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Wirtschaft

RWE: Angeschlagen, aber optimistisch

Deutschlands Energiekonzerne sind angeschlagen. Die Abschaltung mehrerer Kernreaktoren und der beschlossene Atomausstieg machen ihnen zu schaffen. Dazu ein Gespräch mit Arndt Neuhaus, Chef der RWE Deutschland AG.

Hinter einem Stopschild steigt Rauch aus den Kühltürmen und Schornsteinen des RWE-Braunkohlekraftwerks Niederaußem bei Bergheim. Foto: dpa

Herr Dr. Neuhaus, d er Gewinn von RWE ist im ersten Halbjahr eingebrochen, im zweiten Quartal schrieb RWE sogar Verluste. Der Aktienkurs hat sich seit Anfang des Jahres halbiert. H at Ihnen die Energiewende in Deutschland ihr Geschäftsmodell zerstört?

Die Energiewende ist für uns seit Jahren Wirklichkeit, sie findet nicht erst seit Anfang des Jahres statt. Vielmehr gibt es die Energiewende in Deutschland mindestens seit zehn Jahren, und in den letzten fünf Jahren hat sich das noch deutlich beschleunigt. Wir bauen seit Jahren neue Netze. In Deutschland entsteht eine riesige Anzahl an neuen dezentralen Energieanlagen, die angeschlossen werden müssen - das sind Solaranlagen, das sind Windanlagen. Und unser Unternehmen baut seit Jahren die Netze so aus, dass diese erneuerbaren Energien aufgenommen werden können. Deswegen ist das Thema für uns nichts Neues.

Gemessen an der gesamten Stromproduktion von RWE - wie groß ist der Anteil von Strom aus erneuerbaren Energien?

Arndt Neuhaus, Vorstandschef der RWE Deutschland AG (Foto: RWE)

Arndt Neuhaus, Vorstandschef der RWE Deutschland AG

Wir haben derzeit einen Anteil von unter fünf Prozent. Den wollen wir in den nächsten Jahren aber gewaltig steigern. Wir investieren über eine Milliarde Euro jedes Jahr in erneuerbare Energien, um den Anteil in den nächsten Jahren deutlich zu erhöhen. Diese erneuerbaren Energien entstehen in Europa da, wo besonders günstige Bedingungen sind: in Deutschland, in England, in Südeuropa.

Wenn man nur die Stromproduktion von RWE in Deutschland betrachtet, dann ist der Anteil an erneuerbaren Energien noch geringer – nur rund ein Prozent. Deutschlandweit haben erneuerbare Energien einen Anteil von 20 Prozent. Hat RWE diese Entwicklung verschlafen?

Ich glaube, Deutschland hat in den letzten Jahren einen riesen Boom erlebt im Bereich erneuerbare Energien. Die sind entstanden überwiegend von Bürgern und Genossenschaften, also eben nicht den großen etablierten Unternehmen. Und es war politisch gewollt und hat auch zu einer sehr dezentralen, kleinteiligen Struktur geführt. Wir sind aber mit Investitionen beteiligt. Wir bieten Modelle an, bei denen sich Bürger gemeinsam mit uns an Windparks und Solaranlagen beteiligen können. Wir werden das Geschäftsfeld in den nächsten Jahren konsequent ausbauen.

Woher kommt das Geld für diese Investitionen? Ihre Gewinne sinken, und die Schuldenaufnahme wird teurer, weil die Rating-Agenturen ihre Bonität herabgestuft haben. Wir können Investitionen also finanziert werden?

Wir sind derzeit im größten Bauprogramm unserer Geschichte. Wir erreichen in diesem Jahr das Maximum dieser Investitionen, und deswegen treffen uns die politischen Entscheidungen, etwa zum Thema Brennelementesteur, besonders hart. Trotzdem wollen wir auch in den kommenden Jahren im Bereich erneuerbare Energien, aber auch im Bereich Netzausbau, intensiv weiter investieren. Wir sehen einfach die Notwendigkeit, auch in Deutschland am Neubau der Energielandschaft mitzuarbeiten.

Der US Ökonom uns Soziologe Jeremy Rifkin sieht die großen Energieversorger als Verlierer des Wandels und vergleicht sie mit den Plattenfirmen in Zeiten von Internet und mp3-Tauschbörsen. Der Energiemarkt der Zukunft sei, so Rifkin, wie das Internet: dezentral, jeder Verbraucher könne auch Produzent sein. Auf der RWE-Webseite schreiben Sie, Herr Dr. Neuhaus, ganz Ähnliches: "Der Stromkonsument von heute ist der Energieproduzent von morgen, Photovoltaiktechnik auf dem Dach oder Miniblockheizkraftwerke im Keller machen es möglich, dass alles erfordert neue Netzstrukturen mit innovativen technischen Lösungen." Heißt das, RWE muss sich komplett neu erfinden?

Nein, das müssen wir nicht. Wenn viele Bürger Strom produzieren, kommt dem Netz als Drehscheibe der Energie eine sehr große Bedeutung zu. Und dieses Netz muss umgebaut werden, es muss deutlich intelligenter werden. Das, was produziert wird, und das, was verbraucht wird, muss jede einzelne Sekunde in Balance sein. Es darf keine Staus auf unseren Netzen geben. Deshalb müssen wir in Netztechnik investieren, und das tun wir seit Jahren. Auch beim Internet muss es jemanden geben, der das Netz betreut, Standards setzt und sicherstellt, dass alles zusammen passt. Das ist eine Rolle, die wir traditionell spielen und die wir auch in Zukunft spielen werden.

RWE kämpft, wie andere Energieversorger auch, mit geringeren Margen im Stromgeschäft. Gleichzeitig hat Deutschland die zweithöchsten Strompreise in Europa nach Dänemark. Wie passt das zusammen?

Der Strompreis in Deutschland besteht zu über 40 Prozent aus staatlichen Abgaben. Das sind neben der Mehrwertsteuer auch die Stromsteuer, die Umlage aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, Konzessionsabgaben und andere Dinge, die staatlich festgelegt sind. Betrachtet man die Strompreise in Europa ohne diese staatlichen Lasten, dann liegt Deutschland bei den Preisen im gesunden Mittelfeld.

Ihr Konkurrent E.On hat bereits Stellenstreichungen angekündigt. Wie sieht es bei RWE aus? Werden Standorte geschlossen, Menschen entlassen?

Nein. Wir haben unsere Hausaufgaben vor einigen Jahren gemacht, in dem wir unsere Organisation gestrafft haben und uns entsprechend neu aufgestellt haben. Deswegen steht das Thema bei uns derzeit nicht an.

Das Gespräch führte Andreas Becker
Redaktion: Henrik Böhme

Dr. Arndt Neuhaus ist seit Januar 2011 Vorsitzender des Vorstands der RWE Deutschland AG, einer Tochtergesellschaft von Deutschlands zweitgrößtem Energiekonzern, der RWE AG mit Sitz in Essen.