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Politik

Russland singt auf Ukrainisch

Der Eurovision Song Contest, der dieses Jahr in Moskau stattfindet, sorgt im Gastgeberland schon im Vorfeld für Spannungen. Für Russland wird eine Ukrainerin antreten, mit einem Lied mit ukrainischem Refrain.

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"Skandal bei Eurovision" schrieb die Internetzeitung "Newsru.com" nach der nationalen Vorentscheidung. "Eine Ukrainerin wird Russland vertreten." Von einem Skandal sprach auch Waleri Prigoschin, Produzent der zweitplatzierten Sängerin Walerija. "Wir müssen jemand anders zum Eurovision schicken, denn das Lied wird auf Ukrainisch gesungen und hat mit Russland nichts gemein!", tönte er laut und forderte eine neue Auswahl.

Eurovision der Intoleranz?

Doch nicht nur bei den Unterlegenen regte sich Unmut über die Entscheidung. In national-patriotischen Internetforen gab es Schelte, die oft unter die Gürtellinie ging: "Eine Schmach, die wir nicht erwartet haben. Die Ukrainer, die sich lieber mit Prostitution beschäftigen sollten, streben plötzlich nach Ruhm. Aber wir werden eine solche Erniedrigung Russlands nicht dulden", schrieb ein russischer Blogger vollkommen entrüstet über so wenig Nationalverständnis seiner Landsleute.

Ja, den Nationalpatrioten in Russland wird dieser Tage wirklich einiges abverlangt, könnte man meinen, und das auch noch von den "ungehorsamen Nachbarn", den Ukrainern und den Georgiern! Mit Georgien hat Russland im Sommer Krieg geführt, mit der Ukraine gab es zu Jahresanfang einen langwierigen Streit ums Gas. Und jetzt setzen die beiden dem großen Nachbarn auch noch kulturell zu.

Die Georgier haben gar ein Lied gegen den Ministerpräsidenten komponiert: "We don't wanna put in" - wie kann das wohl gemeint sein? Die kremltreue Jugendorganisation "Junges Russland" und ihr Vorsitzender Maxim Mischtschenko werten es jedenfalls nicht nur als Angriff auf den Ministerpräsidenten Wladimir Putin, sondern "auf das gesamte russische Volk".

Russische Toleranz

Der Mehrheit der Bevölkerung aber scheint die Herkunft der Sängerin ihres diesjährigen Eurovisions-Titels vollkommen egal zu sein. Die meisten der Telefonanrufer (25 Prozent) haben sich unter den 16 Teilnehmern der nationalen Auswahl für die 21-jährige Anastasia Prichodko und ihren eingängigen Song "Mamo" entschieden, und sechs der elf Jury-Mitglieder. Sie scheinen sich mit einem Lied, gesungen von einer Ukrainerin, gut repräsentiert zu fühlen.

In der Ukraine dagegen war man mit der Sängerin weniger tolerant. Russische Medien berichten, Prichodko habe zuerst bei der ukrainischen Vorauswahl mit einem russischen Lied teilgenommen und sei deswegen gesperrt worden.

Konstantin Menadze, Manager der Sängerin, sieht die Internationalität des Liedes als einen Vorteil: "Der Song wird von einer Ukrainerin gesungen, die Musik wurde von einem Georgier geschrieben und der Text stammt von einer estnischen Songwriterin. Ich sehe diese Vermischung als ein Zeichen der kulturellen Einheit in Russland, trotz der politischen Uneinigkeiten zwischen den verschiedenen Ländern."

Jetzt müssen nur noch die Länder, deren Vertreter an der Entstehung des Songs beteiligt waren, Russland beim Eurovision Song Contest 12 Points geben, dann kann für die Ukrainische Sängerin nicht mehr viel schief gehen.