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Musik

Sänger des Jahres: Johannes Martin Kränzle

Meist stehen Schönlinge und Tenöre mit Starallüren im Fokus des Operngeschehens. Doch führende europäische Opernkritiker haben mit Kränzle einen bodenständigen Bariton und Antihelden zum Sänger des Jahres gewählt.

Joahnnes Martin Kränzle (Foto: @Oper Köln/ Forster)

Kränzle in "Ariadne auf Naxos"

Die 50 Kritiker, die in der Fachzeitschrift "Opernwelt" ihre Stimme abgeben, bewerten nicht nur die stimmliche Qualität und die Bandbreite des Repertoires eines Sängers, sondern auch das schauspielerische Talent und seinen Fleiß. All das trifft auf den 49-jährigen Augsburger Johannes Martin Kränzle zu: In dieser Saison hat er neben seinen wagnerschen Paraderollen – Beckmesser in den "Meistersingern" und Alberich im "Ring des Nibelungen" – noch weitere wichtige Partien gesungen.

Zum einen stellte sich Kränzle komplizierter neuer Musik bei den Salzburger Festspielen. Dort sang er die zentrale Rolle in "Dionysos", einem modernen Werk von Wolfgang Rihm. Zum anderen verkörperte er an der Kölner Oper den Fürsten Andrej Balkonski in "Krieg und Frieden", einem in Deutschland kaum bekannten Meisterwerk von Sergej Prokofjew. Charakterrollen meistert Johannes Martin Kränzle, so die einhellige Meinung der Kritiker, ebenso bravourös wie das lyrische Fach und zeitgenössische Partien.

Szene aus Dionysos( Foto: Barbara Gindl (c) dpa - Bildfunk)

Szene aus "Dionysos"

Kränzles Opernrepertoire umfasst mehr als 80 Rollen, und er ist ein begehrter Interpret an den renommiertesten Bühnen der Welt. Auch außerhalb seiner Sängerkarriere hat die Oper es Kränzle angetan: Eine Zeit lang studierte er Opernregie und schrieb sogar selbst ein musikalisches Theaterstück: "Der Wurm".

Zum Interview in Köln, wo er derzeit die Rolle des Musiklehrers in der Oper "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss singt, erschien Johannes Martin Kränzle mit einer Pünktlichkeit, die noch eine weitere Qualität vermuten lässt: absolute Zuverlässigkeit.

Deutsche Welle: Herr Kränzle, Sie haben den deutschen "Opern-Oscar" in der Tasche. Hat das etwas an Ihrem Leben verändert?

Johannes Martin Kränzle: Ich war sehr überrascht, dass man mich gewählt hat. Ich habe mich sehr gefreut, aber direkt verändert hat sich nichts, auch nicht von den Angeboten; ich habe ja schon so schöne Aufgaben.

Gab es bestimmte Regeln, nach denen Sie Ihre Karriere gestaltet haben?

Ein Sänger kann nicht immer bewusst gestalten, man ist schon auf die Angebote angewiesen, die man bekommt – oder eben nicht. Aber grundsätzlich ist es so, dass ich sehr vorsichtig mit Rollen war und oft gesagt habe: "Nein, auf die Rolle warte ich noch lieber zwei, drei Jahre", und das hat mir gut getan. Ich kann sagen: Alles, was ich nicht gesungen habe, hat mir geholfen. Wenn man bestimmte Partien zu früh singt, schafft man es für den Moment, aber das hat seinen Preis; später wird man Ermüdungserscheinungen in der Stimme haben.

Wie könnte denn so ein Rollen-Zeitplan in Ihrem Fach aussehen?

Es ist bestimmt sehr individuell. Als ich zum ersten Mal Don Giovanni gesungen habe, war ich 35, da hatte ich schon zehn Berufsjahre hinter mir. Meine allererste Wagner-Rolle sang ich mit 42. Heute, mit größerer Reife, traue ich mir einiges zu, aber es gibt immer noch Rollen, für die es noch zu früh ist.

Kränzle in Dionysos von Wolfgang Rihm (Foto:@ Salzburger Festspiele / Ruth Walz)

Als "N" spielt Kränzle in "Dionysos" einen gescheiterten Träumer

Entschuldigung, aber für welche Rollen ist man mit fast 50 Jahren noch zu jung?

Für hochdramatische Wagner-Rollen. Es ist noch nicht meine Stimme. Vielleicht wird es auch nie meine Stimme sein.

Der Altersdurchschnitt verschiebt sich unaufhaltsam nach oben, auch bei den Opernsängern. Was meinen Sie dazu?

Die Menschen werden grundsätzlich immer älter, und die Gesundheit wird immer besser. Eigentlich müsste man sich mehr Zeit für die Jugend und Ausbildung gönnen, dass man vielleicht erst mit 25 oder 30 zu arbeiten beginnt – und dann vielleicht bis 70. Das wäre meine Prognose für die nächste Generation.

Wo wir beim Thema Jugend sind: Macht es Ihnen nichts aus, dass die meisten Ihrer Zuschauer eine Generation älter sind als Sie?

Das kommt sehr auf das Management an. Ich war neulich in Frankfurt in einer durchschnittlichen Repertoireaufführung und war überrascht, wie viele junge Leute im Publikum saßen. Man muss die Jungen gezielt auffordern, in die Oper zu kommen.

Sie haben einmal gesagt, es gäbe in einem Sängerleben höchstens fünf Rollen, die so richtig zu einem passen. Sie waren schon ein wunderbarer Papageno und ein großartiger Blaubart. Nun "beckmessern" und "alberichen" Sie fleißig auf den besten Bühnen dieser Welt. Was ist noch offen?

Na ja, den Alberich singe ich erst sein anderthalb Jahren, und ich liebe die Partie sehr, genauso wie Beckmesser, weil die Rollen theatralisch so unheimlich viel Material bieten. Aber nach Andrej Balkonski habe ich Lust auf Kavaliersrollen, vielleicht auch auf die positiven Rollen bei Wagner: etwa Amfortas oder Kurwenal. Ich wollte auch schon immer den Eugen Onegin singen, und dieser Wunsch wird, das darf ich schon mal verraten, in zwei Jahren in Köln in Erfüllung gehen. Und Mozart ist immer als Grundlage wichtig, um die Stimme gesund zu halten und schlank zu bekommen. Ich singe bewusst immer wieder Mozart.

Gehört es zu Ihren Prinzipien, nie "nein" zum Neuen und Unbekannten sagen?

Die Meistersinger von Nürnberg : Johannes Martin Kränzle als Sixtus Beckmesser and Gerald Finley als Hans Sachs (Foto: Alastair Muir)

Beckmesser gehört zu Kränzles Lieblingsrollen

Unbedingt, die Zufallsangebote sind oft die interessantesten. Da entdeckt man in sich selbst Qualitäten, an die man nie geglaubt hatte. Zum Beispiel gerade bei "Krieg und Frieden" von Prokofjew in Köln. Ein ganz tolles Werk! Je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto begeisterter war ich von der Musik und vom Gesamtwerk.

Und meine Rolle war ein ganz anderer Charakter, als das, was ich sonst meist spiele. Ich bin ein Fachmann für die Gebrochenen, die Verlierer, die Antihelden. Und der Andrej Balkonski ist so ein Held im klassischen Sinne, der eher in den Tod geht als die Ehre verliert, aber mit sehr vielen Schattierungen.

Ihr Nietzsche im "Dionysos" von Wolfgang Rihm wird hoch gelobt. Hat dieses Stück eine Chance, sich im Repertoire zu behaupten?

Ich glaube, es wird immer wieder mal aufgeführt. Ich würde gar nicht sagen, es ist kompliziert zu hören. Es ist sehr kulinarisch: Da hört man Mahler durch oder Strauss. Moderne Musik muss nicht immer nur schräg klingen.

Was macht für Sie eine erfolgreiche Produktion aus?

Das ist diese glückliche Mischung in einem Stück, das zum Regisseur und zum Dirigenten passt und dazu eine Besetzung, die harmoniert. Da kann man sowohl in Mailand großes Pech haben wie vielleicht in Gelsenkirchen Riesenglück.

Das Interview führte Anastassia Boutsko
Redaktion: Suzanne Cords

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