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Politik

Russland macht Automobil

Russland im Mobilitätsrausch: 2004 gaben die Russen elf Milliarden Dollar für neue Autos aus - nominell etwa so viel wie die US-Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg für den Marshall-Plan in Europa zahlte.

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Nie wieder Krieg und nie wieder einen russischen Wagen, diese Wunschformel gilt seit 1991 für die meisten russischen Automobilisten, die zwar den Kalten Krieg verloren dafür aber die Marktwirtschaft gewonnen hatten.

Zwar sind Russen sehr patriotisch, doch beim russischen Automobil hört die Liebe zum Vaterland auf. Stattdessen spart die Mittel- und Unterklasse jeden Rubel, um sich nur so schnell wie möglich einen Westwagen leisten zu können. Kein Wunder: Schließlich sind russische Autos, von Wolga bis Lada, zwar billig in der Anschaffung, aber auch eben billig und lieblos zusammen geschraubt. Noch heute werden einige Lada-Modelle praktisch genauso gebaut wie vor 20 Jahren.

Mag es zu Sowjetzeiten und Planwirtschaft nur wenig Anreize für Qualität und Innovation gegeben haben, so haben inzwischen die russischen Autobauer - mehr als 20 Jahre nach dem Einzug der Marktwirtschaft - längst den Anschluss verloren. Ihre simplen Modelle genügen den gewachsenen Ansprüchen der Kundschaft nicht mehr.

Dies rächt sich nun bitter: Die russische Wirtschaft wächst und mit ihr die Halden der unverkauften russischen Fahrzeuge. Am schlimmsten traf es den Hersteller des wenig verbreiteten Automobils "Izh" aus Izhewsk mit einem Absatzrückgang von mehr als 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei den großen Herstellern wie Lada und Wolga werden inzwischen die Jahrespläne nüchtern der Realität, also nach unten angepasst.

Gleichzeitig sind die Zuwachsraten bei den ausländischen Marken enorm: Im letzten Jahr wurden in Russland insgesamt 280.000 ausländische Neufahrzeuge verkauft, allein im ersten Halbjahr 2005 waren es bereits 225.000 Neuwagen.

Der Markt ist noch lange nicht gesättigt. Branchenkenner sehen für die nächsten Jahre einen großen Nachholbedarf: Russland ist mit einer Quote von 130 Fahrzeugen auf 1000 Einwohner noch immer unterversorgt. In Deutschland liegt die Quote bei 545 Autos.

Inzwischen investieren immer mehr ausländische Automobikonzerne auf dem russischen Markt. Russland erlebt einen Boom an Neuansiedlungen von ausländischen Fahrzeugfabriken. In Kaliningrad lässt der bayerische Autokonzern BMW bereits seit 1999 seine Modelle aus angelieferten Komponenten von russischen Arbeitern zusammen setzen.

Längst hat dieses Baukastenmodell Schule gemacht: Bei St. Petersburg lässt Ford seinen Focus zusammensetzen und will die Kapazität innerhalb eines Jahres von jetzt knapp 30.000 auf 60.000 steigern. Der Focus ist eines der am besten verkauften ausländischen Modelle. Das Erfolgsrezept ist einfach: Ausländische Autobauer, die ihre Fahrzeuge in Russland montieren lassen, genießen Zollerleichterungen. Dadurch lässt sich billiger produzieren und preisgünstiger anbieten. Mit rund 10.000 Euro liegt der Focus in der gleichen Preisklasse wie ein russischer Neuwagen und spricht genau den Konsumentenkreis an, der bei Neuwagen bislang auf "vaterländische" Produktion angewiesen war und nun nur allzugern umsteigt.

Inzwischen planen auch Renault, Volkswagen und sogar DaimlerChrysler Montagewerke in Russland. Die russischen Autohersteller stöhnen, denn ihre schärfsten Konkurrenten rollen unaufhaltsam auf sie zu: Günstige West-Autos mit Qualitätssiegel "Made in Russia".

  • Datum 27.07.2005
  • Autorin/Autor Stephan Hille
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  • Permalink http://p.dw.com/p/6xps
  • Datum 27.07.2005
  • Autorin/Autor Stephan Hille
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