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Wirtschaft

Russland kommt auf den Käse

Vor drei Jahren verbot Russlands Regierung den Import westlicher Lebensmittel. Seitdem ist die Rede von minderwertiger Milch und gepanschtem Käse. Trotzdem setzt die Regierung langfristig auf Importersatz.

Auf den Käse kam Ljubow Gorbatschowa durch Zufall. Die gebürtige Moskauerin kaufte ein Haus auf dem Land unweit von Samara. Dort lebte eine Kuh. Als es jeden Tag frische Milch gab, wollte sie probieren, auch Käse zu machen. Dann kam eine Bekannte vorbei. Sie probierte, was Ljubow eigentlich wegwerfen wollte. Die Bekannte entpuppte sich als ehemalige Chefin eines italienischen Restaurants. "Sie kaufte alles, was ich bisher an Käse hatte", freute sich Ljubow. Seitdem lebt sie vom Verkauf ihres Käses, den sie in ganz Russland vertreibt. Das Rezept: Von ihrem Namen Ljubow, zu deutsch "Liebe", steckt sie eine ordentliche Portion in ihren handgemachten Käse.

Russland Moskau- Käse Messe: Ljobow Gorbatschowa an ihrem Stand (DW/C. Braemer)

Käse-Messe in Moskau: Ljubow Gorbatschowa an ihrem Stand

"Um ehrlich zu sein, haben uns die Sanktionen in die Karten gespielt", sagt Käsemacherin Gorbatschowa. Ihr Name steht auf der Bio-Käsepackung mit der Aufschrift "Sumaschedschaja Luna", zu Deutsch: "Verrückter Mond". Den bietet sie gerade auf einer Käse-Messe in Moskau an. Der Geruch ist, gelinde gesagt, noch verrückter als der Name. Und der Geschmack? "Eher was für Liebhaber", lächelt eine ältere Dame am Stand. Sie probiert einen Happen, verdreht die Augen und geht schnell weiter.

Lebensmittelembargo und Importsubstitution

"Wenn ich in Deutschland bin und wiederkomme, bringe ich vor allem eins mit: Ganz viel Käse!" Das hört man immer wieder von Deutschen, die in Moskau leben. Drei Jahre ist es her, dass Russland den Import von Agrargütern aus der EU, den USA, Kanada, Australien und Norwegen gestoppt hat. Die Maßnahme war eine Antwort auf die von der EU und den USA verhängten Sanktionen. Illegal importierte Lebensmittel werden seit Beginn des Embargos tonnenweise vernichtet. "Importsubstitution" heißt seitdem das neue Zauberwort, die Leute sollen russische statt westliche Produkte kaufen. Mit fraglichem Erfolg. Gerüchte von minderwertigen Milchprodukten und gepanschtem Käse halten sich hartnäckig.

"Vor Beginn der Sanktionen war die Auswahl größer. Und der Käse billiger", klagt ein Kunde vor dem Kühlregal im russischen Supermarkt Dixi. Käse kaufe er wenig. "Was die Einzelhändler seitdem als russisches Molkereiprodukt anbieten, ist allenfalls eine gelbe Masse, aber kein Käse", sagt er. Nach Angaben des Ministeriums für Industrie und Handel stieg der Anteil russischer Lebensmittel in den Supermärkten von 64 Prozent im Jahr 2013 auf 77 Prozent 2014. So stammen nach Aussage des Landwirtschaftsministers Alexander Tkatschow drei Viertel des Käses in den Regalen hiesiger Einzelhändler im Jahr 2016 aus russischer Fertigung. Zum Vergleich: Im Jahr 2013 betrug dieser Anteil nur knapp die Hälfte.

Käse-Wende: Quantität statt Qualität

Trotz der gestiegenen Quantität bleibt die Qualität der Nahrungsmittel hinter den Erwartungen zurück. Nach Aussage des russischen Verbaucherschutzes haben 2016 ganze zwei Drittel der russischen Nahrungsmittelproduzenten gegen Hygienevorschriften verstoßen. Jetzt plant die Behörde Strategien zur Qualitätserhöhung russischer Erzeugnisse bis 2030.

Zurück auf dem Markt findet ein Messebesucher Gefallen an dem verrückten Mond und nimmt ein paar Stück Liebeskäse mit auf den Heimweg. "Ich kaufe meinen Käse seit langem nicht mehr im Supermarkt", sagt der 40-jährige Handwerker. Er kauft stattdessen in Bio-Läden, die seit Beginn der Sanktionen wie Pilze aus dem Boden sprießen. Auf der Käse-Messe sammelt er Kontakte von lokalen Herstellern und spezialisierten Geschäften. "Es gibt guten Käse in Russland, man muss ihn nur suchen. Zwar keinen direkt aus Frankreich, Italien oder Holland, aber nach französischer, italienischer oder niederländischer Art. Aus russischer Produktion." Discounter-Käse sei tabu.

Nach einer Studie der Moskauer Forschungsstiftung „Romir“ scheint Russland allmählich auf den Käse zu kommen. So hatte im Vorjahr nur etwa jeder vierte Russe etwas an dem Käse auszusetzen. 2015 war es noch jeder dritte. Am kritischsten gegenüber dem russischen Käse waren dabei Bürger in Großstädten mit über eine Million Einwohner. Dabei wurden über 1500 russische Staatsbürger aus allen Regionen befragt.

Kurs auf Protektionismus: Zehn Jahre Importverbot?

Einen Stand weiter auf der Käsemesse zeigt Wladimir Lewen seinen Edamer und vor allem Gouda nach holländischer Art. "Das Rezept habe ich von holländischen Freunden bekommen", verrät Lewen mit einem Schmunzeln. Und das umsonst. Freunde hat Lewen viele. Mit einigen von ihnen kaufte er vor knapp einem halben Jahr einen großen Bauernhof im Gebiet Rostow. 20 Kühe spenden die Milch für seinen Käse, der dem holländischen im Geschmack kaum in etwas nachsteht. Schwer sei es nicht, auf Russlands Käsemarkt Fuß zu fassen. "Der Markt ist wie leer gefegt", erklärt Lewen.

Russland Moskau- Käse Messe: Wladimir Lewen aus Rostow (DW/C. Braemer)

Der junge Landwirt Wladimir Lewen aus dem Rostower Gebiet: "Der Markt ist leergefegt"

Die russische Regierung verteidigt ihren protektionistischen Kurs. "Für die Industrie wären auch zehn Jahre gut. Was soll ich sonst als Landwirtschaftsminister sagen?", antwortete der Landwirtschaftsminister dem Wirtschaftsmagazin 'Forbes' auf die Frage, wann das Lebensmittelembargo gestoppt werden solle. Die Wettbewerbsfähigkeit der Produzenten sei bisher nicht gewährleistet. Er befürchtet, dass der Markt bei einer Aufhebung des Verbotes mit ausländischen Produkten "geflutet" wird. Stattdessen soll die Qualität russischer Erzeugnisse verbessert und ihr Preis gesenkt werden.

Unlängst haben die USA beschlossen, ihre Sanktionen gegen Russland zu verschärfen. Das hat die Bundesregierung kritisiert. "Völkerrechtswidrig" nannte Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries die neuen US-Sanktionen. Russland plant jetzt ebenfalls neue Gegenmaßnahmen. Das kann dem Käse wohl nur gut tun.