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Global Ideas

Südamerikas Klimalabor

In Peru lässt sich der Klimawandel im Zeitraffer beobachten: Der Andenstaat besitzt die größten tropischen Gletscher. Ihr Schmelzen verschärft die Armut - und bedroht das Wirtschaftsleben des ganzen Landes.

Schnee- und eisbedeckte Berge (Foto: cc/Alvaro Herrera)

Andengletscher und Regenwald - diese Landschaften prägen Peru und machen das Land so anfällig für die Erderwärmung

Gletscher in tropischen Breitengraden reagieren auf die globale Erwärmung besonders empfindlich. In Peru lässt sich der Klimawandel daher beinahe unter Laborbedingungen beobachten, denn zwei Drittel der tropischen Eismassen der Erde befinden sich dort. Laut Regierungsberichten hat der Andenstaat seit 1970 mindestens 22 Prozent seiner Eismassen eingebüßt. Und die Gletscher schmelzen immer schneller. Ihr Abtauen hat drastische Folgen. Peru zählt daher in internationalen Studien wie dem britischen Climate Change Vulnerability Index zu den Staaten, die am stärksten von der Erderwärmung getroffen sind. Für zwei Drittel der knapp 30 Millionen Einwohner, die in der trockenen Küstenregion leben, hängen Wasser- und Stromversorgung unmittelbar von den Zuflüssen aus den Anden-Gletschern ab.

Close-Up eines Gletschers (Foto: cc/Edu Astu)

Gletscher am Chopicalqui in den Anden: Peru hat seit 1970 mehr als zwanzig Prozent seiner Eismassen verloren

Auch die Landwirtschaft und der Bergbau sind darauf angewiesen. "Zwischen beiden Branchen gibt es erste Wasserkonflikte. Und sie werden mit der fortschreitenden Erwärmung zunehmen", sagt Michael Lingenthal, Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Perus Hauptstadt Lima. "Es gibt schon jetzt zu wenige Rückhaltebecken, um vorhandenes Wasser aufzufangen. Zudem wird das Wasser weniger, je stärker die Gletscher schmelzen."

Warnung vor der nationalen Katastrophe

Die Politik scheint sich des Ernstes der Lage bewusst: Ein Klimaexperte des Außenministeriums warnte kürzlich vor einer nationalen Katastrophe, wenn die Wasserproblematik in den nächsten fünf Jahren nicht gelöst würde. Um der Krise zu begegnen, will die Regierung Stauseen bauen - auch, um die Stromerzeugung aus Wasserkraft voranzutreiben, mit der jetzt schon 60 Prozent der Elektrizität gewonnen wird. Lima hat dafür laut der Zeitung "Peruvian Times" die USA und weitere Staaten um Geld gebeten: 350 Millionen US-Dollar im Jahr würden benötigt. Auch Entsalzungsanlagen sollen entstehen, die Meerwasser nutzbar machen.

Dennoch müsste mehr geschehen, sagen die Beobachter vor Ort. Insbesondere auch bei den Wasserpreisen, die zu niedrig seien "und oft noch zur Verschwendung einladen", sagt Michael Lingenthal. Dringend geboten sind auch Kläranlagen, da viele Flüsse mit Abwässern aus der Landwirtschaft und der Bergbauindustrie belastet sind. Zum Problem ist der sogenannte informelle Sektor geworden: unkontrollierte Wirtschaftszweige wie der Bergbau, wo Firmen ohne Lizenz im großen Umfang Metalle fördern - "und aufgrund fehlender Kontrollen besonders stark zur Vergiftung der Flüsse beitragen", so Lingenthal.

Eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens

Porträt von Präsident García in schwarzem Anzug (Foto: CC/Agência Brasil)

Präsident García ließ hundert Millionen Bäume pflanzen

Klimaschutz ist in Peru eine wirtschaftliche Notwendigkeit: Die Zentralbank schätzt, dass der Staat bis 2025 mehr als vier Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung einbüßt, wenn er nichts gegen den Klimawandel unternimmt. Die UN-Klimarahmenkonvention schätzt, dass Peru dafür bis 2030 jährlich bis zu 453 Millionen Dollar braucht. Und weitere 190 bis 450 Millionen Dollar, um mit den bereits existierenden Folgen der Erwärmung zurechtzukommen. Peru boomt derzeit zwar - 2010 stieg das Bruttoinlandsprodukt um fast acht Prozent - dennoch ist der Andenstaat beim Klimaschutz auf internationale Geldgeber angewiesen.

Die Regierung investiert derzeit nicht nur in Wasserschutz-Initiativen: Sie will eine halbe Million effiziente Herde unters Volk bringen, um den Feuerholzbedarf auf dem Land zu senken. Auch der Waldschutz ist ein Thema, denn Peru hat bereits 15 Millionen Hektar Wald verloren. Und jedes Jahr werden weitere 150.000 Hektar abgeholzt. Deshalb brachte die Regierung 2008 Südamerikas größtes Wiederaufforstungsprogramm auf den Weg, das Präsident Alan García im März 2010 mit einem letzten Spatenstich beendete: Eine halbe Million Peruaner hatten zwei Jahre lang Bäume gepflanzt. Am Ende war die Zielmarke von 100 Millionen erreicht. In einer zweiten Projektphase sollen nun 80 Millionen weitere Setzlinge in die Erde kommen.

Kritik am Regenwaldschutz

Solarpanele auf einem Dach (Foto: CC/Julia Manzerova)

Langsam halten erneuerbare Energien Einzug in Peru. Doch noch handelt es sich um wenige Einzelprojekte

Perus Schutz der Regenwälder, die zwei Drittel der Landesfläche bedecken, wird aber auch kritisch bewertet: Lange war ein Regierungsinstitut, so kritisiert die Adenauer-Stiftung in einem Bericht, mit dem Waldschutz beauftragt. Die Behörde vergab aber gleichzeitig Landrechte an Bauern, wenn sie nachweisen konnten, "Wald abgeholzt und zwei Jahre lang Landwirtschaft betrieben zu haben". Diese Praxis, so resümiert die Stiftung, sie ein „perverser Anreiz zur Waldvernichtung" gewesen. Vor einem guten Jahr ist der Waldschutz auf die regionalen Regierungen übertragen worden – eine Bewertung ihrer Aufsicht steht dezeit noch aus.

Womöglich kann die neue Staatsführung, die bei den Kongress- und Präsidentschaftswahlen am 10. April 2011 gewählt werden soll, solche Widersprüche endgültig auflösen und eine wirkungsvollere Klimapolitik auf den Weg bringen. Michael Lingenthal ist vorsichtig optimistisch. Auch Ex-Präsident Alejandro Toledo, der derzeit die besten Chancen habe, sei sensibel für das Klimathema. "Die Probleme sind bekannt, auch der Wille ist erkennbar. Nur müsste die Klimapolitik schneller und zielgerichteter geschehen", sagt der Landeskenner. "Aber dies braucht Zeit. Hat es nicht auch in Deutschland gedauert, bis die Umweltpolitik ein Thema war?"

Autor: Torsten Schäfer
Redaktion: Ranty Islam