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Fokus Osteuropa

Russland: Staatsdiener auf dem Chefsessel

Experten beobachten in Russland die Verschmelzung von Geschäftswelt und Politik. Dem russischen Zentrum zur Erforschung von Eliten zufolge sind 94 Prozent der Leiter der größten Unternehmen gleichzeitig Staatsdiener.

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Immer mehr Beamte in russischen Unternehmensvorständen

Die Verzahnung zwischen Wirtschaft und Politik werde immer enger, urteilen russische Experten. Während der Präsidentschaft von Wladimir Putin habe die Rückkehr zum System staatlicher Planung in der Wirtschaft Russlands begonnen, urteilt Olga Kryschtanowskaja, Leiterin des Zentrums zur Erforschung politischer Eliten. Russische Beamte, die auf der Dienstleiter immer höher aufstiegen, bekämen nicht nur Macht, sondern auch die Kontrolle über die Finanzflüsse, meint Kryschtanowskaja.

Heimlicher Wandel

Frau Kryschtanowskaja sagte im Gespräch mit der Deutschen Welle: "Die Staatsmacht ist mit riesigen Schritten in die Geschäftswelt vorgedrungen. Unseren Studien zufolge sind nur sechs Prozent der Mitglieder der Vorstände der größten Unternehmen mit staatlicher Beteiligung keine Beamten." Die Expertin sagte, bei den Vorstandsmitgliedern handele es sich mit großem Abstand vorwiegend um Minister oder stellvertretende Minister, aber auch um Vertreter der Präsidentenadministration oder der Rechtschutzorgane. Ihr zufolge gibt es zwei "Kraken" – das Energieunternehmen Gasprom und den Rüstungskonzern Rosoboroneksport – die in die Vorstände zahlreicher anderer Firmen hineindringen.

Diese Entwicklung vollziehe sich im Großen und Ganzen nicht öffentlich. Nur in wenigen Fällen würden die Namen der neuen Chefs großer Unternehmen bekannt. Die oberste Staatsführung handle akkurat und auch oft mittels Strohmännern, so Kryschtanowskaja. "Wenn man sich die Listen von Beamten anschaut, die Unternehmensvorständen angehören, dann wundert man sich, weil die sehr einflussreichen und mächtigen Personen, die alle Finanzflüsse und die Unternehmen kontrollieren, niemand kennt", erklärt die Expertin. Um herauszufinden, wer tatsächlich ein Unternehmen leitet, müsse man schauen, zu welchem Team ein Strohmann gehört, meint Kryschtanowskaja. Vorerst könne man von einem deutlich größeren Einfluss von Putin sprechen, obwohl Medwedjew nach und nach seine Präsenz in der russischen Geschäftswelt erweitere.

Schutz vor Bürokratie?

Welche Auswirkungen von der Verschmelzung zwischen Geschäftswelt und Staatsmacht zu erwarten sind, sagte der Direktor des Instituts für Globalisierungs-Probleme, der Wirtschaftsexperte Michail Deljagin, der Deutschen Welle: "Für die Geschäftswelt ist es ein gewisser Schutz, wenn ein Beamter der Unternehmensleitung angehört. Dann kann man hoffen, dass er staatlichen Schutz vor anderen Bürokraten-Gruppen gewährleistet. Außerdem kann man über staatliche Stellen eigene Geschäftsinteressen durchsetzen. Aber das ist seltener der Fall. Für einen Beamten bedeutet das zusätzliche legale Einnahmen." Diese würden durchaus hoch ausfallen, was Schmiergelder überflüssig mache, sagte Deljagin. Experten gehen davon aus, dass die Abhängigkeit der russischen Wirtschaft von Beamten noch zunehmen wird.

Jegor Winogradow

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