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Globale Zusammenarbeit

São Paulo droht der Verkehrsinfarkt

Der deutsche Verkehrsexperte Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen war in São Paulo, um über den drohenden Verkehrskollaps in der brasilianischen Megastadt zu beraten.

Sao Paulo Straße Verkehr Motorrad Stau (Foto: Photo Press/AE)

Sao Paulo Straße Verkehr Motorrad Stau

2014 findet in Brasilien die Fußball-Weltmeisterschaft statt. Das Eröffnungsspiel soll in São Paulo stattfinden. Die Millionenmetropole leidet schon heute unter Dauerstaus und verstopften Straßen; an manchen Tagen staut sich der Verkehr auf bis zu 300 Kilometern. Der öffentliche Personenverkehr ist nur mangelhaft ausgebaut. Der deutsche Physiker und Verkehrsexperte Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen hat sich vor Ort ein Bild von den Problemen und Herausforderungen gemacht, vor denen São Paulo steht.

DW: Welche Eindrücke hatten Sie, nach Ihrem Besuch in São Paulo?

Prof. Michael Schreckenberg: São Paulo, die sechstgrößte Metropole der Welt, muss mit einem Verkehrssystem auskommen, das komplett auf Eisenbahn verzichtet. Es gibt nur eine kurze S-Bahn-Trasse und ein kleines U-Bahn-Netz. Das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre hat dazu geführt, dass sich immer mehr Menschen ein Auto leisten können. Das führt dazu, dass das vorhandene Verkehrsnetz diese Menge an Fahrzeugen nicht mehr aufnehmen kann.

Prof. Michael Schreckenberg Universität Duisburg-Essen Physik von Transport und Verkehr (Foto: Michael Schreckenberg)

Michael Schreckenberg: "Sao Paulo braucht ein Schienennetz!"

Für Busse ist in der Regel eine eigene Spur reserviert, auf der sonst nur Taxis fahren dürfen, so dass diese Spur für den Verkehr wegfällt. Der Zustand der Straßen ist außerordentlich schlecht, in vielen Fällen kann man nicht einmal die zulässige Höchstgeschwindigkeit erreichen. Bemerkenswert ist vor allem der Motorradverkehr, der sich an keinerlei Verkehrsregeln hält. Wenn sich die Autos stauen bildet sich in der Regel eine Gasse, durch die die Motorräder mit über 50 Kilometer pro Stunde regelrecht durchrasen.

Wo sehen Sie die Ursachen für diese massiven Probleme?

Im Großraum São Paulo leben rund 20 Millionen Menschen. Sieben Millionen Autos sind dort zugelassen und jeden Tag kommen achthundert neue hinzu. Es gibt keinen TÜV, lediglich der Schadstoffausstoß wird kontrolliert, aber nur anhand der Fahrzeugpapiere, die tatsächlichen Werte werden nicht gemessen.

Auf den Hauptverkehrsstrassen gibt es keine Standspur, so dass jedes liegengebliebene Auto lange Staus verursacht. Das Verkehrsnetz ist ungeplant gewachsen. Es fehlt zum Beispiel ein autobahnähnlicher Ausbau. Ich habe alleine von São Paulo zum 50 Kilometer entfernten Flughafen fast zwei Stunden gebraucht.

Wäre eine Mautgebühr geeignet um den Autoverkehr in der Innenstadt zu verringern?

Lange Warteschlangen im Flughafen von Sao Paulo, (Foto: AE)

Der Flughafen von Sao Paulo - Zu klein für die WM?

Die Maut habe ich bei meinen Gesprächen in São Paulo auch vorgeschlagen. Aber so ein Projekt wird politisch nicht funktionieren, weil in Brasilien ohnehin schon sehr hohe Kosten auf die Verbraucher zukommen. Auf den Kaufpreis eines Fahrzeuges werden 40 Prozent Steuern aufgeschlagen, bei importierten Autos aus Europa z. B. kommen nochmal 35 Prozent hinzu. Es gibt viele Familien, die sich jetzt zum ersten Mal ein Auto leisten können. Eine Maut würde da zu erheblichen Protesten führen.

Es gibt eine Regelung aus dem Jahr 1997, die man jetzt ausweiten will: An bestimmten Wochentagen dürfen Nummerschilder mit den Endziffern 1 und 2, am nächsten Tag 3 und 4, dann 5 und 6, und so weiter, nicht fahren. Das hat damals den Verkehr um ein Fünftel reduziert. Aber zehn Jahre später war dieser Effekt durch die vielen Neuwagen jedoch schon wieder zunichte gemacht worden.

Außerdem soll eine Maut ja dazu führen, dass viele Leute auf den öffentlichen Verkehr umsteigen. Aber in São Paulo gibt es diese Alternative praktisch nicht. Ich habe bei meinen Gesprächen deutlich gemacht, dass hier mit der Bevölkerung zusammengearbeitet werden muss, damit die Angebote auch akzeptiert werden. Planungen, die am Reißbrett entstehen und dann einfach aufgedrückt werden, funktionieren nicht.

Wo sehen Sie langfristig eine Lösung?

Kurzfristig muss das Motorradproblem gelöst werden. Das ist sicherheitstechnisch relevant. Ich plädiere für eine eigene Fahrspur für Motorräder. Die technische Überwachung muss eingeführt werden. Die EU plant, dass Autos künftig jedes Jahr zum TÜV müssen. In Brasilien muss man niemals zum TÜV. Darum bleiben ja auch viele Autos liegen und verursachen Staus.

Mittel- und langfristig müsste ein schienengebundener öffentlicher Verkehr her, und der muss, um akzeptiert zu werden, auch einen gewissen Komfort bieten. Wer Geld hat um sich ein Auto zu kaufen, der will auch damit fahren. Das ist ein Statussymbol. Und dann ist es natürlich umso schwerer die Leute zu motivieren, doch Bus oder Bahn zu fahren.

Wie schätzen Sie die Verkehrssituation bei der WM 2014 ein?

Für die WM werden Sonderregelungen geschaffen. Man wird gewisse Strecken freihalten, so dass das Hauptproblem für die Zuschauer gar nicht sichtbar wird. Der Flughafen Guarulhos ist erstaunlicherweise gar nicht so groß. Wenn nichts mehr geht, dann fliegt man noch Hubschrauber. Das Eröffnungsspiel wird ja in São Paulo sein und da kommen natürlich viele Menschen. Aber für einen Tag lässt sich der Ansturm bewältigen, das hat nichts mit dem eigentlichen Problem zu tun.