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Deutschland

Süßen ohne Reue?

Ein altes Naturprodukt, traditionell genutzt von den Ureinwohnern Paraguays, süßer als Zucker, aber so gut wie keine Kalorien. Stevia heißt dieses Wunderkraut. Und doch ist es in Deutschland nicht zugelassen.

Süßigkeiten (Foto: Bilderbox)

Eine buschige Staude mit kleinen weißen Blüten - optisch ist "Stevia rebaudiana" eher unscheinbar. Doch die Pflanze, auch als Süßkraut, Süßblatt oder Honigkraut bekannt, hat es in sich. Schon die getrockneten Blätter sind bis zu 30 Mal süßer als Zucker. Wird der Wirkstoff Steviosid extrahiert, wirkt er bis zu 300 Mal süßer. Trotzdem hat Stevia kaum Kalorien, ist zahnfreundlich und auch für Diabetiker gut geeignet.

Steviapflanze (Foto: Fotolia)

Steviapflanze - Versuche haben ergeben, dass Stevia auch in Südeuropa angebaut werden könnte

Bei Menschen wie Margita Holly sorgt die Pflanze für Euphorie. Holly betreibt die Internetseite "Free-Stevia". Dem Zucker hat sie abgeschworen: "Ich nehme nur noch Stevia, es geht wunderbar, ich kann alles damit süßen, die Qualität und die Handelbarkeit hat sich wunderbar verbessert, man braucht einfach nichts anderes mehr."

Getarnt als Mundwasser

Biosupermarkt mit vielen Regalen (Foto: DW)

Biosupermarkt: Süßstoff im Kosmetikregal

Dabei ist Stevia in Deutschland eigentlich nicht als Lebensmittel zugelassen. Die Anbieter behelfen sich mit einem Trick. Um das Lebensmittelrecht zu umgehen, verkaufen sie ihre Produkte als Badewasserzusatz oder Mundwasser in Drogeriemärkten oder Reformhäusern.

Auch die Ladenbesitzer und ihr Personal sind damit nicht wirklich glücklich: "Meine Wunschvorstellung wäre, dass Stevia einfach zugelassen wird als Lebensmittel", erklärt Marina Ostermann, Verkäuferin in einem Münchener Drogeriemarkt. "Dann könnten wir Stevia ins Zuckerregal stellen und ich könnte den Leuten ganz normal Gebrauch und Dosierung erklären."

Zulassung auf der langen Bank

Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Die Europäische Union prüft seit mehr als zehn Jahren, ob Stevia zugelassen werden soll.

Zuckerrübenernte in Deutschland (Foto: Südzucker)

Zuckerrübenernte in Deutschland - bedroht Stevia die deutsche Zuckerindustrie?

Jan Geuns von der Universität Leuven in Belgien erforscht seit Jahren die Pflanze. Der graubärtige Professor, manche nennen ihn den Stevia-Papst, vermutet hinter dem schleppenden Zulassungsprozess die Zuckerlobby: "Viele Unternehmen, die gesamte Zuckerindustrie, die Hersteller künstlicher Süssstoffe, mögen Stevia nicht. Sie sind gegen die Markteinführung."

Die deutsche Zuckerindustrie weist diese Vorwürfe zurück. Man fühle sich nicht von Stevia bedroht, so Bianca Deppe-Leickel, Sprecherin des Unternehmens Nordzucker.

Die Befürworter von Stevia vertrauen auf die Unbedenklichkeit der Pflanze. Schließlich ist sie in Ländern wie Japan oder Korea schon lange zugelassen. Auch die Weltgesundheitsorganisation stufte Stevia Mitte 2008 als unschädlich ein.

Der deutsche Agrarwissenschaftler Udo Kienle aber warnt vor Euphorie. Der extrahierte Süßstoff habe mit der reinen Natur der Pflanze nicht mehr viel zu tun und sei nur in Kleinstmengen unbedenklich. Die richtige Dosierung sei ein großes Problem: "Man weiß nicht, was passiert, wenn diese Tagesdosis auf Dauer überschritten wird", betont Kienle, "man weiß aber, dass die Verbraucher heute gerne zu viel Süßstoffe zu sich nehmen".

Genehmigung in Sicht

Der Stevia-Experte Udo Kienle betrachtet im Gewächshaus der Universität Hohenheim eine Stevia-Pflanze (Foto: dpa)

Der Stevia-Experte Udo Kienle warnt vor obskuren Importen des Süßstoffes

Kienle war 1983 als Student in Paraguay. Dort lernte er das Kraut kennen. Fast sein ganzes Forscherleben hat Kienle Stevia gewidmet. Die als Badezusatz oder Ähnliches verkauften Stevia-Produkte hält Kienle für unsicher. Fast alle würden in China hergestellt, häufig ohne Kontrolle und ohne transparente Produktionsverfahren: "Die Produkte, die bisher im Reformhaus und im Internet angeboten werden, sind grundsätzlich nicht zulässig. Der Verbraucher geht ein großes Risiko ein, er weiß nicht, was er kauft. Die Behörden kontrollieren diesen Markt bisher nicht."

Eine offizielle Zulassung von Stevia könnte das ändern. Die Europäische Kommission hat sich inzwischen grundsätzlich positiv geäußert. Die Genehmigung, so heißt es, könnte Ende 2011 kommen. Einer der Antragsteller ist der US-Mischkonzern Cargill, Jahresumsatz mehr als 100 Milliarden Euro. Auch Coca Cola steht schon in den Startlöchern. Die Firmen wittern das große Geschäft. Als natürlicher Ersatz für chemische Süßstoffe, so hoffen sie, hat Stevia großes Potenzial. Ein Produkt für Idealisten wie Margita Holly wird Stevia dann aber wohl nicht mehr sein.

Autor: Nils Naumann
Redaktion: Kay-Alexander Scholz