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Afrika

Südafrikas "Born Free"-Generation

Sie kennen nur ein Südafrika ohne Rassentrennung: Die Jugendlichen der Generation "Born Free" orientieren sich an Nelson Mandelas Vision einer fairen, offenen Gesellschaft - gegen alle Widerstände und Vorurteile.

Sie machen rund ein Viertel der Bevölkerung in Südafrika aus - die jungen Menschen zwischen 15 und 24. Und sie sind noch etwas anderes als nur die Jugendlichen einer Nation, sie sind die "Born Frees": Geboren nach der Zeitenwende 1990, als Nelson Mandela mit stolz erhobener Faust aus dem Gefängnis kam und das brutale Apartheid-System auseinanderbrach. "Wir sind in Freiheit geboren und haben einen freien Willen. Wir können selbst aussuchen, was wir aus uns machen", sagt Tiffany Seema. Die 20-jährige schwarze Frau mit den großen, goldenen Ohrringen und dem langen Zopf studiert an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg Umweltmanagement und Geologie. Tiffany kommt aus einem der vorwiegend weißen Vororte Johannesburgs. Ihre Mutter hat es von der Haushaltshilfe zur Managerin gebracht und ihr so vorgelebt: Nutz deine Bildung und mach etwas aus dir! Die vier älteren Brüder haben Tiffanys Schullaufbahn mitfinanziert.

Dass schwarze und weiße Südafrikaner dieselben Aufstiegschancen haben, ist jedoch 20 Jahre nach Ende der Apartheid nicht selbstverständlich, das weiß auch Tiffany: "Wir müssen noch viel aufholen." Immer noch würden Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Sprache oder Herkunft unterdrückt. "Das klingt wirklich schlimm, aber meine Freunde sind eigentlich alle schwarz", sagt die Studentin nachdenklich.

Finanzielle Möglichkeiten entscheiden

Theoretisch sind alle "Born Frees" gleichberechtigte Bürger mit den gleichen Chancen, praktisch leben sie weiterhin ganz verschiedene Leben. Es ist das Geld, das heute die jungen Menschen in Südafrika trennt - auch im urbanen Johannesburg, wo das multikulturelle Miteinander auf der Straße, in der Schule oder im Job schon selbstverständlich ist. Wer in der gleichen Gegend, mit den gleichen finanziellen Möglichkeiten und den gleichen kulturellen Werten aufgewachsen ist, bildet eine Gruppe.

Alexandra Nash und Megan Thomas (Foto: Kerstin Welter)

Engagierte Oberschicht: Alexandra Nash und Megan Thomas

Alexandra Nash und Megan Thomas sind seit der Schule Freundinnen und haben viele der Dinge, die andere anstreben, immer schon gehabt. "Ja, wir sind klar Teil der weißen Mittel- oder sogar eher Oberschicht", sagt Alexandra. Die beiden sitzen in einem Einkaufszentrum im reichen Finanzviertel Sandton. Sie sind auf Heimatbesuch, Megan studiert Medien in Kapstadt, Alex Medizin in Schottland. Während sie sich einen Eiskaffee bestellen, erzählen sie von Privatschulen und großen Gärten, von Ferienhäusern und Urlaub in Europa. Im Grunde sind sie so aufgewachsen, wie ihre weißen Eltern auch schon - nur ohne die Apartheid, die beide ablehnen. "Wir können nichts dafür, was passiert ist, aber jetzt haben wir schon die Verantwortung, uns um die soziale Ungleichheit zu kümmern", sagt Alexandra. Die Freundinnen engagieren sich für Arme, sind politisch informiert und diskutieren mit ihren Freunden, wie die Situation für alle in Südafrika besser werden kann. So richtig durchmischt sind aber auch diese Runden nicht: "Alle meine schwarzen Freunde oder anderen Leute aus dem Freundeskreis machen die gleichen Sachen wie ich oder fahren an die gleichen Orte in den Urlaub. Die Integration ist erfolgreich. Aber halt nur innerhalb einer Schicht."

Vertrauen in die Vision der erfolgreichen Regenbogennation

Die soziale Schicht, in der Jeffrey Mulaudzi unterwegs ist, ist fast ausschließlich arm und schwarz. Er lebt in Alexandra, dem ältesten Township in Johannesburg, nur ein paar Kilometer vom reichen Sandton entfernt. Hunderttausende Menschen wohnen hier dicht gedrängt, die Straßen sind jetzt geteert aber ansonsten hat sich nicht viel verändert in den letzten Jahrzehnten. Der 21-jährige Jeffrey hat sich einen eigenen kleinen Freiraum erkämpft: Er bietet Fahrradtouren durch Alexandra für Touristen an. Außerdem ist er in einem Mentoring-Programm für Jungunternehmer, deswegen trägt er jetzt auch ab und zu einen Anzug. In Freiheit geboren zu sein sieht er auch als Auftrag: "Du musst dich hocharbeiten. Natürlich wirst du nie weiß sein, aber du kannst genauso wohlhabend werden", ist Jeffrey überzeugt. "Meine Mutter hatte niemals auch nur einen Cent übrig, ich musste zu Fuß zur Schule gehen. Und jetzt kann ich manchmal Schülern ein Paar Schuhe kaufen."

Die Kumpels aus der Nachbarschaft helfen Jeffrey bei seinem Geschäft als Fahrradtouranbieter (Foto: Kerstin Welter)

Die Kumpels aus der Nachbarschaft helfen Jeffrey bei seinem Geschäft als Fahrradtouranbieter

Ja, es gebe immer noch viel Diskriminierung, das werde nicht so schnell aufhören. "Aber das macht mir nichts", sagt Jeffrey. "Wütend zu werden hilft auch nicht, es macht alles nur noch schlimmer." Diese positive Art zu denken, haben die meisten der "Born Frees". Obwohl fast zwei Drittel ihrer Generation keinen Job oder eine gute Ausbildung haben: die "Born Frees" sind extrem zuversichtlich, dass harte Arbeit sie zum Ziel bringt. Sie meinen, dass Südafrika mehr Zeit braucht, um die Apartheid hinter sich zu lassen. Die Demokratie hat ihrer ganzen Generation ungeahnte Möglichkeiten gebracht, da sind sich alle einig, egal welche Hautfarbe, wie reich oder arm. Und sie orientieren sich an Nelson Mandela und seiner Vision einer fairen, offenen Gesellschaft.

Den direkten Bezug zum Befreiungskampf hat keiner ihrer Generation mehr, für sie ist entscheidend, was die Politiker für ihre Zukunft leisten können. Und da sind sie gerade ratlos. Die Korruption, die täglich für Schlagzeilen sorgt, macht viele wütend, weil sie das Gefühl haben, da wird eine Vision verspielt - die Vision von der harmonischen und erfolgreichen Regenbogennation, unter deren Vorzeichen sie geboren wurden. Diese Vision wollen sie sich aber nicht ausreden lassen, denn die Generation "Born Free" lebt nirgends lieber als in ihrem Südafrika.