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Handel

Südafrikas Nein zum globalen Huhn

Südafrikanische Geflügelzüchter haben gegen Billigfleisch aus der EU protestiert. Ihr Vorwurf: Die Importe zerstören die lokale Fleischindustrie und vernichten Arbeitsplätze.

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EU-Exporte schaden Südafrikas Bauern

An diesem Mittwoch belagerten etwa 500 wütende Südafrikaner die EU-Vertretung in Pretoria: Arbeiter in südafrikanischen Geflügelfarmen und Funktionäre des südafrikanischen Geflügelzüchterverbands. Sie fürchten um ihre Existenz. Die Geflügelzucht am Kap sei seit Jahren in der Krise und drohe komplett zusammenzubrechen, meinen die Demonstranten. Für sie sind die Schuldigen klar: Sie sitzen in Europa, denn von dort komme das billige Hähnchenfleisch, das die Märkte in ganz Afrika zerstöre.

Tatsächlich werden große Mengen gefrorenes Geflügel aus Europa nach Afrika ausgeführt. Allein Deutschland exportiert schätzungsweise bis zu 50.000 Tonnen jährlich. Südafrika ist der größte Absatzmarkt. 35 Hähnchen verzehrt jeder Südafrikaner pro Jahr. Das ist Weltspitze.

Francisco Marí von der evangelischen Hilfsorganisation "Brot für die Welt" ist Ko-Autor des Buches "Hühnerbrust und Chicken Wings - Wer isst den Rest?". Er hat erst kürzlich in Südafrika recherchiert. In fast jedem Supermarkt entdeckte er Billiggeflügel aus Deutschland. Für unter einem Euro pro Kilo. Bei dem Preis können die südafrikanischen Produzenten nicht mithalten. An vielen Orten mussten sie wegen der Billigkonkurrenz schließen.

"Der Preis der europäischen Hühnerteile beträgt um die 70 bis 90 Cent pro Kilo. Das ist natürlich billiger als bei uns, deswegen ist es natürlich ein klassischer Dumpingfall", sagt Marí im DW-Interview. Die Rechtslage sei so: Man dürfe normalerweise nicht billiger ins Ausland verkaufen, als man produziere oder als man im Inland verkaufe. Und in Deutschland kosteten diese Geflügelteile um die 2,50 Euro. Das erlaube die Welthandelsorganisation WTO nicht. In dem Fall dürften afrikanische Staaten und auch Südafrika Strafzölle erheben. Und das versuche Südafrika auch. Bislang ohne Erfolg.

Fleisch auf einem Markt in Namibias Hauptstadt Windhuk.

Manche afrikanische Fleischhändler haben Angst vor der Konkurrenz aus Europa.

Kritik an der EU

Genauso sieht es auch Kevin Lovell, Chef des südafrikanischen Geflügelzüchterverbands SAPA. Auch er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Europäische Union: Das Dumping der EU koste jeden Monat tausende südafrikanischer Arbeitsplätze. Nach Angaben der SAPA werden zurzeit jeden Monat mehr als 30.000 Tonnen billiger Hähnchenteile nach Südafrika exportiert. Nicht nur aus Europa, sondern auch aus Brasilien oder den USA. Die Geflügelzuchtindustrie in Südafrika sei zwar stark, aber sie sei der Billigkonkurrenz nicht gewachsen. Nun droht ihr der Kollaps, sagt Lovell.

Südafrika sei sozusagen zum einem "Mülleimer für europäische Hühnchenteile" geworden, so Lovell weiter: "Die EU ist der Hauptschuldige für unsere Misere. Machen wir uns nichts vor: Das Dumping der Europäer ist schlimmer als das der Brasilianer oder die Amerikaner. Es ist ein EU-Problem, das vor allem von der EU verursacht wird."

Billigfleisch für Afrika - seit Jahren ist das ein Dauerthema in den Medien. Immer wieder ist davon die Rede, dass hoch subventionierte Fleischexporte aus Europa lokalen Märkte zerstören. Vor allem Westafrika ist betroffen. Zum Beispiel Benin: Von den zirka 90.000 Tonnen Fleisch, die laut den aktuellsten Zahlen des International Trade Centres dort angeboten wurden, kamen 76 Prozent aus der EU. Nach Togo lieferte die EU zirka 80 Prozent des konsumierten Hähnchenfleischs. In Ghana waren es 32 Prozent. Südafrika stammten zuletzt rund 45 Prozent des konsumierten Hähnchenfleischs aus EU-Importen.

Südafrika - ein umworbener Markt

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft war für eine Stellungnahme zu den Vorwürfen der südafrikanischen Geflügelzüchter nicht zu erreichen. Der Landwirtschaftsreferent der deutschen Botschaft stand für ein Interview nicht zur Verfügung. Eine DW-Anfrage an das Entwicklungsministerium blieb bisher unbeantwortet.

Ungerechte Handelspolitik, die Afrika ärmer macht - das hatte auch Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) in seinem kürzlich vorgestellten "Marshallplan mit Afrika" kritisiert. Francisco Marí von "Brot für die Welt" sieht einen großen Widerspruch zwischen den Worten und Ankündigungen der deutschen Regierung und der Handelspolitik der EU.

"Der Entwicklungsminister sagt immer wieder, er wolle die lokale Produktion und Wertschöpfung in Afrika stärken. Er sagt auch, unfaire Exporte und unfairer Handel, wie diese Hähnchenexporte, müssten verhindert werden. Die Bundesregierung versucht auch in verschiedenen Ländern Afrikas, die Landwirtschaft und Fleischproduktion zu fördern. Die Bundesregierung ist sich also des Problems bewusst. Das Problem ist aber, dass man unter dem gegenwärtigen Handelsregime keine Importe verbieten kann."

Denn: Seit vergangenem Jahr gilt zwischen der EU und dem südlichen Afrika ein sogenanntes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen. Damit kann Südafrika normalerweise keine hohen Zölle auf Fleischimporte aus Europa erheben.

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