem werden. Zum Beispiel jetzt beim Neujahrsfest, das alle Familien und Verwandten zusammen feiern. Da ist die berufliche Perspektive das Hauptthema in den Familien. Hat der Sohn einen guten Job, ist er beruflich gut untergekommen? Oder ist die Tochter verheiratet? Es gibt sogar Tipps für Eltern in Zeitungen oder in Internet-Portalen, welche Fragen sie nicht stellen dürfen, um den Familienfrieden während der Festtage zu bewahren. An erster Stelle auf der Verbotsliste stehen Fragen wie: Welche Stelle hast Du? Was verdienst du so?

Chloe Kim (Getty Images/M. Massey)

Eine Bilderbuchkarriere, die nur in den USA möglich ist? Chloe Kim, Goldmedaillengewinnerin mit koreanischen Wurzeln

Wird das von den jungen Koreanern auch als Hinderungsgrund gesehen, bevor sie heiraten und eine eigene Familie gründen und ihren nächsten Lebensabschnitt anstreben?

Wir haben das noch nicht genau untersucht, aber es ist ein Thema in den Medien, dass die junge Generation, die jetzt 20- und 30-Jährigen, eher nicht heiraten wollen. Das wird in Umfragen thematisiert. Da sagen offenbar relativ viele: Solange ich wirtschaftlich keine gesicherte Position habe, möchte ich nicht heiraten. Wie weit solche Umfragen tatsächlich aussagekräftig sind, kann ich nicht sagen. Aber Journalisten greifen das Thema natürlich auf.

Knallen in der Lebensgeschichte der US-Snowboarderin und Goldmedaillen-Gewinnerin Chloe Kim exemplarisch die verschiedenen Lebensphilosophien des Westens und des Ostens aufeinander? Also: Westlicher Individualismus über alles auf der einen Seite - wo jeder seine Träume verwirklichen soll und darf und auf der anderen Seite eine möglichst hohe Leistungsbereitschaft zum Wohle der Allgemeinheit?

Nein, denn wenn man bei diesem Beispiel von Chloe Kim die unterschiedliche Lebensphilosophie von Ost und West sehen würde, wie würde man dann Yuna Kim erklären, die als Eiskunstläuferin 2010 die olympische Goldmedaille und 2014 die Silbermedaille gewonnen hat und die zweimal Weltmeisterin war? Genau diese Yuna Kim hat ja ihren Traum in Korea verwirklicht. In Korea gibt es immer mehr solche jungen Athleten, die nach ihrem Ziel streben und ihre Träume verwirklichen. Das ist nicht unbedingt mit diesen unterschiedlichen Lebensphilosophien in Ost und West zu erklären. Chloe Kim oder andere Ausnahme-Athleten in Korea oder im Westen haben doch gemeinsam, dass ihre Eltern von ihnen schon als Kinder erwarten, dass sie gute Leistungen bringen.

Olympische Winterspiele Sotschi 2014 - Eiskunstlauf (Getty Images)

Yuna Kim gewann 2010 die olympische Goldmedaille, 2014 die Silbermedaille und war zweimal Eiskunstlauf-Weltmeisterin

Im Osten - beispielsweise in Korea und Japan - sind viele geneigt, immer schnell Konformität und Zwang zu sehen. Und gleichzeitig heißt es, in Deutschland sei alles individualistisch. Ich bin da sehr vorsichtig, solchen Klischees zuzustimmen und einen so klaren Unterschied zwischen Ostasien oder Korea und Deutschland zu sehen. Besonders im urbanen Bereich gibt es kaum Unterschiede. Und genauso wie Berlin in Dahlem ganz anders ist als in Reinickendorf, ist auch Seoul im Norden, Süden, Osten oder Westen ganz unterschiedlich. Es ist eine sehr pluralistische Gesellschaft, die in den verschiedenen Teilen der Städte oft ganz anders ist.

"Heute läuft fast alles zeitgleich ab"

Wie viel Freiraum für kreative Geister sehen Sie im Südkorea von heute?

In Korea gibt es viele Lebenskünstler, sie sich im kreativen Bereich bewegen und erfolgreich sind. Und damit auch ins Ausland kommen. Ich war gerade mit Bundespräsident Steinmeier in Korea, und wir haben dort auch Künstler getroffen. Es war wahnsinnig interessant zu sehen, was die machen. Es gibt genug Nischen für junge kreative Leute, in denen sie sich entfalten können. Und häufig gehen auch diese Leute, die in Korea mobil und motiviert sind, ins Ausland - auch nach Europa. Aber es ist nicht so, dass es für sie in Korea keine Möglichkeiten gibt. In den verschiedenen Szenen von Seoul brodelt es geradezu vor solchen kreativen Leuten, deren Eltern sie wahrscheinlich als verrückte junge Leute sehen - aber sie sind wirklich sehr interessant, im positiven Sinne.

Würden Sie sagen, dass sich die Jugendkulturen eher annähern, dass es auch hier einen Globalisierungstrend gibt? Dass sich das Lebensgefühl der Jugend in Ländern wie Korea und Deutschland durch Internet, Musik und Mode weiter angleicht?

Ja, das kann man beobachten. Wenn man sich in den 1980er und 90er Jahren mit Kultur in Japan, Korea und Deutschland beschäftigt hat, konnte man eine Zeitverschiebung beobachten. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sich Trends verbreitet haben. Aber jetzt gibt es kaum noch Unterschiede - da läuft fast alles zeitgleich ab. Ob es dabei um Musik geht oder aktuelle Internet-Trends. Nehmen Sie das Phänomen Mok Bang aus Korea, wo Youtuber essend vor dem Computer sitzen und Millionen Follower schauen ihnen dabei zu. Mittlerweile machen das schon Youtuber in Deutschland.

 

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