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Fokus Osteuropa

Russland zunehmend mit Gewalt in Inguschetien konfrontiert

Experten zufolge verschärft sich die Lage in Inguschetien aufgrund des Konflikts zwischen den Behörden und der Bevölkerung sowie der Nähe zu Tschetschenien. Zudem ist ein eigener inguschetischer Untergrund entstanden.

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Autobombe tötet vier Milizionäre im inguschetischen Nasran (31.8.2007)

In Inguschetien werden seit einigen Monaten regelmäßig Terroranschläge verübt. Anfang August hatte das russische Innenministerium aufgrund der "verschärften Lage" 2500 Militärangehörige in die Republik geschickt. Damals wurde erklärt, die Operation, mit der für Ordnung gesorgt werden sollte, werde nicht länger als einen Monat dauern. Die Zeit ist verstrichen, aber die Anzahl der Straftaten hat sich nicht verringert. Sie ist sogar in den vergangenen zwei Wochen noch gestiegen.

Ziele der Täter waren einerseits Vertreter und Gebäude der Rechtsschutzorgane und Sicherheitsdienste sowie Militärs und Kasernen. Andere Überfälle richteten sich gegen die Zivilbevölkerung und hatten teilweise einen ethnischen Hintergrund: Es wurden einige Morde an russischstämmigen Einwohnern verübt. Große Unzufriedenheit unter der lokalen Bevölkerung rufen die Gegenmaßnahmen, die so genannten Sonderoperationen, hervor, in deren Verlauf oft unbewaffnete Menschen nicht festgenommen, sondern getötet werden.

Konflikt zwischen Behörden und Bevölkerung

Die Ereignisse in Inguschetien haben mehrere Gründe. Das erklärte der Experte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik, Uwe Halbach, im Gespräch mit der Deutschen Welle. Ein entscheidender Faktor ist ihm zufolge die Konfrontation zwischen der Bevölkerung und der offiziellen Staatsmacht der Republik mit dem äußerst unpopulären Präsidenten Murat Sjasikow an der Spitze. Die vom Kreml veranlasste Absetzung von Ruslan Auschew, der großes Ansehen in Inguschetien genossen habe, zeige nun ihre Folgen.

Halbach sieht in Inguschetien eine Reihe ungelöster Probleme, die ihre Wurzeln im Konflikt zwischen Inguschen und Osseten im Jahr 1992 haben. Einen gewissen Einfluss auf die Lage in der Republik übe zudem das benachbarte Tschetschenien aus. Nicht zu vergessen sei die traurige Wirtschaftslage in den kaukasischen Republiken, wodurch die Anwerbung junger Menschen in islamistische Organisationen oder kriminelle Gruppierungen begünstigt werde. In Inguschetien, Tschetschenien und Dagestan seien etwa 70 Prozent der jungen Bevölkerung ohne Arbeit und Berufsausbildung.

Kaum Medien-Interesse an zunehmender Gewalt

Heute gibt es im kleinen Inguschetien viel mehr Gewalt als in Tschetschenien. Das sagte das Mitglied der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial, Aleksandr Tscherkasow, der Deutschen Welle. Beispielsweise würden bereits seit dem Winter 2006 russische Familien überfallen. Seit Anfang dieses Jahres würden Sonderoperationen durchgeführt, bei denen Menschen entführt oder einfach getötet würden, anstatt sie festzunehmen. Der Anstieg der Überfälle und Explosionen in Inguschetien hat Tscherkasow zufolge aber nicht zu einem größeren Interesse der russischen Medien an dem Geschehen geführt. Die würden sich in erster Linie für Nachrichten aus Moskau und dem Kreml interessieren.

Wenn die russischen Medien über Inguschetien berichten, dann malen sie unterschiedliche Szenarien: Nach Angaben der Geheimdienste werden die Überfälle von ortsansässigen Banden durchgeführt, die von Vertretern der Al-Kaida organisiert werden. Für jeden Terroranschlag erhalten die Kämpfer angeblich mehrere tausend Dollar. Andere Quellen erklären unter Berufung auf die Behörden, hinter den Explosionen und Morden stünden tschetschenische Kämpfer, die nach Inguschetien verlegt worden seien. Einige russische Experten meinen, die Terroranschläge seien die Folge einer stark religionsfeindlichen Politik der lokalen Machthaber.

Verstärkte Tätigkeit im Untergrund

In Inguschetien ist ein eigener Untergrund entstanden, in jener Zeit, als die Behörden im Kampf gegen den Terrorismus gesetzeswidrige Methoden anwandten: Entführungen, Folter, Erfinden von Straftaten. Solange Ruslan Auschew an der Macht war, erlaubte er den föderalen Behörden nicht, in Inguschetien so vorzugehen. Der Menschenrechtler Tscherkasow betonte, als Auschew im Jahr 2002 ging, hätten die Entführungen begonnen, daraufhin auch die terroristische Betätigung im Untergrund.

Die Kämpfer und deren Sympathisanten in Inguschetien hätten keinen anderen Ausweg, meint Tscherkasow. Sie wüssten, dass die Gefahr sei sehr groß sei, bei einer der nächsten Sonderoperationen ums Leben zu kommen, da sie niemand festnehmen würde. Aber im Falle einer Festnahme würde ihnen quälende Folter drohen. Vor kurzem wurden unbewaffnete junge Menschen getötet, die man einfach hätte festnehmen können. Dies führe dazu, dass die Untergrundtätigkeit verstärkt werde, meint der russische Menschenrechtler Tscherkasow.

Sergej Guschtscha
DW-WORLD.DE/Russisch, 18.9.2007, Fokus Ost-Südost