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Geopolitik

Russlands wiedererwachtes Interesse an Afghanistan

Russlands verstärktes Engagement in Afghanistan wird immer deutlicher. Die Motive Moskaus bleiben allerdings im Dunkeln. Afghanistan befürchtet, zum Schauplatz geostrategischer Rivalitäten zu werden.

In den vergangenen Jahren hat Russland sich weitgehend aus der afghanischen Politik herausgehalten. 2001 unterstützte Moskau sogar die von den USA geführte Invasion und den Sturz der Taliban. Der spätere afghanische Präsident Hamid Karzai sagte damals treffend, Afghanistan sei vielleicht der einzige Ort der Welt, an dem die russischen und US-amerikanischen Interessen nicht kollidierten.

Doch Russland ist seit einiger Zeit dazu übergegangen, seine neutrale Haltung gegenüber Afghanistan aufzugeben. Ende letzten Jahres fand zum dritten Mal ein Treffen in Moskau statt, an dem neben Russland auch China und Pakistan teilnahmen, um die Sicherheitslage in Afghanistan, insbesondere mit Blick auf den sogenannten Islamischen Staat (IS), zu diskutieren. Dass über Afghanistan ohne Beteiligung der Afghanen gesprochen wurde, wurde in Kabul mit Kritik aufgenommen. Überhaupt gibt es viele einflussreiche afghanische Politiker, die den Krieg gegen die russische Invasion in den Jahren 1979 bis 1989 noch nicht vergessen haben und einem wachsenden Einfluss Moskaus skeptisch gegenüberstehen.

Russland nähert sich Taliban an

Jetzt wurde bekannt, dass Moskau auch mit den Taliban in einem regen Austausch stehen soll. Der Kontakt besteht bereits seit 2007. Damals diskutierte Moskau mit der Führung der Taliban Fragen des Drogenhandels aus Afghanistan durch Zentralasien nach Russland. Dieses Mal soll es aber um geostrategische Fragen gehen. Russland habe den Eindruck, dass die US-Politik in Afghanistan gescheitert sei, weshalb es sich verstärkt engagieren wolle. "Russland mag vor einigen Jahrzehnten aus Afghanistan verjagt worden sein, aber jetzt scheint es viel Wert darauf zu legen, erneut auf der Bildfläche zu erscheinen." Zu diesem Schluss kommt Michael Kugelman vom Woodrow Wilson Zentrum in Washington im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Afghanistan Taliban Kämpfer in der Ghazni Provinz (Reuters)

Russland ist mit den Taliban in Kontakt

Russland befürchtet, dass Afghanistan nach dem Irak und Syrien eine sichere Basis  für den IS werden könnte. Doch Russland will verhindern, dass der IS in unmittelbarer Nähe zu Zentralasien Fuß fasst. "Russlands Präsident Wladimir Putin sieht in einer dauerhaften Präsenz des IS in Afghanistan eine Bedrohung für sein Land", so der ehemalige afghanische Diplomat Ahmad Saidi gegenüber der Deutschen Welle. Die Furcht vor dem IS hat die Taliban und Russland einander näher gebracht. Seit zwei Jahren kämpfen die Taliban im afghanischen Grenzgebiet gegen die Terrormiliz. Beide Gruppen versuchen in Afghanistan die Oberhand zu gewinnen.

Unklare Motive

Kugelman hält Russlands Annäherung an die Taliban für riskant. "Russland stärkt einen nicht-staatlichen Akteur, der ebenfalls einen terroristischen Hintergrund hat." Allerdings warnt Kugelmann davor, das Potenzial des IS in Afghanistan und Russlands Engagement zu überschätzen. Allerdings verkomplizierten Russlands Avancen die ohnehin komplexe geopolitische Lage in der Region, auch wenn russische Diplomaten darauf bestehen, dass die Kontakte zu den Taliban ausschließlich für Friedensverhandlungen genutzt würden. Im Gegensatz dazu veröffentlichte das Wall Street Journal am Dienstag (03.01.2016) einen Artikel, in dem afghanische und westliche Regierungsvertreter Russland vorwerfen, den Friedensvertrag zwischen der afghanischen Regierung und Gulbuddin Hekmatjar, einem ehemaligen Warlord, der sich von den Taliban losgesagt hat, zu torpedieren. Kabul möchte Hekmatjar von der schwarzen Liste der UN streichen, aber Russland hat das bisher verhindert.

Nicht zuletzt wolle Russland mithilfe der Taliban den Druck auf Washingtons erhöhen. "Es ist möglich, dass Russland nach dem Motto 'Der Feind meines Feindes ist mein Freund' handelt", so Kugelman. Allerdings sei das schwer abzuschätzen. Der ehemalige afghanische Diplomat Saidi wird da konkreter. Er glaubt, dass nach der Ukraine und Syrien ein weiterer Stellvertreterkonflikt zwischen den USA und Russland möglich ist, was fatale Folgen für die ohnehin fragile Stabilität und den Frieden in Afghanistan hätte.

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