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Welt

Russlands Nachbarn spüren den Schmerz

Der Verfall des Öl-Preises und die Sanktionen des Westens haben den russischen Rubel abstürzen lassen - mit dramatischen Folgen für die Nachbar- und Partnerländer Russlands. Christian F. Trippe berichtet aus Moskau.

Das Weihnachtsgeschäft lief für viele russische Einzelhändler dieses Jahr besonders gut. "Im Dezember hatten wir eine Flut von Weißrussen in der Gegend um Smolensk", erinnert Julia Sotowa von der Elektronikmarkt-Kette "M.Video." Die Kunden aus Belarus kauften, was immer zu tragen war. Durch den

Absturz des russischen Rubel

hatten die Nachbarn unverhofft viel Kaufkraft in der Tasche.

Autohändler in grenznahen Gebieten berichteten ähnliches. Früher habe er höchstens drei Autos im Monat an Kunden aus Belarus verkauft, heute seien es zehn pro Woche - so zitiert das Nachrichtenportal "delfi.lt" einen Volkswagenhändler in Smolensk. Das war im Winter letzten Jahres. Mittlerweile hat die Regierung in Minsk den weißrussischen Rubel kräftig abgewertet - damit ist die Einkaufsparty vorerst vorbei.

Abhängigkeit von Russland

In Osteuropa, im Kaukasus und in Zentralasien sind praktisch alle ehemaligen Sowjetrepubliken wirtschaftlich eng mit Russland verflochten. Politisch mögen Armenien und Belarus, Kasachstan und Kirgistan unabhängig sein - ökonomisch sind sie es nicht. Lediglich die drei baltischen Staaten gehen eigene Wege in der EU, und die Kaukasusrepublik Georgien versucht sich seit dem Russisch-Georgischen Krieg von 2008 soweit irgend möglich von Moskaus Einfluss zu lösen.

DEU Karte ehemalige Sowjetrepubliken

Russlands wirtschaftlicher Verfall trifft auch die ehemaligen Sowjetrepubliken

Russland treibt die wirtschaftliche Integration voran, wo immer es geht. Der Zollunion mit Kasachstan und Belarus folgte mit dem Jahreswechsel die Eurasische Wirtschaftsunion, der auch Armenien beitrat. Doch deren Start steht unter einem denkbar ungünstigen Stern. Wegen des schwachen Rubels ist der Export armenischer Fertigprodukte nach Russland um 6,3 Prozent eingebrochen, berichtet die Zeitung "Aikakan Schamanak" aus Eriwan.

Millionen Wanderarbeiter stehen vor dem Nichts

Eine optimistischere Sicht vertritt die kremlnahe Akademie der Wissenschaften in Moskau: "Der Sturz des Rubel beeinflusst die Exporte nach Russland nicht", meint Asa Migranjan, Wirtschaftsexpertin mit Schwerpunkt GUS. Armenische Fertigung, "vor allem im Bereich Schmuck und Maschinenbau hat einen russischen Ursprung, nämlich russisches Kapital." Gegenüber der DW sagte Migranjan, die derzeitigen Turbulenzen innerhalb eines integrierten Wirtschaftsraumes neutralisierten sich rasch wieder.

Unwidersprochen dramatisch hingegen sind die Auswirkungen der Krise auf den Arbeitsmarkt. Tagelöhner, Bau- und Hilfsarbeiter in den russischen Großstädten kommen traditionell aus den zentralasiatischen Staaten. Rund fünf Millionen Tadschiken, Kasachen, Kirgisen und Usbeken arbeiteten bisher auf Baustellen, Märkten und in der Gastronomie. Nach dem Jahreswechsel aber - so schätzt Konstantin Romodanowskij, Chef der russischen Einwanderungsbehörde - dürften bis zu 70 Prozent dieser Gastarbeiter zuhause bleiben. Der schwache Rubel und die Rezession in Russland zerstören den Markt für die Ungelernten.

Haften die Nachbarn für Russlands Fehler?

Das Geld dieser Arbeitsmigranten fehlt nun in den Ländern Zentralasiens. Rücküberweisungen aus Russland bilden rund ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Kirgistan; in Tadschikistan sollen die Löhne der Wanderarbeiter sogar die Hälfte des BIP ausmachen, schätzt die Weltbank. Viele Familien in Zentralasien stehen plötzlich vor dem Nichts. "Für Arbeitsmigranten aus Zentralasien gibt es wenig Ausweichmärkte, vor allem wegen der Sprachproblematik," analysiert Peer Teschendorf, Leiter des Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung im kasachischen Almaty.

Russland Ölraffinerie in Moskau

Viele Länder zahlen einen hohen Preis für die Abhängigkeit vom russischen Öl

Auch hier zeigt sich, wie abhängig viele Länder im post-sowjetischen Raum von Russland sind. Allein die Öl-Produzenten Kasachstan und Aserbaidschan können die Folgen der Krise leidlich abfedern. Der

Verfall des Öl-Preises

trifft auch sie mit voller Wucht und belastet die staatlichen Reservefonds. Trotzdem bleibt Rohöl weiterhin ein weltmarktfähiges Exportgut, über das andere Anrainer Russlands aber nicht verfügen. In vielen Nachbarländern Russlands macht sich das diffuse Gefühl breit, nun die Zeche für Russlands politische Eskapaden und Fehler zahlen zu müssen. Die wirtschaftliche Anhängigkeit von der einstigen Hegemonialmacht wird (wieder) zum Thema.

Neue Gefahren im Windschatten der Krise

Nicht nur die Politiker in Zentralasien und im Kaukasus fragen sich, wie lange die Rezession in Russland dauert. "Selbst wenn die Sanktionen aufgehoben werden und der Öl-Preis wieder steigt, so sind es doch die fehlenden Investitionen, die einem Wachstum der russischen Wirtschaft entgegenstehen," glaubt Sergeij Aleksaschenko. Er war russischer Vizefinanzminister und stellvertretender Notenbankchef; heute ist er vielgefragter Experte für Makroökonomie. Im Interview mit der DW sagte er, die Krise sei nicht zyklisch oder auf die äußeren Faktoren zurück zu führen; der Abschwung sei vielmehr hausgemacht, weil politische Reformen fehlten: "Meine persönliche Einschätzung ist, dass diese Krise lang andauern wird."

Wenn Aleksaschenko Recht behält, könnten im Sog der russischen Wirtschaftskrise soziale Spannungen aufziehen, die vor allem in Zentralasien zu politischen Verwerfungen führen. Die Region grenzt an Afghanistan, in Ländern wie Kirgistan und Tadschikistan ist der Staat schwach, die Repression gegen die Opposition hingegen ist überall groß. In dieser Gemengelage, befürchten Experten, könnte die für die Sicherheit der gesamten Region nach sich ziehen.

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