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Politik

Russland will die Russlanddeutschen zurücklocken

Mehr als 2,3 Millionen Russlanddeutsche sind seit 1991 aus Gebieten der ehemaligen Sowjet Union nach Deutschland zurückgesiedelt - angesichts der demografischen Entwicklung in Russland will Putin sie nun zurücklocken.

Merkel auf Veranda mit Russlanddeutschen

Merkel und Russlanddeutsche 2006: Putin will sie zurückgewinnen.

Die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtete in diesen Tagen, dass Moskau bis 2012 mehr als 80 Millionen Euro ausgeben will, um ehemalige Bürger deutscher Abstammung, die nach Deutschland eingewandert sind, zurück zu locken und die Flucht der russlanddeutschen Minderheit Richtung Westen einzudämmen. Das Geld soll hauptsächlich in Industriezonen in Westsibirien und der Wolga-Region investiert werden.

Deutsche Einwanderer waren im 18. Jahrhundert von Zarin Katharina der Großen eingeladen worden, die selbst deutsche Prinzessin war. Ihre Nachkommen, während der Sowjet-Ära unterdrückt, wurden von Diktator Stalin ins Zwangsexil nach Kasachstan und andere ferne Gebiete umgesiedelt.

Seit dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion 1991 kamen bis 2005 2,3 Millionen von ihnen nach Deutschland, angezogen von der nahezu automatischen Einbürgerung, die von Berlin angeboten wurde, und dem Wunsch, mehr über die eigenen Wurzeln zu erfahren. Volksdeutsche aus Russland stellen die größte Gruppe unter den 4,5 Millionen Menschen mit volksdeutschem Hintergrund, die nach Deutschland eingewandert sind.

Russlands Bemühungen für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der verbleibenden aber schwindenden russlanddeutschen Gemeinschaft - 600.000 nach offiziellen Angaben - wurden von Deutschland begrüßt. Während der letzten Jahre hat Präsident Putins Verwaltung, unterstützt durch eine großzügige finanzielle Stütze der deutschen Regierung, eine Reihe von Programmen mit diesem Zweck initiiert.

Ein Pferdeschlitten in russischer Winterlandschaft.

Die Gegend um Nowosibirsk soll industriell mehr erschlossen werden.

Berlin nicht glücklich mit Russlands Haltung

Aber Moskaus Bemühungen, seine vormaligen Bürger zurück zu locken, um den heimischen Arbeitskräftemangel abzufedern, haben in Berlin nicht gerade eine überschwengliche Reaktion hervorgerufen.

Mit einer der geringsten Lebenserwartungen der Welt und sinkenden Geburtenraten, steht Russland vor einem demografischen Problem mit wirtschaftlichen Konsequenzen. Einer UN-Studie zufolge benötigt Russland zwei Millionen Einwanderer, um das wirtschaftliche Wachstum während des nächsten Jahrzehnts aufrecht erhalten zu können.

Portrait Putin

Putin plant Investitionen in die Siedlungsgebiete der Russlanddeutschen.

Letztes Jahr hatte die Putin-Regierung stark in Infrastruktur und Wohnungsbau in Sibirien, vor allem in der Stadt Nowosibirsk, investiert, um im Ausland lebende Russlanddeutsche anzuziehen. Denjenigen, die wiederkamen, wurden 3000 Euro angeboten, Reisekostenerstattung und freier Transport ihrer Habe.

Der deutsche Regierungsbeauftragte für Russlanddeutsche und nationale Minderheiten, Christoph Bergner, hob hervor, dass die deutsche Regierung keinerlei Unterstützung, weder finanziell noch moralisch für Russlanddeutsche garantiere, die zurückkehren wollten.

Auf einer Pressekonferenz in der wirtschaftlich florierenden russischen Enklave Kaliningrad sagte Bergner, niemand könne erwarten, dass Deutschland die Flucht junger, ausgebildeter Arbeiter bewerbe, wo es selbst unter einer geringen Geburtenrate und dem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften leidet.

Bereit wieder aufzubrechen

Experten beobachten jedoch, dass der Trend zur Rückmigration schon längst Wirklichkeit ist. Die Russlanddeutschen, die nach Deutschland eingewandert sind, packen ihre Koffer für Russland.

Elmar Welt, der für die Wohltätigkeitsorganisation "Heimgarten" arbeitet, die gegründet wurde, um die Wiedereingliederung von Kriegsflüchtlingen zu unterstützen, sagt, die Organisation wurde von über 700 Russlanddeutschen aufgesucht, die zurück nach Russland oder in Teile der alten Sowjetunion wollten.

Russlanddeutsche vor vielen Formularen

Russlanddeutsche in Durchgangslager - wo liegt die wirkliche Heimat?

Während manche zurück wollen, weil sie sich isoliert fühlen, die russische Kultur vermissen und Probleme beim Erlernen der deutschen Sprache haben, sagt Welt, die Aussicht auf gut bezahlte Arbeit bleibt ein großer Anziehungsfaktor.

"Viele Volksdeutsche in Deutschland leiden an Komplexen, da ihre Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt werden, mit der Folge das Lehrer und Ingenieure als Putzkräfte arbeiten, sagt Welt. "Jetzt haben sie eine Chance, ihre Qualifikationen zu nutzen." Nach Angaben der Organisation hat allein Kasachstan in den letzten beiden Jahren mehr als 2000 Deutschen neue Pässe vergeben.

Nur ein Rinnsaal

Was auch immer einen Volksdeutschen dazu bringt, nach Russland zurückzukehren, einige meinen, man sollte nicht zu viel auf die Zahlen der Russland-Rückkehrer geben. Die aktuelle Zahl schwankt in den Berichten. Die russische Website "Russland-aktuell" berichtet, dass in Kaliningrad, trotz 12.000 Anfragen im letzten Jahr, nur 17 Menschen in die boomende Exklave gezogen sind – die meisten von ihnen sind russische Familien aus Lettland.

Viktor Krieger, ein Russlandexperte von der Universität Heidelberg, sagt, dass nur ein Bruchteil der Russlanddeutschen Deutschland verlässt. Mehr als 95 Prozent von ihnen bleibt, da sie hier verwurzelt sind und als gleichgestellte Landsleute behandelt werden, sagt Krieger.

Das Problem an Moskaus Plänen, die Russlanddeutschen zurück zu locken, ist, das sie nicht ein einziges Wort über die Wiederbelebung der russlanddeutschen Gemeinschaft in Russland beinhalten, etwa den Fokus auf die Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Gegenden zu legen, sagt Krieger: "Da steht nichts vom Aufbau eines deutschen Museums, einer Universität oder einem Forschungsinstitut für Russlanddeutsche Kultur".

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