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Energiepolitik

Südkorea nimmt Abschied von Atomkraft

Präsident Moon Jae-in hat seine Pläne für einen Atomausstieg bekräftigt. Ihm steht aber eine starke Lobby gegenüber und damit ist die Energiewende alles andere als unumkehrbar. Fabian Kretschmer aus Seoul.

Die südkoreanische Energiewende wurde weder von der Politik noch von NGOs eingeleitet, sondern vom Volk: Nach jahrelangen Protesten wurde in der Nacht auf Montag in der südlichen Küstenstadt Busan der älteste Atomreaktor des Landes vom Netz genommen, um anschließend endgültig heruntergefahren zu werden. Präsident Moon Jae In steuerte zu der Schließungszeremonie des "Kori-1"-Reaktors (im Artikelfoto rechts) einen energiepolitischen Paukenschlag bei: Südkorea, weltweit fünftgrößter Produzent von Atomenergie, soll "nuklearfrei" werden. "Bislang hat sich unsere Energiepolitik vor allem auf günstige Preise und Effizienz fokussiert, während die öffentliche Sicherheit zweitrangig war", sagte Moon Jae In. "Dies muss sich nun ändern".

Atomenergie galt lange Zeit als "grün"

Es ist ein sanfter Ausstieg, den der linke Politiker propagiert: Alternde Reaktoren sollen nicht weiter verlängert, der Bau zusätzlicher Kernkraftwerke gestoppt werden. Innerhalb der nächsten 40 Jahre soll Südkoreas Stromversorgung vollständig von Atomkraft unabhängig werden. Zudem versprach Moon, mindestens zehn alte Kohlekraftwerke während seiner fünfjährigen Legislaturperiode zu schließen und keine neuen mehr zu errichten. Dies sind kühne Pläne für ein Land, deren 25 Atomreaktoren 30 Prozent des heimischen Energiebedarfs decken, und das weitere 40 Prozent aus Kohleenergie bezieht.

Die beiden konservativen Vorgängerregierungen haben Atomenergie noch als "grün" und "nachhaltig" beworben. Sie wollten nicht nur die Anzahl der Kernkraftwerke auf dem eigenen Markt erhöhen, sondern Südkorea zusätzlich als globalen Exporteur von Atomkraftwerken etablieren. Ein 400 Milliarden schwerer Deal über die Errichtung von 80 Kernkraftwerken im Mittleren Osten wurde abgeschlossen, bis 2030 sollte jedes dritte neu errichtete AKW von südkoreanischen Firmen errichtet werden.

"In Südkorea wurde die Atomkraft seit gut 40 Jahren von der Regierung unterstützt, vor allem weil wir über keine natürlichen Ressourcen verfügen", sagt Daum Jang, der bei Greenpeace Korea für Energiepolitik zuständig ist. Während des rasanten Wirtschaftswunders, als die Nachfrage nach effizienter, günstiger Energie immens war, habe das Paradigma durchaus Sinn gemacht. "Mittlerweile gibt es jedoch eine Art Nuklearkartell, zu dem neben der Atomindustrie auch Regierungsbeamte und Medien gehören", sagt Jang.

Erneuerbare Energien nur bei 6,6 Prozent

Vor allem ärgere ihn, dass die konservativen industrienahen Tageszeitungen die deutsche Energiewende als Negativbeispiel missbrauchten: In einseitigen Artikeln würden sie die Kosten der deutschen Klimapolitik beleuchten, nicht jedoch deren Nutzen. "Natürlich ist das deutsche Beispiel nicht perfekt, doch oft wird einfach faktisch falsch berichtet", sagt Jang.

Dabei hat Südkorea gute Grundvoraussetzungen für erneuerbare Energien: Die Küsten der Halbinsel sind überaus windig und selbst während der Wintermonate scheint die Sonne. Auch technisch wäre das IT-Mekka in der Lage, ein effizientes Speichersystem zu installieren. Derzeit besteht jedoch der Anteil an erneuerbaren Energien am nationalen Energiemix gerade einmal in mageren 6,6 Prozent. Bis 2030 soll dies immerhin auf 20 Prozent gesteigert werden. Allein dieses Jahr werden umgerechnet knapp elf Milliarden Euro in alternative Energiequellen investiert, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens erreichen zu können. Südkorea möchte seinen CO2-Ausstoß bis 2030 um 37 Prozent verringern.

Auch wenn Moon Jae-in noch keinen detaillierten Fahrplan für seine Energiewende vorgelegt hat, sieht sein Programm vor, den Energieverbrauch für Unternehmen stärker zu besteuern und den Energiebedarf zu drosseln. "Bislang wurde das noch nie ernsthaft probiert. Es gibt derzeit kaum Anreize dafür, die Energiepreise sind schlicht zu niedrig", sagt Ben Jackson, Umweltredakteur des Online-Mediums "Korea Exposé".

Fukushima als Wendepunkt

Die Kernschmelze im kaum 1000 Kilometer entfernten Fukushima stellte für die südkoreanische Zivilgesellschaft einen Wendepunkt dar. Zumal der Südosten des Landes im letzten Jahr vom stärksten Erdbeben seit der ersten wissenschaftlichen Messung 1978 heimgesucht wurde. Vier Atommeiler waren nur wenige Kilometer vom Epizentrum entfernt. Allein der nun stillgelegte Kori-1 Reaktor veranschaulicht, wie verheerend ein Super-Gau im dicht besiedelten Südkorea sein könnte: In einem 30-Kilometer-Radius befindet sich nicht nur der größte Hafen des Landes und die größte Automobilfabrik, sondern dort leben auch 3,8 Millionen Menschen.

Für Daul Jang von Greenpeace komme es nun darauf an, einen möglichst breiten Konsens für den Atomausstieg herzustellen und diesen in Gesetzen zu verankern: "Niemand kann garantieren, dass die nächste Regierung nicht wieder auf Atomenergie setzt".

 

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