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Südafrika

Südafrikas Landreform: Eine unendliche Geschichte

Sie war eines der größten Versprechen nach der Apartheid: Die Landreform sollte vor allem der schwarzen Bevölkerung in Südafrika Gerechtigkeit bringen. 22 Jahre später ist noch nicht viel passiert. Die Ungeduld wächst.

Lisa Mbele ist 23 Jahre alt, Südafrikanerin, schwarz. Seit Jahrzehnten lebt ihre Familie auf einer Farm in der Upper-Inanda-Region, nördlich der südafrikanischen Großstadt Durban. "Wir wollen jetzt auch als Besitzer des Landes anerkannt werden. Ohne diese Papiere haben wir hier keine Rechte", sagt sie der DW. Vor kurzem hat Lisa deshalb protestiert. Gemeinsam mit 40 weiteren Familien aus ihrem Ort hat sie gefordert, dass die Regierung den Grundbesitz endlich neu regelt. Doch das scheint nicht so einfach zu sein.

Als 1994 die Apartheid endete, versprach die neue Regierungspartei African National Congress (ANC), das Unrecht wieder gut zu machen, das so viele schwarze Südafrikaner in der Kolonialzeit und der Rassentrennung erfahren hatten. Dazu gehörte vor allem, ihnen das Land zurückzugeben. Denn zum Ende der Apartheid war fast alles fruchtbare Land in weißem Besitz - und gehörte somit einer Minderheit, die nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung ausmachte. Der ANC kündigte damals an, ein Drittel dieses Landes bis 1999 neu zu verteilen. Das ist bis heute nicht mal annähernd erreicht.

Eine Aufgabe für die nächsten Generationen

Eine schnelle Lösung scheint nicht in Sicht: "Wir haben der Sache nicht genug Zeit gegeben", sagt Nick Vink von der südafrikanischen Universität Stellenbosch. Er leitet dort das Institut für Agrarwirtschaft. Seine Prognose: "Die Landreform wird uns noch in den nächsten zwei oder drei Generationen beschäftigen."  

Lisa Mbele und ihr Nachbar Thulisa Khuzwayo in der Upper-Inanda-Region nördlich von Durban (DW/S.Govender)

Lisa Mbele und ihr Nachbar Thulisa Khuzwayo wollen ihr Land auch offiziell besitzen

Doch so lange wollen die Menschen nicht mehr warten. 22 Jahre nach dem Ende der Apartheid wächst der Frust der schwarzen Bevölkerung. Genau auf diesen Ärger unter jungen schwarzen Wählern setzt die radikal linksgerichtete Partei Economic Freedom Fighters. Ihr Vorsitzender Julius Malema hat in der Vergangenheit immer wieder dazu aufgerufen, unbesiedeltes Land einfach zu besetzen. So auch Mitte November: "Wir werden alle die Früchte der Freiheit genießen - egal, was nötig sein wird, um die weiße Vorherrschaft zu beenden und durch eine Gesellschaft zu ersetzen, in der alle gleich sind!", rief er seinen Anhängern in Bloemfontein zu.

Angst vor Gewalt wie in Simbabwe

Die Sorge ist groß, dass solche Aufrufe zu Gewalt, Unruhen und Chaos führen könnten - so wie im Nachbarland Simbabwe. Auch hier hatten weiße Farmer in der Kolonialzeit einen großen Teil des fruchtbaren Landes in ihren Besitz gebracht. 2000 versuchte Präsident Mugabe in einer Hauruck-Aktion, das Land so schnell wie möglich umzuverteilen. Er ließ weiße Farmer gewaltsam enteignen, das Land stürzte ins Chaos, bis heute leidet Simbabwes Landwirtschaft unter den Folgen.

"Aggressivität will hier niemand", sagt der weiße Landwirt Brett Williams aus Südafrika. Seit über 100 Jahren baut seine Familie Zuckerrohr, Bananen und Gemüse in der Upper-Inanda-Region an, wo die schwarzen Familien erst kürzlich für die Umsetzung der langersehnten Landreform demonstrierten. Bei den Protesten sah er Straßensperren und brennende Autoreifen und lief los, um seinen Nachbarn zu helfen. Er verstehe die Forderungen nach einer Umverteilung des Landes, sagt er. "Aber ich hoffe, dass wir das friedlich lösen können."

Kommt das neue Gesetz überhaupt?

In der Regierung scheint es jedoch keine klare Linie zu geben. Lange verlief die Neuverteilung des Farmlandes in Südafrika nach dem Prinzip: "willing buyer, willing seller". Das heißt: Die Regierung kaufte das Land den Besitzern ab, wenn sie einverstanden waren, und verteilte es dann neu. Doch dieses System gilt als einer der Gründe dafür, dass die Landreform nur so schleppend vorankommt.

Südafrika Johannesburg Oppoosition EFF Julius Malema (picture-alliance/dpa/C. Tukiri)

Julius Malema ruft dazu auf, Farmland einfach zu besetzen

Im Mai verabschiedete das Parlament ein neues Gesetz, mit dem die Regierung weiße Farmbesitzer dazu zwingen könnte, ihr Land zu verkaufen. Dann könnte sie es schwarzen Landwirten zurückgeben. Doch das Gesetz ist noch nicht in Kraft, denn Präsident Jacob Zuma hat es bis jetzt nicht unterschrieben. Ob er es noch tun wird, ist unklar.

Ackerland muss auch landwirtschaftlich genutzt werden

Nach Angaben der Regierung wird ein Großteil des bisher umverteilten Landes heute nicht mehr landwirtschaftlich genutzt, bringt keinerlei Erträge und Gewinne ein. Somit ist die Landreform bislang ein Verlustgeschäft für den Staat.  Auch die Landwirte sehen das mit Sorge. Das verfügbare Land müsse auch produktiv genutzt werden, sagt Annelize Crosby vom südafrikanischen Landwirtschaftsverband AgriSA. "Wenn wir das nicht richtig hinkriegen, dann drohen uns hier Unruhen, Nahrungsmittelunsicherheit und Chaos."

So ein Szenario möchten alle Beteiligten verhindern. Die Landreform galt einst als Symbol für Gerechtigkeit und den Wunsch nach einer geeinten Nation. Doch stattdessen zeigt sie heute auf, wie tief die Gräben zwischen Schwarzen und Weißen in Südafrika noch immer verlaufen. 

Mitarbeit: Subry Govender

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