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Afrika

Südafrikas Kumpel auf Konfrontationskurs

Seit Mitte August streiken die Kumpel der Platinmine Marikana für höhere Löhne. Die Fronten sind verhärtet - und der Arbeitskampf spielt eine zentrale Rolle beim Poker um Macht und Einfluss in der Regierungspartei ANC.

Ihr Protest-Camp ist genau dort, wo vor gut einem Monat 34 ihrer Kollegen getötet wurden. Auf einem Felsvorsprung vor der Platin-Mine Marikana haben sich die Arbeiter versammelt, viele haben Stöcke mitgebracht, um ihrer Wut Nachdruck zu verleihen. Für sie hat der Freitag (14.09.2012) wieder eine Enttäuschung gebracht: Das neue Lohnangebot des britischen Minenbetreibers Lonmin - aus Sicht der Kumpel zu niedrig. "Wir sind nicht interessiert", sagte Gewerkschaftsvertreter Molifi Phele der Nachrichtenagentur Reuters. Unklar ist, wie viel Lonmin, der weltweit drittgrößte Platinproduzent, geboten hatte. Doch der Gehaltsvorschlag liegt wohl deutlich unter den umgerechnet rund 1.200 Euro Mindestlohn, den die Arbeiter fordern.

Krisenstimmung im Minensektor

Ausschreitungen zwischen Polizei und Minenarbeitern in Marikana am 16. August 2012 (Foto: rtr)

Blutiger Streik: 34 Kumpel wurden am 16. August getötet

Fünf Wochen zieht sich der Arbeitskampf nun schon hin - doch nach der Eskalation am 16. August steht der Protest unter völlig anderen Vorzeichen. Polizisten hatten am Rande der Mine das Feuer auf streikende Arbeiter eröffnet und 34 Menschen erschossen. Es war der blutigste Polizeieinsatz seit dem Ende der Apartheid 1994. Erst vor einigen Tagen wurde eine weitere Leiche auf dem Minengelände entdeckt.

"Die Krise im Minensektor brodelt bereits seit Jahren", sagt Gareth Newham vom Institut für Sicherheitsstudien (ISS) in Pretoria. Die jüngsten Gewaltausbrüche jedoch seien auch Ausdruck eines politischen Machtkampfes. Bislang hatten die etablierten Gewerkschaften wie die Nationale Vereinigung der Minenarbeiter (NUM) und der Gewerkschaftsverband COSATU mit moderaten Lohnforderungen für eine gewisse Stabilität in der Branche gesorgt. "In den vergangenen 18 Jahren waren diese Gewerkschaften Teil einer politischen Allianz mit der Regierungspartei ANC, das heißt bei jeder Wahl haben sie für die ANC Stimmen geworben und das mit Erfolg", so Newham. Nun drängt die geradezu kometenhaft aufgestiegene Gewerkschaft AMCU auf deutlich höhere Gehälter, treibt die Streiks voran. "Ihre Mitglieder sind jünger, sie fühlen sich nicht ausreichend durch die etablierten Gewerkschaften repräsentiert und gerade in der Platin-Industrie können wir beobachten, wie sich neue Gewerkschaften abspalten und COSATU und NUM herausfordern".

Machtkampf in der Regierungspartei

Südafrikas Präsident Jacob Zuma (Foto: afp)

Südafrikas Präsident Jacob Zuma: Unruhen sind "inakzeptabel"

Die Minenstreiks stellen auch die Regierungspartei ANC auf eine harte Probe. Führende Politiker kündigten an, weitere Gewaltausbrüche nicht zu tolerieren. Die anhaltenden Unruhen seien "inakzeptabel", sagte Südafrikas Präsident Jacob Zuma bei einer Parlamentssitzung am Donnerstag (13.09.2012) und verurteilte diejenigen, die die Bergarbeiter "anstacheln" würden.

Die Worte des Präsidenten werden als Seitenhieb gedeutet - vor allem gegen einen Mann: Julius Malema, den suspendierten Anführer der ANC-Jugendliga. Er hatte die Bergarbeiter zu Solidaritätsstreiks für ihre Kollegen in Marikana aufgerufen und in den vergangenen Wochen heftig gegen Präsident Zuma polemisiert. Der will sich auf dem Parteitag der ANC im Dezember als ANC-Vorsitzender bestätigen lassen und bei der Präsidentenwahl 2014 wieder antreten.

Ex-Chef der Jugendliga des Afrikanischen Nationalkongress (ANC), Julius Malema (Foto: dpa)

Macht Front gegen Zuma: Ex-Parteikollege Julius Malema

"Malema sagt Dinge, die die Leute hören wollen. Die Regierungspartei ANC und die Gewerkschaften dagegen müssen sich immer mehr eingestehen, dass sie sich von den einfachen Leuten entfremdet haben", sagt Analyst Newham. Die soziale Schere zwischen Arm und Reich würde immer weiter auseinander klaffen in Südafrika - eine Tatsache, die Malema nutze, um Zuma anzugreifen und diejenigen zu stützen, die gegen die Wiederwahl des Präsidenten im Dezember kämpfen. "Die Minenarbeiter werden benutzt - sie selbst haben mit dieser Politik nichts zu tun, sie wollen einfach mehr Geld", sagt Newham.

Verhärtete Fronten

Am Sonntag (16.09.2012) wollen die Bergarbeiter landesweit die Arbeit niederlegen. So wolle man "die Minenbesitzer in die Knie zwingen“, kündigte ein Anführer der Protestbewegung an. Der Streik hat sich bereits auf zwei weitere Unternehmen ausgeweitet. Der weltweit größte Platinproduzent Anglo American Platinum kündigte an, seine Mine bei Rustenburg unweit von Marikana vorläufig zu schließen. Als Grund wurden Einschüchterungsversuche durch streikende Lonmin-Arbeiter genannt. Und auch die Produktion in der KDC-Mine des Unternehmens Gold Fields wird seit zwei Wochen immer wieder von illegalen Streikaktionen unterbrochen.

Minenarbeiter bei Potesten in Marikana (Foto: AP/dapd)

Minenarbeiter erhöhen den Druck: Weitere Streiks geplant

Die Forderung der Minenarbeiter nach einer Gehaltserhöhung auf 12.500 Rand - umgerechnet rund 1200 Euro - im Monat sei unrealistisch, sagte Sven Lunsche, Corporate Affairs Manager des Goldproduzenten Gold Fields im Gespräch mit der DW. "Wenn wir plötzlich über Nacht die Löhne für unsere 50.000 Arbeiter erhöhen, dann führt das dazu, dass viele Minen schließen müssen. Sie lohnen sich wirtschaftlich nicht mehr, wenn solche Erhöhungen durchgesetzt werden", so Lunsche.

Am Mittwoch gingen Sicherheitskräfte seines Konzerns mit Tränengas gegen 400 protestierende Arbeiter vor. "Was jetzt wirklich gebraucht wird, sind Verhandlungen. Die Minenarbeiter leben unter sehr schlechten sozialen Bedingungen, viele haben keine Wohnungen, keinen Zugang zu Bildung. Ich denke, noch mehr Truppen vorzuschicken ist keine Antwort. Dann eskaliert der Konflikt nur noch weiter", sagt ISS-Analyst Newham.

Südafrika bereitet sich auf den landesweiten Ausstand am Sonntag vor. Die Armee ist in erhöhter Alarmbereitschaft. Eine Gruppe von 40 Arbeitern, die nach dem Blutbad von Marikana vorübergehend festgenommen wurden, will die Polizei wegen Folter verklagen. Die Fronten bleiben vorerst verhärtet.

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