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Fokus Osteuropa

Russland wird zur Zeitinsel in Europa

Wie immer werden am letzten Sonntag im Oktober überall in Europa die Uhren von Sommerzeit auf die im Winter geltende Normalzeit zurückgestellt. Nur Russland stellt nicht mehr die Uhren um. Ingo Mannteufel kommentiert.

Themenbild Kommentar (Grafik: DW)

In diesem Frühjahr hat Präsident Dmitrij Medwedew entschieden, dass Russland nicht mehr mitzieht und den turnusmäßigen Wechsel von Sommer- und Winterzeit abschafft. Medwedews grundsätzliche Entscheidung ist vollkommen richtig: Die ganze Idee, die Uhrzeit um eine Stunde im Frühling vorzustellen und dann im Herbst wieder zurückzustellen, ist unsinnig. Die Erwartung, dadurch Energie zu sparen, hat sich schon seit langem als falsch herausgestellt. Das deutsche Bundesumweltamt hat berechnet, dass die Einsparung an Strom für Beleuchtung durch den Mehrverbrauch an Heizenergie durch Vorverlegung der Hauptheizzeit mehr als ausgeglichen werde. Zudem sind die verwaltungstechnischen Kosten für die zweimalige Zeitumstellung im Jahr zu berücksichtigen. Und die negativen Auswirkungen auf die chronobiologischen Prozesse bei vielen Menschen, die Mediziner festgestellt haben, sind ebenfalls nicht zu unterschätzen. Der willkürliche Eingriff in die Zeit rechnet sich also nicht – weder ökologisch, noch finanziell.

Abgekoppelt vom europäischen Gleichklang

Portrait von Ingo Mannteufel (Foto: DW)

Ingo Mannteufel ist Leiter der Russischen Redaktion der Deutschen Welle

Doch auch wenn Medwedews Verfügung im Kern richtig ist, so hat er Russland damit einen Bärendienst erwiesen. Denn nun ist Russland in Sachen Uhrzeit in Europa ein eigenartiger Sonderling, eine Zeitinsel, abgekoppelt vom europäischen Gleichklang. Anstatt die Chance zu nutzen, in Europa für die Abschaffung der Zeitumstellung zu werben und dann in einigen Jahren vielleicht gemeinsam diesen Unsinn abzuschaffen, hat Medwedew sich für einen russischen Alleingang entschieden. Und noch ungünstiger: Er hat die Sommerzeit in Russland zur ewigen Normalzeit erklärt. Das führt dazu, dass Moskau nun während der Winterzeit in Europa, der eigentlichen mitteleuropäischen Normalzeit, nicht mehr zwei, sondern drei Stunden Zeitunterschied mit Berlin hat. Erst im Frühling 2012, wenn Europa wieder zur Sommerzeit übergeht, wird die Zeitdifferenz zu Moskau wieder zwei Stunden betragen.

Nachteile für Geschäftsbeziehungen

Mit seiner Entscheidung hat der sonst so glühende Modernisierer und Europäer Medwedew Russland also von Europa "zeitlich" entfernt. Und zwar mit ganz praktischen Folgen für den europäisch-russischen Alltag: Für Geschäftsbeziehungen zwischen Russland und Mitteleuropa, vor allem Deutschland, ist es nicht sinnvoll, dass die Zeitdifferenz künftig immer für ein halbes Jahr lang größer wird: Wenn dann der deutsche Manager um 9 Uhr in Berlin ins Büro kommt, dann ist für den russischen Kollegen in Moskau oder St. Petersburg schon 12 Uhr und damit der Vormittag schon fast vorbei. Und wenn dem deutschen Kollegen am späten Nachmittag noch etwas einfällt, dann kann es sein, dass sein russischer Kollege schon in Feierabendstimmung ist.

Russland hätte an Europa heranrücken können

Sinnvoll ist die Zeitumstellung in diese Richtung also nicht. Zudem hätte Präsident Medwedew auch die Möglichkeit gehabt, noch einmal im Oktober von der Sommerzeit zur Winterzeit zu wechseln und dann erst vom Frühjahr 2012 an den europäischen Unsinn mit der Sommerzeit nicht mehr mitzumachen. Damit wäre Russland im Sommer auf eine Stunde Zeitdifferenz an Europa herangerückt, was das Leben "zwischen Russland und Europa" für alle einfacher gemacht hätte. Das wäre nicht nur praktisch, sondern auch symbolisch ein gutes Signal für die russisch-europäische Partnerschaft gewesen.

Autor: Ingo Mannteufel

Redaktion: Markian Ostaptschuk