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Aktuell Europa

Russland wertet Kampfjet-Abschuss als "geplante Provokation"

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets sind die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara schwer gestört. Außenminister Lawrow ist sich sicher, der Abschuss sei geplant gewesen. Die USA rufen zur Mäßigung auf.

Russland wertet den Abschuss seines Kampfflugzeugs durch das türkische Militär als "geplante Provokation". "Wir haben ernsthafte Zweifel daran, dass dies unbeabsichtigt war", sagte Außenminister Sergej Lawrow in Moskau. Russland habe genügend Informationen, dass der Abschuss im türkisch-syrischen Grenzgebiet am Vortag Absicht gewesen sei, sagte er. "Dies war ganz offensichtlich ein Hinterhalt: Sie warteten, beobachteten und haben einen Vorwand gesucht", meinte Lawrow.

Kein Krieg, aber "Reaktion"

Die Atommacht Russland werde nicht mit dem NATO-Land Türkei Krieg führen. Doch ohne Reaktion könne der Fall nicht bleiben, betonte er nach einem Telefonat mit seinem türkischen Kollegen Mevlüt Cavusoglu. Das türkische Außenministerium teilte mit, die beiden Chefdiplomaten hätten ein Treffen "in den kommenden Tagen" verabredet. Die Behörden in Moskau teilten hingegen der Agentur Interfax zufolge mit, Lawrow habe einem Treffen zunächst nicht zugestimmt. Einen für diesen Mittwoch geplanten Besuch hatte er kurzfristig abgesagt. Regierungschef Ahmet Davutoglu betonte, der Türkei liege nichts daran, den Konflikt mit Russland zuzuspitzen. "Russland ist unser Freund, unser Nachbar", sagte er.

Für eine Normalisierung der schwer beschädigten Beziehungen zwischen Russland und der Türkei müsse die Regierung in Ankara anerkennen, dass der Vorfall absolut unzulässig ist, forderte Lawrow. Zwar habe Cavusoglu in dem Telefonat sein Beileid ausgedrückt, doch habe dieser ihm den Vorgang nicht erklären können, bedauerte Lawrow. Der Minister begrüßte Berichte über einen Vorschlag des französischen Präsidenten François Hollande, die türkisch-syrische Grenze zu schließen. Der russische Kampfjet war nach Angaben aus Moskau in der Grenzregion im Kampf gegen Rebellen im Einsatz, als er abgeschossen wurde.

Drohung mit wirtschaftlichen Konsequenzen

Russlands Ministerpräsident Dmitri Medwedew drohte der Türkei derweil mit wirtschaftlichen Konsequenzen. Wichtige gemeinsame Projekte könnten gestoppt werden, hieß es in einer Mitteilung von Medwedew. Türkische Unternehmen könnten Marktanteile in Russland verlieren.

Gleichzeitig sandte Moskau auch deeskalierende Signale Richtung Ankara und den Westen. Der russische Botschafter in Frankreich, Alexandre Orlow, sagte dem Radiosender Europe 1, Russland sei im Kampf gegen den IS zur Einrichtung eines "gemeinsamen Generalstabs" mit den USA, Frankreich und anderen Ländern bereit. Orlow schloss die Türkei ausdrücklich mit ein: "Die Türken sind willkommen, wenn sie wollen."

US-Außenminister John Kerry hat eine Mäßigung der Kontrahenten angemahnt. In einem Telefonat mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow rief Kerry zur Deeskalation im Streit Russlands mit der Türkei auf.

Pilot widerspricht der Darstellung Ankaras

Einer der beiden abgeschossenen Piloten konnte gerettet werden. Er sei von der syrischen Armee "herausgeholt" worden, sagte der Botschafter. Der Pilot selbst widersprach der türkischen Darstellung, die Besatzung des Kampfjets sei zehnmal in fünf Minuten gewarnt worden. "Es gab keine Warnung, weder per Funk noch visuell." Es habe keinerlei Kontakt gegeben, sagte er gegenüber Journalisten auf dem russischen Stützpunkt Hamaimim südlich von Latakia in Syrien. Das türkische Militär veröffentlichte eine Tonaufnahme, die belegen sollte, dass die russischen Piloten sehr wohl gewarnt worden seien. Zu hören ist eine Stimme, die dazu auffordert, die Richtung zu ändern.

Der zweite Pilot des abgeschossenen Flugzeugs ist nach Angaben Moskaus ums Leben gekommen.

cr/qu (dpa, afp, rtr, ap)