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Fokus Osteuropa

Russlands neuer Aufbruch nach Afrika

Russlands Interessen in Afrika verändern sich. Moskau tritt in den Wettkampf um die Rohstoffe des Kontinents ein. Präsident Wladimir Putin war Anfang September zwei Tage zu einem offiziellen Besuch in Südafrika.

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Präsident Wladimir Putin zu Besuch bei Präsident Thabo Mbeki in Kapstadt (5.9.2006)

Außer dem Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR, Nikolaj Podgornyj, der zwischen 1965 und 1977 Staatsoberhaupt der Sowjetunion war, weilte bisher kein einziger Kreml-Chef zu einem offiziellen Besuch im Afrika südlich der Sahara. Der Leiter des Forschungszentrum für russisch-afrikanische Beziehungen des Afrika-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften, Jewgenij Korendjasow, meint, es gebe konkrete Gründe, warum Präsident Wladimir Putin sich jetzt auf den Weg nach Kapstadt gemacht habe: "Wegen der zunehmenden Integration Russlands und Afrikas in die Weltwirtschaft entstehen zwischen Russland und Afrika neue Abhängigkeiten und gemeinsame Interessen."

Rohstoffe

Für Russland sei es derzeit vorteilhafter, Mineralrohstoffe in Afrika zu kaufen, als sie selbst zu fördern, erläutert Korendjasow im Gespräch mit der Deutschen Welle. In Afrika gebe es reichere Vorkommen und die Produktion sei billiger. Außerdem würden in Russland einige wichtige Mineralressourcen fehlen – wie beispielsweise Mangan, Chromerze, Vanadin und andere Metalle. Deswegen sei Russland an deren Förderung interessiert. Korendjasow machte deutlich: "Unsere Industriegruppen haben bereits sehr konkrete Schritte in diese Richtung unternommen – ich meine vor allem die Gruppe Renowa, die Gruppe Norilskij Nikel, die Gruppe Lukoil, die in den kommenden zwei bis drei Jahren etwa drei Milliarden Dollar investieren wollen."

Militär, Atomenergie, Südfrüchte

Neben der Entwicklung gemeinsamer Projekte im Bereich der Förderung und Verarbeitung von Rohstoffen – entsprechende Vereinbarungen wurden am Dienstag (5.9.) erzielt – sprach sich der russische Präsident für den Ausbau der Zusammenarbeit zwischen Russland und Südafrika im militärtechnischen Bereich sowie in der Atomenergie aus. Ein weiterer Grund für das wachsende Interesse Russlands an Afrika ist Korendjasow zufolge die veränderte Nachfrage in Russland selbst. "Die Nachfrage nach tropischen Landwirtschaftsprodukten, nach Kaffee, Kakao, Zitrus- und Meeresfrüchten ist stark gestiegen, was zu größeren Bemühungen unserer Geschäftskreise führt", so Korendjasow. Auch diese Bemühungen wolle Wladimir Putin unterstützen.

Neue russische Wirtschaftsinteressen

Es sei zu früh, von einer Kehrtwende Moskaus in Richtung Süden zu sprechen, meint der Leiter des Internet-Projekts africana.ru, Igor Sid. "Der russische Staat schenkt bisher noch nicht dem gesamten Kontinent Aufmerksamkeit, sondern vorwiegend den beiden afrikanischen Ländern Algerien und Südafrika." Sid sagte der Deutschen Welle, Algerien sei Russlands größten Schuldner in Afrika und Südafrika das zahlungskräftigste Land des Kontinents.

Russlands Interessen seien verschieden, so Sid. "Man muss zwischen dem Interesse an Afrika seitens des russischen Staates und seitens privater russischer Firmen unterscheiden", sagt er. "Private russische Firmen sind tatsächlich in den letzten Jahren in Afrika sehr viel aktiver geworden. In Südafrika sind mehr als 100 Firmen vertreten, das gab es vor zwei Jahren noch nicht." Die Gründe dafür sind unterschiedlich, erklärt Sid. "Das fängt an mit der Kapitalflucht und der russischen Produktionsqualität, die für entwickelte Länder zu schlecht ist, bis hin zur Tatsache, dass Afrika für innovative Projekte in der Raumfahrt, Biotechnologie, Medizin, Telekommunikation und letztendlich auch für Atomprojekte geeignet ist."

Politisches Interesse stabil

Ob Moskau in der Lage sein wird, den politischen Einfluss auf die afrikanischen Länder wiederherzustellen, so wie er während der Sowjetzeit bestand, ist fraglich. "Insgesamt ist das politische Interesse Russlands an Afrika wahrscheinlich nicht größer als vor zehn Jahren", meint Igor Sid. "Das, was in der Sowjetzeit bestand, war ein wahnsinniger, sehr langer und ressourcenverschlingender Versuch, nach der Utopie des sowjetischen Sozialismus die Utopie des afrikanischen Sozialismus zu verwirklichen. Gewaltige Energien hat das Land dafür aufgebracht. Heute gibt es das Land nicht mehr, das diese Energie aufbrachte." Deswegen bestehe auch keine Chance, dass der politische Einfluss Russlands in Afrika wieder so groß werde. "Eine andere Sache sind die russischen Firmen, die nach Afrika gehen", sagt Sid. "Da stehen die Chancen besser."

Russlands Konkurrenten

Das neue Wettrennen um Macht, Einfluss und Rohstoffe auf dem afrikanischen Kontinent ist vor allem von China ausgelöst worden und hat nun Russland aufwachen lassen. Auch Indien, China, die USA, Großbritannien und Brasilien erschließen den afrikanischen Markt. Der Afrika-Experte Jewgenij Korendjasow gibt zu: "Das sind Konkurrenten, aber das ist normal. Das zeigt, dass das Interesse an Afrika globalen Charakter hat und nicht nur seitens Russlands besteht. Russland kommt möglicherweise nur etwas zu spät."

Pawel Los, Sergej Wilhelm
DW-RADIO/Russisch, 5.9.2006, Fokus Ost-Südost