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Fokus Osteuropa

Russland weist Genozid-Vorwurf der Ukraine zurück

In der Ukraine gilt die Hungersnot von 1932/33 als Völkermord. Das russische Parlament widerspricht dieser Auffassung. Es sieht keine Beweise dafür, dass die Hungersnot nach ethnischen Kriterien organisiert wurde.

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Die Präsidenten der USA und der Ukraine an der Hunger-Gedenkstätte in Kiew (1.4.2008)

In einer Resolution hat die russische Staatsduma am 2. April erklärt, die Hungersnot von 1932/33 in der Ukraine sei kein Genozid gewesen. Es gebe keine historischen Beweise dafür, dass sie nach ethnischen Kriterien organisiert worden sei. Diese Sicht vertritt auch der russische Historiker und Vorsitzende der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial, Arsenij Roginskij. Der Holodomor, wie die Hungersnot genannt wird, sei eine soziale Katastrophe gewesen.

Der Tod von Millionen Menschen Anfang der 30er Jahre sei zweifelsohne ein Verbrechen, so Roginskij. Die Ursache für den Hunger sei die Kollektivierung gewesen, die an sich schon ein Verbrechen gewesen sei. "Eine Dürre fiel auf den Beginn der Kollektivierung, und die Staatsmacht verfolgte eine völlig falsche Außenwirtschaftspolitik. Die UdSSR exportierte in den Jahren Getreide, und die Exportmengen waren um ein Mehrfaches höher als die, die im Lande für Brot übrig blieben", sagte der Historiker und fügte hinzu, ein Verbrechen sei auch gewesen, dass den Hungernden nicht geholfen wurde. Die Staatsmacht habe den Menschen verboten, die Gegenden, in denen Hunger herrschte, zu verlassen.

Streit um Genozid-Begriff

"Der Hunger forderte Millionen Menschenleben in der Ukraine, in Kasachstan, im Nordkaukasus und an der Wolga. Er war das Ergebnis von Verbrechen der stalinistischen Führung", so Roginskij. Deswegen meint er, dass die Ukrainer nicht von einem ausschließlich gegen das ukrainische Volk gerichteten Genozid sprechen dürften. Genozid sei ein Vorgehen, das darauf abziele, einen Teil einer ethnischen oder religiösen Gruppe, oder sie insgesamt, zu vernichten. "Im vorliegenden Fall handelte es sich nicht um eine gezielte Vernichtung einer konkreten Gruppe. Die Interpretation der ukrainischen Politiker ist politisch und basiert nicht auf Geschichte oder Recht", sagte Roginskij.

Auch der russische Schriftsteller und Nobelpreisträger Aleksandr Solschenizyn verurteilt die Position der Ukraine zum Holodomor. Er meint, mit den Spekulationen um die 30er Jahre wolle man die beiden Brüdervölker entzweien. Die russische Staatsmacht könnte den Streit um den Holodomor mit der Ukraine beilegen, wenn sie ihn aus der politischen heraus in eine historische Bahn lenken würde.

Historische Bewertung fehlt

In der Resolution der russischen Staatsduma heißt es lediglich, es gebe keine historischen Beweise dafür, dass die Hungersnot von 1932/33 in der Ukraine nach ethnischen Kriterien organisiert worden sei. Eine historische Bewertung der damaligen Ereignisse fehlt darin. Der russische Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete unlängst das Holodomor-Problem eindeutig als politisch und nicht als historisch.

In der ukrainischen Presse erschienen unterdessen Artikel, in denen die russische Kritik an der ukrainischen Sicht der Geschichte zurückgewiesen wird. Das ukrainische Parlament hatte am 28. November 2006 den Holodomor als Genozid am ukrainischen Volk eingestuft. Der ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko hat 2008 zum Gedenkjahr für die Opfer des Holodomor erklärt. In Russland, wo vor 75 Jahren auch Millionen von Menschen starben, bemühen sich viele Politiker, die Vergangenheit überhaupt nicht anzurühren.

Jegor Winogradow

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