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Politik

Säuglingstode entfachen Hygiene-Debatte

Der Tod dreier Babys in der Mainzer Uniklinik hat eine Debatte über die Hygiene in deutschen Krankhäusern ausgelöst. Während Politiker neue Gesetze fordern, warnen Ärztevertreter vor Aktionismus.

Schild vor Mainzer Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin (Foto: AP)

In der Mainzer Uniklinik starben drei Säuglinge

Hat man es mit der Hygiene nicht so genau genommen, oder war es ein tragisches Schicksal, dass drei Frühgeborene in der Universitätsklinik Mainz starben, die mit einer verunreinigten Nährlösung versorgt wurden? Für den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach ist die Sache klar: Es fehle an Hygienestandards der Krankenhäuser und Bundesländer, kritisierte er im Kölner Stadt-Anzeiger vom Mittwoch (25.08.2010). Vorstöße des Bundes, an den Missständen etwas zu ändern, seien stets am Widerstand der Länder gescheitert. "Offenbar müssen erst Leichen auf der Straße liegen, bis einige Bundesländer aufwachen und ihrer Verantwortung gerecht werden", empörte sich Lauterbach.

Porträt Lauterbach (Foto: dpa)

Nach Ansicht von Karl Lauterbach (SPD) mangelt es an einheitlichen Standards

Den drei Säuglingen, die zu früh zur Welt gekommen waren und an schweren Vorerkrankungen litten, war eine mit Bakterien belastete Infusionslösung gegeben worden. Als wahrscheinlich gilt, dass die Keime beim Zusammenmischen in der Apotheke der Klinik in die Lösung gelangten. Für eine endgültige Klärung beschäftigen sich jetzt Rechtsmediziner im Auftrag der Mainzer Staatsanwaltschaft mit dem Fall.

Bundesweite Verordnung gefordert

Bisher gebe es in den meisten Bundesländern keinerlei verbindliche Hygienevorschriften für Kliniken, kritisierte Lauterbach. In zahlreichen Häusern würden einfachste Regeln missachtet. Deshalb fordere die SPD-Bundestagsfraktion eine bundesweite Verordnung. Bisher ist es so, dass jedes der 16 deutschen Bundesländer selbst entscheiden kann, ob es Hygieneverordnungen für Hospitäler erlässt. Das haben bislang nur Berlin, Bremen, Nordrhein-Westfalen, das Saarland und Sachsen gemacht.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler will das Problem daher bei der nächsten Gesundheitsministerkonferenz mit seinen Kollegen aus den einzelnen Bundesländern erörtern. Seiner FDP-Parteikollegin Ulrike Flach reicht das offenbar nicht aus. "Wir haben auf dem Gebiet der Krankenhaus-Hygiene ein großes Problem, auf das der Gesetzgeber dringend reagieren muss", stellte die Fraktionsvizechefin in der Neuen Osnabrücker Zeitung fest. Im September wolle die FDP-Fraktion die Initiative für eine bundesweite Regelung ergreifen. Ähnlich äußerte sich der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn: "Es ist höchst unbefriedigend, dass trotz lange bekannter Defizite bei der Hygiene in Krankenhäusern bisher wenig passiert ist."

Nichts überstürzen

Die Ärzte-Gewerkschaft Marburger Bund warnte dagegen vor einer politischen Überreaktion und sprach sich gegen neue Vorschriften für Krankenhäuser aus. Mit den vom Berliner Robert-Koch-Institut formulierten Hygienerichtlinien gebe es keinen Mangel an Standards, sagte der Gewerkschaftsvorsitzende Rudolf Henke den Ruhr Nachrichten. Das Bewusstsein für Hygiene sei beim Krankenhauspersonal in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Ein Bundesgesetz sehe er nicht als notwendig an. Wer effektivere Kontrollen wolle, müsse die Gesundheitsämter mit mehr Personal ausstatten. Hilfreich wäre zudem ein Hygienebeauftragter in möglichst jedem Klinikum.

Porträt Rudolf Henke (Foto: dpa)

Rudolf Henke vom Marburger Bund hält ein neues Bundesgesetz für überflüssig

Auch die Bundesärztekammer forderte mehr Spezialisten an Krankenhäusern. Es sei richtig, dass die Krankenhäuser Hygiene-Fachkräfte einstellen müssen, die immer Schwachstellen bei der Sauberkeit auf der Spur sind, erklärte Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery der Thüringer Allgemeinen Zeitung.

Krankenhäuser unter Sparzwang

Die Krankenhäuser indes sehen sich mit dem Spardruck in der Gesundheitspolitik konfrontiert. "Unser dringender Appell an die Politik: Sicherheit kostet auch Geld", sagte der Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, der Deutschen Presseagentur. Die von der Bundesregierung vorgesehenen Sparmaßnahmen könnten nur mit weiterem Druck auf das Personal umgesetzt werden, warnte Baum.

Es sei egal, ob es statt 16 Landesregelungen eine bundeseinheitliche Gesetzgebung gebe, sagte Baum. Es sei auch kein Problem, wenn die Krankenhäuser zur Besetzung mit Hygienepersonal verpflichtet würden. Aber die Politik müsse sich im Klaren sein, dass dafür auch mehr Geld bereitgestellt werden müsse. Die Bundesregierung will im Zuge der Gesundheitsreform im kommenden Jahr rund 500 Millionen Euro bei den Kliniken sparen.

Autorin: Eleonore Uhlich (dpa, apn, rtr)
Redaktion: Martin Schrader

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