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Olympia

Sörgel: "Eine absolute Unverfrorenheit"

Russland darf an den Olympischen Spielen in Rio teilnehmen. Diese Entscheidung sorgt für große Empörung in der Welt des Sports. Im DW-Interview spricht Doping-Experte Fritz Sörgel von einer verpassten Chance.

DW: Herr Sörgel, das IOC hat sich für eine Zulassung von Russland bei den Olympischen Spielen in Rio entschieden. Hat der Verband damit die Chance verpasst, ein Zeichen gegen Doping zu setzen?

Fritz Sörgel: Ja, hier ist auf jeden Fall eine Chance vertan worden. Es ist vor allem deswegen schade, weil man in diesem Fall einen großen Teil der Öffentlichkeit hinter sich gehabt hätte. Vielleicht nicht in Russland, aber in vielen anderen Ländern. Insofern ist sogar eine sehr große Chance verpasst worden. Aber so etwas musste mit einkalkuliert werden.

Sie sprachen kurz nach der Bekanntgabe des IOC von einem "widerlichen, abgekarteten Spiel". Handelt es sich um eine gemeinsame Entscheidung zwischen IOC, Russland und den jeweiligen Weltverbänden?

Gemeinsam nicht. Zumindest kann man davon ausgehen, dass es keine gemeinsame Telefonkonferenz gegeben hat (lacht). Trotzdem, überlegen wir mal: Wir sind jetzt keine zwei Wochen von den Olympischen Spielen entfernt. Wenn man das jetzt damit vergleicht, wie lang es normalerweise dauert, um bei Dopingfällen jemand anzuklagen, freizusprechen, oder wenn das CAS [Anm. d. Red.: Internationaler Sportgerichtshof] ein Urteil gefällt hat, dieses auch umzusetzen. Und jetzt soll das alles problemlos gehen? Die Sportler sind nun in der Lage, ihre Dokumente bei den jeweiligen Verbänden abzugeben, um zu belegen, dass sie sauberen Sport betreiben. Das geht nun innerhalb von weniger als zwei Wochen. Für mich ist das ein System des "Durchwinkens", ein abgesprochenes Spiel, dafür muss man sich auch an keinem geheimen Ort treffen.

Glauben Sie, dass bei einem vermeintlich kleineren Land anders entschieden worden wäre?

Ja, auf Kenia beispielsweise hatte man sich ja auch fokussiert. Da wäre es aufgrund der üblichen Vorurteile sicherlich leichter gegangen. Wobei man fairerweise sagen muss: Diese Vorurteile gab es gegen Russland auch. Interessant wäre es, wenn so etwas beispielsweise mal in den USA vorkäme.

Julia Stepanowa, einst des Dopings überführt agierte sie nun als Kronzeugin während der Aufdeckung des russischen Staatsdopings. Laut IOC erfülle sie jedoch immer noch nicht "die ethischen Anforderungen an einen olympischen Athleten" und darf daher nicht an den Spielen teilnehmen. Der US-Sprinter Justin Gatlin, sogar mehrfach wegen Dopingmissbrauchs gesperrt, hingegen schon. Misst das IOC mit zweierlei Maß?

Yuliya Stepanova

Von Olympia ausgeschlossen: Mittelstreckenläuferin Julia Stepanowa

Die Begründung ist eine absolute Unverfrorenheit. Dass Sie mal positiv getestet wurde, ist natürlich ein Problem. Aber sie hat gemeinsam mit ihrem Mann viel geleistet. Es ist ja alles darauf zurückzuführen, dass sie gemeinsam mit ihrem Mann und Hajo Seppelt [Anm. d. Red.: Doping-Experte und ARD-Journalist] für die Aufdeckung gearbeitet hat. Ihr dann vorzuwerfen, sie passe nicht in das ethische Muster, das ist vom rein Menschlichen einer der schlimmsten Aspekte in dieser Geschichte. Denn was bedeutet das eventuell für andere Sportler, die sich als Whistleblower betätigen könnten? Es bedeutet: Da lassen wir mal schön die Finger von.

Diese Entscheidung ist also auch eine Art "Abschreckung" für Sportler, die darüber nachgedacht haben, ähnlich wie Julia Stepanowa zu agieren?

Ja, es passt eben alles zusammen. Thomas Bach ist jetzt aus der Sache herausgekommen. Zumindest vorläufig, ich weiß nicht ob in dieser Sache schon das letzte Wort gesprochen worden ist. Die Sportlerin ist gesperrt, und wir haben die Russen im Rennen. Läuft doch alles ganz gut, oder?

Sie sprechen IOC-Präsident Thomas Bach an. Wird das IOC auf lange Sicht noch von dieser Entscheidung eingeholt?

Vorhersagen sind immer schwierig. Man muss das ganze IOC sehen, mit welchen Vorwürfen es sich stetig beschäftigen muss. Es kann schon sein, dass sich in bestimmten Ländern, die solche Dinge kritischer sehen, wozu ich Deutschland übrigens auch zähle, mal etwas zu Ungunsten des IOC entwickelt. Es gibt aber auch nicht so viele Länder auf der Erde, die diese Vorgänge im IOC intensiv verfolgen. In England beispielsweise wird das Thema Doping nicht so groß diskutiert wie etwa bei uns.

Mit Blick auf die Zukunft im Kampf gegen Doping: Ist diese Entscheidung nicht sogar eine Art "Carte blanche" für Dopingsünder?

So weit würde ich nicht gehen. Die Entscheidung wird schon Spuren hinterlassen, besonders in Ländern, wo solche Systeme amateurhaft umgesetzt werden. Natürlich, die ganz schlimmen Fälle an dopenden Sportlern wird man nicht belehren können. Es gibt aber auch genügend Sportler, die über das, was sie machen, nachdenken, und die müssen aus der Geschichte natürlich schon die Schlussfolgerung ziehen: "Wenn ich Pech habe, dann wird das alles aufgedeckt. Und zwar in einem großen Maßstab." Dass ein Dopingsünder damit rechnen muss, ist sowieso klar, jedoch handelt es sich im Fall Russland um eine ganz andere Dimension. Bei einem solchen Umfang an Dopingvergehen fällt man nicht so schnell "durchs Netz". Oder besser gesagt: Hier würde man eher "durchs Netz" fallen, wenn man nicht positiv auf Doping getestet wird.

Bei all den Ernüchterungen, immer wieder neu aufkommenden Dopingfällen und einer scheinbar "unendlichen Geschichte": Woher nehmen Sie Ihren Elan, diesen Kampf immer weiter zu führen? Werden Sie nicht auch mal "müde", besonders nach einer solchen Entscheidung?

Nein, eigentlich nicht. Müde wird der, der im Sport direkt in irgendeiner Form als Funktionär tätig ist. Als externer Beobachter, der sich mit den Doping-Fragen auch wissenschaftlich beschäftigt, ist man eigentlich ganz "cool". Man muss ja auch kühl und auf Distanz bleiben. Dass ich mich natürlich über so etwas auch aufrege, ist ganz klar.

Abschließend mit Blick auf die Zukunft: Was wünschen Sie sich für den Kampf gegen Doping und auch vom IOC?

Man wünscht sich natürlich schon, dass das IOC eine Sache einmal so durchzieht, wie sie durchgezogen werden sollte. Diese Chance ist wie gesagt jetzt erst mal vertan. Es werden aber weitere kommen, und dann wird das IOC nicht mehr so leicht aus der Geschichte herauskommen wie dieses Mal.

Fritz Sörgel, geboren 1950, ist einer von Deutschlands führenden Doping-Experten. Er ist Pharmakologe und leitet das Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) in Nürnberg. Bis 2007 war Mitglied der Anti-Doping-Kommission des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR).

Das Interview führte Kai Bülter.

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