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Fokus Osteuropa

Russland: Krawalle gegen Kaukasier in Karelien

Nach den Zusammenstößen zwischen Kaukasiern und der einheimischen Bevölkerung ist die Lage in der karelischen Stadt Kondopoga gespannt. Politiker und Vertreter der Rechtsschutzorgane bewerten die Unruhen unterschiedlich.

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Beobachter sprechen von Pogromen

Während der Eröffnung der Herbst-Sitzung der russischen Staatsduma am 6. September hat der Parlamentsvorsitzende Boris Gryslow darauf hingewiesen, die Ereignisse im karelischen Kondopoga könnten Gegenstand parlamentarischer Untersuchungen werden. Unlängst kam es in Kondopoga zu Krawallen zwischen eingewanderten Kaukasiern und der einheimischen Bevölkerung. Regelrechte anti-kaukasische Pogrome waren die Folge. Seitdem werden aus Karelien beinahe täglich Zwischenfälle gemeldet, darunter Überfälle auf Stände aserbaidschanischer oder tschetschenischer Händler. Am 6. September wurde eine Sportschule in Brand gesetzt. Berichten zufolge lebten dort mehrere aus Zentralasien stammende Familien. Die örtlichen Rechtsschutzorgane versuchen derzeit, weitere Gewaltausbrüche zu verhindern.

Generalprobe für andere Regionen?

Der stellvertretende Staatsanwalt Kareliens, Pjotr Klemeschow, erklärte am 6. September, die Unruhen seien gut organisiert gewesen. Die Anstifter hätten das Szenario gleich auch für andere Regionen Russlands geübt. "Im Internet wurden tendenziöse Informationen verbreitet, die soziale Kluft zwischen den Gesellschaftsschichten wurde ausgenutzt, mit den Gefühlen der Menschen wurde bewusst gespielt, nicht zuletzt wurde ein freier Tag, an dem die meisten Jugendlichen nicht zur Schule gehen und nicht arbeiten, für die Kundgebung gewählt - das sind bewusste Techniken", betonte Klemeschow.

Außerdem seien Nationalisten der "Bewegung gegen illegale Einwanderung" an der Organisation der Kundgebung in Kondopoga, nach der es zu Pogromen gekommen war, beteiligt gewesen. Die Staatsanwaltschaft habe jedoch keinen Grund gesehen, sie festzunehmen, da sie in ihren Reden nicht zu ethnischem Zwist oder illegalen Handlungen aufgerufen hätten. Der Administrationschef der Republik Karelien, Sergej Katanandow, vermutet, bei den Unruhen habe auch das zunehmende Selbstbewusstsein und die Selbstachtung der Menschen in der Region eine Rolle gespielt. "Die Menschen in Kondopoga haben ein Gefühl für ihre eigene Würde", sagte der Administrationschef.

Verbannung von Kaukasiern gefordert

Unterdessen wurden auf einer Kundgebung in Petrosawodsk die Behörden aufgefordert, alle aus dem Kaukasus eingewanderten Menschen aus Karelien zu verbannen. Davon hält der der Präsident der Gesellschaft der Wainachen Kareliens, Mahomed Matujew, gar nichts. "Wir werden in unsere Häuser zurückkehren und von den lokalen Behörden Entschädigungen für das fordern, was uns zugefügt wurde", teilte er mit. "Wir erhalten Anrufe aus vielen Ländern, aus Finnland, den USA. Wir werden nicht weggehen, im Gegenteil. Nach diesen Ereignissen wollen viele tschetschenische Familien erst recht nach Kondopoga übersiedeln."

Die jüngsten Zusammenstöße zwischen Vertretern verschiedener Nationalitäten sind nicht die ersten in Karelien. Krawalle gibt es dort regelmäßig. Dem Leiter des Karelischen Zentrums für politische und soziale Studien, Anatolij Zygankow, zufolge haben sich in der postsowjetischen Zeit in Kondopoga und Olonz große kaukasische Gemeinden gebildet. In Kondopoga handelt es sich vor allem um Einwanderer aus Tschetschenien und Aserbaidschan, in Olonz vorrangig um Tschetschenen. Traditionell kontrollieren die Einwanderer einen Teil des Handels auf den Märkten. Die Aserbaidschaner und Tschetschenen handeln aber nicht nur mit importierten Früchten, sondern auch oft mit Gemüse, das in Karelien angebaut wird.

Vladimir Izotov, St. Peterburg
DW-RADIO/Russisch, 6.9.2006, Fokus Ost-Südost

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