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Welt

Säbelrasseln in Kiew

Zwei gefangene Soldaten aus Russland sollen den letztgültigen Beweis liefern, dass Russland mit regulären Einheiten in der Ost-Ukraine kämpft - und Kiew damit direkt gegen Moskau. Frank Hofmann berichtet aus Kiew.

Der ukrainische Geheimdienst SBU gibt in Kiew eine Pressekonferenz zu den gefangenen, angeblich russischen Soldaten. Ein Mann hält eine Maschinenpistole als Beweisstück in die Luft

Pressekonferenz in Kiew: Die Waffen sollen gefangenen russischen Soldaten abgenommen worden sein

Schtastje ist ein kleiner Ort nördlich der Rebellenhochburg Luhansk im Osten der Ukraine. Es ist eine trostlose Siedlung aus den 1950er Jahren, die es nur gibt, weil nördlich von ihr ein Stromkraftwerk steht. Dort wird der Strom für die ganze Region produziert – auch für die Hochburg Luhansk der prorussischen Separatisten weiter südlich. Schtastje heißt auf Ukrainisch Glück. Doch es sieht wenig nach ungetrübter Fröhlichkeit aus: Am Ortseingangsschild harren dort ukrainische Soldaten des Kiewer Regiments an einem Checkpoint aus – eine Brücke weiter südlich stehen bereits die Luhansker Separatisten. Das Kraftwerk ist gut zu sehen.

Dort wollen die Ukrainer bei Kämpfen am 16. Mai jene zwei russischen Soldaten verhaftet haben, die mittlerweile in Kiew sind. Sie sollen nach ukrainischer Lesart einer russischen Spezialeinheit angehören. Und inzwischen sagt es auch die OSZE, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa: Ja, die beiden Männer sind Soldaten des Kreml. "Beide gaben an, sie seien Mitglieder einer Einheit der russischen Streitkräfte", erklärte die OSZE am Donnerstag, nachdem sie die beiden verletzten Männer in einem Krankenhaus in Kiew befragen konnte. Sie gehörten demnach einer Aufklärungseinheit an, waren bewaffnet, hatten aber keinen Auftrag anzugreifen.

Für den ukrainischen Präsidenten Poroschenko ist das ein klarer Beweis dafür, dass sein Land nicht etwa mit den prorussischen Separatisten im Krieg sei - sondern mit dem großen Nachbarn Russland direkt. Moskau widerspricht wie gehabt - die beiden seien vielleicht früher einmal reguläre Soldaten gewesen, jetzt aber sicher nicht mehr.

Vorbereitung zum Generalangriff

Stadtschild von Schtastje in der Ostukraine

Der Name des Städtchens Schtastje bedeutet auf Ukrainisch "Glück" ...

Jetzt rasseln die Säbel: Am Donnerstag präsentierte der Chefberater des ukrainischen Geheimdienstes SBU Markiyan Lubkivsky Waffen der beiden Inhaftierten, Handgranaten und Dokumente, die ihre Zugehörigkeit zum zweiten Bataillon der dritten russischen Brigade für Spezialaufträge beweisen sollen. Die werde demnach geführt von einem Major Konstjantyn Napolskych, der den Kampfnamen "Fagot" trage. Die Truppe soll am 20. März in die Ukraine gekommen sein. Ihr Ziel: Vorbereitungen für eine Invasion auf von den Kiewer Truppen gehaltenes Gebiet am strategisch wichtigen Kraftwerk von Schtastje, der Stadt des Glücks. Videos mit Interviews mit den beiden Inhaftierten Russen hat Kiew ins Internet gestellt, versehen mit englischen Untertiteln – damit es ja auch jeder im Westen mitbekommt. Doch ob der Fang von Schtastje für Kiew tatsächlich ein Glück ist – das bleibt vorerst offen.

Kritik von Amnesty International

"Wir versuchen sie mit maximaler Menschlichkeit zu behandeln", sagt Geheimdienstler Lubkivsky. Und findet zumindest dafür Bestätigung von Amnesty International: Tatsächlich seien die "Konditionen wirklich gut", sagt die Kiewer Büroleiterin Tatjana Masur. Allerdings habe ihre Organisation die beiden nur im Beisein von Geheimdienstoffizieren besuchen können.

Im Krankenbett: Einer der zwei gefangengenommenen Männer

Im Krankenbett: Einer der zwei gefangengenommenen Männer

Das sei in der Regel nicht die Art und Weise, auf die Amnesty arbeite. Nach internationalen Menschenrechtsstandards dürfte zudem nichts "gegen die Interessen der beiden" unternommen werden. Die Zurschaustellung von Gefangenen im Internet gehört nicht dazu. "Filmen sollte man sie sicher nicht", sagt die Kiewer Amnesty-Frau, die diesen Freitag zudem einen Bericht vorstellen will, der Fälle von unmenschlicher Behandlung gefangener Soldaten auf Kiewer Seite wie bei den Rebellen dokumentieren soll.

Moskau lässt Kiew keine andere Wahl

Unklar ist, ob die beiden mit den Filmaufnahmen einverstanden waren. "Wenn dies der Fall war, ist dagegen nichts einzuwenden - wenn nicht, ist dies nicht angebracht", sagt der Vizechef der OSZE-Mission, Alexander Hug. Einer der beiden gefangenen Russen ist im Krankenbett gefilmt worden. Das sei zwar nicht sehr fein, sagt ein europäischer Diplomat in Kiew, "aber Russland lässt den Ukrainern ja auch keine andere Wahl". Im übrigen "werden die Amerikaner ihnen schon sagen, dass sie nicht zu viel von diesen Interviews veröffentlichen sollten." Eine Gratwanderung also.

Ukraine Stromkraftwerk von Schtastje

Angeblich Ziel einer russischen Invasion: Das Kraftwerk von Schtastje

Poroschenko will Friedenspräsident sein

Der Präsident des Landes will der Gute sein in diesem Krieg um die Ost-Ukraine. "Ich bin der Friedenspräsident", sagte Staatschef Petro Poroschenko im Interview mit dem Zweiten Deutschen Fernsehen am Rande seines Besuches bei der deutschen Kanzlerin in Berlin vergangene Woche mit fester Stimme. Doch die Beobachtermission der OSZE wirft auch seinen Soldaten vor, das Minsker Waffenstillstandsabkommen vom Februar immer wieder zu verletzen. Wie die Rebellen. Die haben mittlerweile aufgerüstet. Erst diese Woche konnte eine der beiden Aufklärungsdrohnen der OSZE ein Luft-Boden-System vom Typ Strela auf Rebellengebiet dokumentieren - in Reichweite der südostukrainischen Großstadt Mariupol am Asowschen Meer. Die Gefahr eines neuen Gewaltausbruchs ist tatsächlich nicht gebannt.

Anruf bei Ehefrau

Als Höhepunkt der Pressekonferenz in der Kiewer Geheimdienstzentrale greift Chefberater Lubkivsky zum Mobiltelefon. Hinter ihm ein bewaffneter Sicherheitsmann mit schwarzer Maske. Lubkivsky wählt eine Nummer. Es soll die der Ehefrau von einem der beiden Gefangenen sein, die offenbar bereits vom russischen Fernsehen befragt wurde. Der Anrufbeantworter geht ran - der Geheimdienstler hält das Gerät an sein Mikrofon, um anschließend die Nummer den Journalisten weiterzugeben. Interessante Methoden. Ob sie Kiew im Kampf um die moralische Hoheit in diesem Konflikt helfen bleibt offen. Genauso, ob der Fang von Schtastje am Ende dem "Friedenspräsidenten" tatsächlich sehr viel Glück bereitet.