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Asien

Südkoreas deutscher Tourismuschef

Charm Lee fällt auf. Und das nicht nur wegen seiner Körpergröße, sondern auch wegen seines Jobs: Der gebürtige Rheinländer ist Südkoreas oberster Tourismuschef. Sein deutscher Name lautet Bernhard Quandt.

(Foto:Taufig Khalil)

Charm Lee, Südkoreas oberster Tourismuschef

Mindestens um einen, oft um zwei Köpfe überragt Südkoreas oberster Tourismuschef seine Landsleute, die sich längst an den ungewöhnlichen Koreaner gewöhnt haben. Denn eigentlich wurde Charme Lee 1954 als Deutscher unter dem Namen Bernhard Quandt in Bad Kreuznach geboren.

"Ich bin doch ein echter Koreaner", lacht Charm und witzelt, dass sein deutsches Aussehen daran läge, "dass in Korea die Schönheitschirurgie zu einem neuen Level gebracht worden ist und man mit einem Gesicht machen kann, was man will". Doch in Wirklichkeit ist die Lebensgeschichte des Charm Lee tausend mal spannender als jede Schönheitsoperation.

Liebe auf den ersten Blick

(Foto: AP)

Strikte Wache an der Grenze zu Nordkorea - die Nachrichten aus Südkorea sind meist politisch

1978 bekommt der damals 24-jährige Bernhard Quandt nach dem Abschluss seines Romanistik- und Theologiestudiums das Angebot für sechs Monate nach Korea zu reisen um dort kirchliche Veranstaltungen zu organisieren. Sofort freundet sich Quandt mit dem Land an, das damals noch eine Diktatur war. Ausländern stand man da eher skeptisch gegenüber.

"Ich wusste nichts über Korea, und es war eine Chance, die ich innerhalb einer Woche ergriff", erzählt Charm und erklärt, dass er "zunächst nur die Sprache lernen wollte". Doch Kultur, Geschichte und Menschen lassen Quandt nicht mehr los und er beschließt in Korea zu bleiben.

Anfangs ist Bernhard Quandt ein Exot, der viel Aufmerksamkeit erregt. "Die Leute wollten meine Haut und meine Locken berühren", erinnert er sich und muss dabei lachen. Es muss genau dieses herzliche Lachen gewesen sein, mit dem er die Koreaner für sich gewonnen hat.

Vom Sprachschüler zum TV-Star

Um auch richtig angenommen zu werden, lernt Quandt - dem Sprachen schon immer leicht fielen - Koreanisch. Und er startet bei einem Redewettbewerb im koreanischen Fernsehen, den er auf Anhieb gewinnt. Später folgen Gesangswettbewerbe für Ausländer und viele andere Fernsehauftritte. Der große Deutsche wird zu einem Liebling der Medien.

1986 nimmt Bernhardt Quandt als erster Deutscher die koreanische Staatsbürgerschaft an. Um seine Liebe zu Korea zu unterstreichen, ändert er seinen Namen von Bernhard Quandt in Han-Woo Lee, was "Freund Koreas" oder "Helfer Koreas" bedeutet. Han-Woo verliebt sich in eine Koreanerin, was in den 1980er-Jahren in Korea noch nicht gerne gesehen war. Doch durch seine Popularität öffnet Han-Woo den gemischten Paaren die Türen.

Anfang der 1990er-Jahre wird seine Lebensgeschichte in der Seifenoper "Das Haus der vielen Töchter" verfilmt. Die Hauptrolle spielt er natürlich selbst. Die Serie erreicht Rekordeinschaltquoten von bis zu 70 Prozent. Neben seiner TV-Karriere als Moderator, Schauspieler und Talk-Master arbeitet Quandt als Sprachlehrer am Goethe-Institut, an Schulen und Universitäten und berät südkoreanische Firmen in Wirtschaftsfragen.

Aus Han-Woo wird Charm Lee

(Foto: AP)

Fussball - eines der wenigen nicht-politischen Themen aus Südkorea - hier die südkoreanische Mannschaft beim AFC Asian Cup in Katar

2001 ändert er dann seinen Namen erneut und nennt sich fortan Charm Lee, was für Teilnehmer steht. "Ich wollte signalisieren, dass ich kein Helfer mehr bin, der von außen kommt. Sondern ein echter Koreaner, der an der Gesellschaft voll teilnimmt", begründet Charm Lee seinen Entschluss. Obwohl er politische Ämter stets abgelehnt hat, lässt er sich 2009 von Staatspräsident Lee Myung-bak überreden, die Leitung der koreanischen Tourismusbehörde zu übernehmen. Das kommt der Position eines Vizeministers gleich. Charm Lee ist damit der erste nicht gebürtige Koreaner in einem hohen politischen Amt.

Großbaustelle Tourismus

(Foto: DW)

Touristische Ziele sollen bald auf dieser Karte sein - das ist das Ziel von Charm Lee

Doch Charm Lee macht sich nichts vor. Die Aufgabe, den koreanischen Tourismus ähnlich erfolgreich zu machen, wie die koreanische Industrie, scheint fast aussichtslos. Zu viel sei in den letzten Jahrzehnten versäumt worden, sagt er. "Das ist unser Fehler. Korea hat sich in den letzten 60 Jahren von einem der ärmsten Länder der Welt zu einer führenden Industrienation hochgearbeitet. Aber der Tourismus stand an letzter Stelle", klagt Charm Lee.

Doch mittlerweile hat die Regierung erkannt, dass der Tourismus nicht nur eine wichtige Einnahmequelle sein kann, sondern auch als verkaufsfördernde Maßnahme für koreanische Produkte taugt. "Wenn jemand zu uns kommt und die Geschichte und Kultur sieht, die hinter dem Land steht aus dem die Produkte kommen, dann steigert das auch das Image der Produkte", erklärt Charm Lee den Sinneswandel in Korea.

Helfen sollen dabei nun die Olympischen Winterspiele 2018. Charm steht als Vizepräsident des Koreanischen Skiverbandes maßgeblich hinter der Bewerbung Pyeongchangs. Dass er mit der Bewerbung seine alte Heimat Deutschland verärgern könnte, stört ihn nicht. Denn München bewirbt sich ebenfalls für die Winterspiele. Gut möglich, dass bei der Vergabe der Spiele am 6. Juli im südafrikanischen Durban ein Koreaner ganz besonders auffällt, weil er eigentlich aussieht, als ob er zur deutschen Delegation gehören müsste - sein Jubel aber nur den Koreanern gelten wird.

Autor: Taufig Khalil

Redaktion: Miriam Klaussner