Russland zwischen Wut und Schadensbegrenzung | Europa | DW | 07.04.2017
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

US-Luftangriff in Syrien

Russland zwischen Wut und Schadensbegrenzung

Nach dem US-Luftschlag auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt kritisiert Moskau das Vorgehen Washingtons und scheint doch um Schadensbegrenzung bemüht. Russische Experten warnen vor einer direkten Konfrontation.

Kreml (Getty Images/AFP/K. Kudryavtsev)

Dunkle Wolken über dem Kreml

So wie an diesem frühen Freitagmorgen hat man Maria Sacharowa selten gesehen. Die sonst souveräne Sprecherin des russischen Außenministeriums wirkte sichtlich nervös und musste immer wieder von vorne anfangen, als sie im Pressezentrum die erste Stellungnahme zu dem US-Luftschlag von einem Papier ablas. Darin verurteilte Russland den Angriff mit Marschflugkörpern gegen einen syrischen Luftwaffenstützpunkt in der Nähe der Stadt Homs.

Maria Sacharowa (picture-alliance/AA/S. Karacan)

Außenamtssprecherin Maria Sacharowa

US-Präsident Donald Trump hatte den Schlag als Vergeltung für den jüngsten Giftgaseinsatz mit vielen zivilen Opfern in der Provinz Idlib erklärt. Die USA und andere westliche Länder machen die Armee des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad dafür verantwortlich. Assad und seine Schutzmacht Russland bestreiten das und beschuldigen die Aufständischen. Der Giftgaseinsatz sei für Washington nur ein Vorwand für eine lange geplante Aktion gegen Assad gewesen, sagte die Sprecherin des Außenministeriums.

Experte: "Russische Außenpolitik gescheitert"

Russland sei vom Vorgehen Washingtons überrascht gewesen, sagte Andrej Kortunow, Direktor des Russischen Rates für Außenpolitik, einer Moskauer Denkfabrik. "Man soll bedenken, dass Trump zuvor andere Signale gesendet und eine weniger harte Haltung zu Assad angedeutet hatte", so der Experte im Gespräch mit der DW. "Auch Russland hat noch am Vortag signalisiert, man sei bereit, die Einstellung zu ändern, sollte Assads Schuld für den Giftgasangriff bewiesen sein." Doch der neue US-Präsident habe wohl eine Abgrenzung zu seinem Vorgänger Barack Obama durchziehen wollen, der 2013 zwar von "roten Linien" in Syrien gesprochen, aber einen militärischen Schlag gescheut habe. 

Alexander Golz hält die Bemühungen russischer Diplomatie in Syrien nach dem US-Angriff für gescheitert. "Russland hat vier Jahre damit geprahlt, eine US-Aggression in Syrien verhindert zu haben", sagte der Moskauer Publizist und Militärexperte der DW. "Nun stellte sich heraus, dass Moskau es nur hinausgezögert hat, dass Diktatoren undankbar sind und ihre Chance nicht nutzen, und dass Trump entschiedener handelt als Obama." Die russische militärische Präsenz in Syrien seit 2015 habe über Nacht an Einfluss verloren.

Video ansehen 01:29
Jetzt live
01:29 Min.

USA feuern mehr als 50 Raketen auf Syrien

Das russische Verteidigungsministerium verkündete, der US-Schlag gegen die syrische Armee sei ineffektiv gewesen. Moskau werde jedoch die syrische Luftabwehr stärken, sagte ein Sprecher. Die in Syrien stationierten russischen Streitkräfte sind vom US-Schlag offenbar nicht betroffen. Washington sagt, Moskau gewarnt zu haben.  

Kommt ein historischer Präzedenzfall?

Als erste konkrete Reaktion nannte Außenministeriumssprecherin Sacharowa den russischen Ausstieg aus einer Vereinbarung mit den USA über Abstimmung der Lufteinsätze in Syrien. Diese Vereinbarung sollte Zusammenstöße von Kampfflugzeugen vermeiden. "Die Gefahr einer direkten Konfrontation ist jetzt größer geworden, aber nicht wesentlich", glaubt Andrej Kortunow. Ein direkter militärischer Zusammenstoß wäre das schlimmste Szenario, sagt Alexander Golz. So etwas habe es nicht einmal bei den früheren Kriegen gegeben, wie etwa in Korea oder Vietnam, bei denen Moskau und Washington diverse Seiten unterstützen. "Ich glaube, dass die Entscheidungsträger die Gefahr eines globalen Krieges erkennen", sagt der Experte

Donald Trump und Wladimir Putin (picture alliance/A. Lohr-Jones/A. Astafyev/CNP POOL/Sputnik/dpa)

Trump und Putin - Freunde oder doch jetzt Feinde?

.      

Das bisherige Echo aus Moskau war eine Mischung aus Empörung und Wut, aber auch der Hoffnung, den ohnehin stockenden Dialog mit der neuen Administration in Washington nicht zu gefährden. Präsident Wladimir Putin bewerte den US-Einsatz als "Aggression" gegen Syrien, teilte sein Sprecher Dmitrij Peskow mit. "Dieser Schritt fügt den russisch-amerikanischen Beziehungen, die ohnehin in einem miserablen Zustand sind, einen erheblichen Schaden zu", sagte Peskow.

Ähnlich äußerte sich aus der usbekischen Hauptstadt Taschkent auch der russische Außenminister Sergej Lawrow. "Ich hoffe, dass diese Provokation nicht zu unumkehrbaren Folgen führen wird", so der russische Chefdiplomat.  

Keine Mauer zu Washington

Der Vorsitze der russischen Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, sagte, das US-Vorgehen nütze der Terrormiliz "Islamischer Staat": "Der IS applaudiert heute den USA." Man müsse alles tun, um die Vereinigten Staaten in ihrem Tatendrang zu stoppen. Leonid Slutzky, Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses der Duma, sagte in einem Interview mit dem staatlichen Nachrichtensender Rossija-24, der Vorfall sei "sehr bitter". Doch man dürfe "sich nicht mit einer Mauer von Washington abgrenzen", so der Politiker der Kreml-Partei "Geeintes Russland". Mit Hinblick auf den in der kommenden Woche bevorstehenden ersten Besuch des neuen US-Außenministers Rex Tillerson in Moskau, sagte Sluzkij, Russland solle mit ihm reden. Andrej Kortunow vom Russischen Rat für Außenpolitik glaubt, der Dialog zwischen Moskau und Washington werde schwieriger werden. 

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema