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Asien

Ruttig: "Konzession an Pakistans Militär"

Die afghanischen Taliban haben den Anschlag ihrer pakistanischen Namensbrüder auf eine Schule in Peschawar verurteilt. Warum, erklärt Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network im DW-Interview.

DW: Herr Ruttig, wenige Stunden nach dem Angriff der pakistanischen Taliban auf eine Militärschule in Peshawar meldeten sich die Taliban aus Afghanistan zu Wort und verurteilten die Tötung von unschuldigen Kindern. Warum tun sie das?

Thomas Ruttig: Wenn sie diesen Angriff auf die Schule in Peshawar verurteilen, verurteilen sie ja auch einen Angriff auf Strukturen des pakistanischen Militärs von dem sie weiterhin unterstützt werden, auch wenn das pakistanische Militär das abstreitet. Ich glaube deshalb, dass diese Verurteilung im Grunde eine Konzession an das pakistanische Militär ist.

Wir rechtfertigen die Taliban dann ihre eigenen Angriffe, bei denen im Laufe der Jahre noch viel mehr Kinder und Zivilisten umgekommen sind?

Ich kann nur über die afghanischen Taliban sprechen: Sie definieren alle Unterstützer der afghanischen Regierung, ob Zivile oder Militärs, ob Afghanen oder Ausländer, als legitime Ziele. Bei Angriffen auf solche Ziele nehmen sie jedoch wenig Rücksicht auf unbeteiligte Zivilisten. Das aber widerspricht eigentlich ihrem eigenen Verhaltenskodex, den sie weniger und weniger zu beachten scheinen – und es scheint sie zunehmend Unterstützung zu kosten.

Wie stehen die afghanischen Taliban zu den Namensbrüdern aus Pakistan?

Wache vor der Schule in Peschawar (Foto:afp)

Mehr als 130 Kinder starben beim Terrorangriff auf diese Militärschule in Peschawar

Die pakistanischen Taliban sind aus einer Unterstützungsstruktur für die afghanischen Mudschaheddin und später für die afghanischen Taliban hervorgegangen. Sie sind erst seit einigen Jahren eine eigenständige Organisation und haben sich seither von den afghanischen Taliban fortbewegt. Sie erkennen zwar auch Mullah Omar, also den Chef der afghanischen Taliban, als ihren religiösen Führer an, bekämpfen aber vor allem die pakistanische Regierung. Das tun die afghanischen Taliban nicht, da sie von Unterstützung aus Pakistan abhängen. Im konkreten Fall des Angriffs aus die Schüler in Peshawar können sie es sich daher auch nicht leisten, Partei für die pakistanischen Taliban zu ergreifen.

Bereits einen Tag nach dem Angriff in Peshawar ist der pakistanische Armeechef Raheel Sharif nach Kabul gereist, um mit Präsident Ghani über die Sicherheitslage zu sprechen. Was sagt das über die Situation beider Länder?

Wenn das tatsächlich - wie von der afghanischen Regierung mitgeteilt - ein spontaner Besuch war, dann ist das ein erneutes Zeichen dafür, dass die pakistanische Militärführung die Bedrohung durch die pakistanischen Taliban ernst nimmt. Angesichts des angespannten Verhältnisses beider Länder – Afghanistans berechtigte Vorwürfe, dass Pakistan die afghanischen Taliban unterstützt, und pakistanische Gegenvorwürfe, dass Afghanistan die pakistanischen Taliban auf seinem Territorium duldet und sogar unterstützt – wären nun endlich nicht nur freundliche Worte und verbale Zusagen an der Tagesordnung, sondern Taten. Pakistan müsste sichtbar Druck auf die Führung der afghanischen Taliban ausüben, um diese dazu zu bewegen, Friedensgesprächen zuzustimmen und vor allem die derzeitige Terrorkampagne einzustellen. Deren Mitglieder leben ja größtenteils in Pakistan, teilweise sogar mit ihren Familien. Sie sind also erreichbar.

Gibt es jetzt eine neue Chance, die Friedensbemühungen voranzutreiben? Wovon hängen die Bemühungen ab?

Man sollte die Vorgänge in Pakistan und Afghanistan in dieser Frage nicht vermischen. Aber auch die Situation in Afghanistan – mit der jüngsten Taliban-Angriffswelle, aber auch der Unterzeichnung der Sicherheitsabkommen mit den USA und der NATO – deutet nicht darauf hin, dass Gespräche nun beginnen können. Ohne solche Gespräche halte ich es jedoch für schwierig, das Blutvergießen in Afghanistan zu beenden oder wenigstens zu verringern.

Thomas Ruttig ist Co-Direktor des "Afghanistan Analysts Network" mit Sitz in Kabul und Berlin.