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Fokus Osteuropa

Russland, Ukraine und Belarus setzen auf AKWs

25 Jahre nach dem GAU im ukrainischen Tschernobyl hält Osteuropa an der Atomkraft fest. Auch die Katastrophe im japanischen Fukushima bringt keine Wende. Greenpeace hält aber einen Atom-Ausstieg in Osteuropa für machbar.

Symbol für Atomkraft auf grauem Hintergrund (Foto: fotolia)

Keine Wende in der Energiepolitik in Sicht

Keine Panik, es ist alles nicht so schlimm! So oder ähnlich reagieren Spitzenpolitiker in Russland, Belarus und der Ukraine auf die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima. Für sie ist es weder ein zweites Tschernobyl, noch ein Anlass, über einen Ausstieg aus der Atomenergie nachzudenken. Russlands Präsident Dmitrij Medwedew zum Beispiel hält die Atomkraft für "absolut sicher". In seinem Videoblog plädierte er neulich dafür, neue Blöcke mit maximalen Sicherheitsstandards zu bauen.

Dmitrij Medwedew auf dem Roten Platz in Moskau (Foto: RIA Novosti)

Dmitrij Medwedew will in Russland neue AKWs bauen

Allein Russland möchte bis 2020 die Zahl seiner Atomkraftwerke mehr als verdoppeln – von 10 auf über 20. Geplant war sogar ein schwimmendes AKW im Pazifik. Doch nach dem Erdbeben und Tsunami in Japan würden solche Pläne jetzt neu bewertet und möglicherweise verworfen, sagen Experten.

Wie sicher sind russische AKWs?

Auch Belarus und die Ukraine setzen auf Atomkraft. Die Ukraine betreibt vier Atommeiler und möchte in einem davon zwei neue Reaktoren von Russen bauen lassen. In Belarus soll im kommenden Herbst mit dem Bau des ersten AKW begonnen werden. Den Auftrag bekam der russische Energiekonzern Rosatom. Der Vertrag wurde am 15. März unterzeichnet, wenige Tage nachdem die Naturkatastrophe in Japan zu einem Atomdesaster geführt hatte.

Tobias Münchmeyer, Atomexperte bei der Politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin, meint, der Unterschied zwischen westlichen und russischen Atomkraftwerken in punkto Sicherheit sei "viel geringer" als man glaube. Die meisten Kraftwerke in Osteuropa seien nicht unsicherer als die westlichen. Die Ausnahme seien elf russische Reaktoren vom Typ RBMK, die auch in Tschernobyl im Einsatz gewesen seien. Diese seien "besonders gefährlich".

Keine starke Anti-Atom-Bewegung

Die Atom-Pläne der Regierungen in Moskau, Kiew und Minsk werden von der Öffentlichkeit weitgehend akzeptiert. Starke Öko-Parteien gibt es in den Ländern nicht. Auch breite Anti-Atom-Bewegungen sind nicht entstanden – weder damals nach Tschernobyl, noch heute nach Fukushima. Im vergangenen Jahr ist in Russland die Zahl der Atomkraftbefürworter laut Umfragen immerhin von über 74 Prozent auf ca. 54 Prozent gesunken. Doch eine atomfreundliche Mehrheit gibt es somit in der russischen Gesellschaft nach wie vor. In Belarus und der Ukraine dürfte die Stimmung ähnlich sein.

Dieses Stimmungsbild führt Wolodymyr Omeltschenko, Energie-Experte beim ukrainischen Rasumkow-Zentrum für politische und wirtschaftliche Studien, auf die wirtschaftlichen Probleme der Menschen zurück. "Die Menschen bei uns haben andere Probleme. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung kämpft praktisch ums Überleben", sagte er.

Verstrahlte Milch außerhalb der Sperrzone

Dabei sind die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 bis heute spürbar. Münchmeyer war erst vor kurzem in der Ukraine. Er besuchte ein Gebiet an der ukrainisch-belarussischen Grenze, das bis heute radioaktiv verseucht ist. Zusammen mit seinen Kollegen hat er 100 Proben von Lebensmitteln untersucht, zum Beispiel Pilze und Waldfrüchte.

Europakarte mit der Verbreitung der radioaktiven Wolken aus Tschernobyl (Grafik: DW)

Radioaktive Wolken aus Tschernobyl über Europa

"Von diesen 100 Proben waren 40-50 okay, 20-30 erheblich erhöht und am Grenzwert, der noch zulässig ist", sagt Münchmeyer. Die übrigen 20 seien teilweise "sehr deutlich über dem Grenzwert". Doch "das eigentlich Erschreckende", so der Experte von Greenpeace, sei die stark verstrahlte Milch – "teilweise das 16fache von dem, was für Kinder zulässig ist."

Münchmeyer spricht von einer "schleichenden Katastrophe". Die Vorstellung, dass sich die Folgen von Tschernobyl auf die 30-Kilometer-Sperrzone rund um den zerstörten Reaktor begrenzen ließen, sei falsch, sagt er.

Schneller Atom-Ausstieg möglich

Russische und ukrainische Politiker behaupten immer wieder, Atomstrom sei unverzichtbar. Greenpeace-Vertreter Münchmeyer meint aber, in Russland wäre ein Atom-Ausstieg sehr schnell zu realisieren, weil der Atomstromanteil gerade mal 17 Prozent betrage. Russland könnte erneuerbare Energien ausbauen oder auf Gas ausweichen.

In der Ukraine sei die Lage schwieriger. Die vier ukrainischen AKWs deckten bis zu 48 Prozent und damit fast die Hälfte des Strombedarfs. Allerdings gebe es auch Überschüsse, die exportiert würden. Eine Abschaltung der AKWs hält Münchmeyer aber auch in der Ukraine für möglich. Immerhin hat die Ukraine inzwischen angekündigt, ihr Atomprogramm neu zu bewerten und eventuell stärker auf erneuerbare Energien zu setzen als bisher geplant.

Das große Problem, das bei einem Atom-Ausstieg in den Ländern gelöst werden müsse, sei der Stromverbrauch, sagte der Greenpeace-Experte. Russland, Belarus und die Ukraine zählten zu den "energieverschwenderischsten Ländern der Welt". Solange das so sei, sei eine Wende in der Atompolitik schwer umzusetzen.

Autor: Roman Goncharenko
Redaktion: Markian Ostaptschuk

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