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Fokus Osteuropa

Russland kann Milliarden in Libyen verlieren

Die politischen Umwälzungen in Libyen könnten beträchtliche Nachteile für russische Konzerne haben, meinen russische Experten. Es drohen Verluste im Waffenhandel, in Öl- und Gasgeschäften und bei Infrastrukturprojekten.

Gaddafi und Medwedew in Russland 2008 (Foto: ap)

Gaddafi bei seinem Besuch in Russland 2008

Nach Schätzungen russischer Experten könnte Russland nach dem Machtwechsel in Libyen Verluste in Höhe von etwa zehn Milliarden Dollar (fast sieben Milliarden Euro) erleiden. In erster Linie droht Russland der Verlust eines wichtigen Waffenabsatzmarktes. Russische Experten gehen davon aus, dass die neue libysche Regierung die am Militäreinsatz beteiligten NATO-Länder als neue Waffenlieferanten favorisieren werde.

Aber es geht nicht nur um Waffenexporte. In den Sternen steht auch das Schicksal der Projekte der staatlichen Russischen Eisenbahn (RZD) und der russischen Öl- und Gaskonzerne in Libyen. "Wir haben Libyen endgültig verloren", zitiert die russische Agentur RIA Novosti den Vorsitzenden der russisch-libyschen Wirtschaftsgruppe, Aram Shegunts. "Wir werden kein grünes Licht mehr bekommen. Wer das Gegenteil glaubt, der irrt sich."

Bauprojekte auf Sand gebaut?

2008 hatte die staatliche Russische Eisenbahn einen großen Auftrag von Gaddafis Regierung bekommen: Sie sollte die Bahnstrecke Sirte-Bengasi am Mittelmeer entlang bauen. RZD plante, 30 Bahnüberführungen, 23 Autobrücken, vier große Bahnhöfe und 24 Bahnstationen zu errichten. Der Gesamtwert dieser Verträge wurde auf etwa 3,1 Milliarden Dollar (2,2 Milliarden Euro) geschätzt.

Als der Aufstand gegen Gaddafi begann, liefen die Bauarbeiten bereits auf Hochtouren. Russland hat in die Infrastruktur investiert sowie ein Betonwerk und ein Schweißwerk für den Gleisbau errichtet. Es war geplant, das Projekt 2013 fertig zu stellen. Nach dem Beginn der Kampfhandlungen wurden alle Arbeiten eingestellt. Wenn dieser Vertrag annulliert wird, würde RZD in Libyen sofort 150 Millionen Dollar (etwa 104 Millionen Euro) verlieren, schätzt Viktor Markov, Senior Analyst des Investment-Unternehmens Zerich Capital Management.

Adieu, libysches Öl!

Das Gazprom-Logo ist im Europapark in Rust (Foto: ap)

Gazprom war bis jetzt auf dem libyschen Markt sehr aktiv

Beträchtlich könnten russische Verluste auch im Energiesektor sein. Russische Gas- und Ölunternehmen müssen bangen, dass die neue Regierung sie vor die Tür setzt. Derzeit arbeiten die Konzerne Gazprom und Tatneft in Libyen, auch Gazproms Öltochter Gazprom Neft plante groß einzusteigen. Der Konzern hat zusammen mit seinem deutschen Partner Wintershall Erdöl- und Erdgasförderungen in Libyen betrieben. Laut Analyst Viktor Markov würde Gazprom etwa 350 Millionen Dollar (über 240 Millionen Euro) verlieren, wenn die bestehenden Verträge aufgelöst würden.

Die Verluste von Tatneft, das zusammen mit der libyschen National Oil Corporation vier Ölfelder betreibt, würden bei einem solchen Szenario etwa 250 Millionen Dollar (etwa 170 Millionen Euro) betragen, so Markov.

Allerdings könnten die Umwälzungen in Libyen auch positive Auswirkungen für die russische Wirtschaft haben, meint einer der Co-Leiter der Finanz- und Analyseagentur Investcafe, Grigorij Brig. Vor dem Hintergrund der Probleme im Nahen Osten und Nordafrika könnte die Situation für Russland durchaus stabil aussehen und es sollte Europas Interesse an russischen Gas- und Ölvorkommen anspornen, meint der Experte. Gazprom hat beispielsweise inzwischen die Gaslieferungen nach Italien um über 50 Prozent gesteigert. "Es gibt keine Zweifel, dass die diesjährigen Gaslieferungen von Gazprom nach Europa insgesamt um etwa sieben Prozent wachsen werden", sagte Brig der Deutschen Welle.

Unklarheiten auch bei "Elephant"

Das Verteilerkreuz einer Ölleitung der Firma Wintershall auf dem Ölfeld As Sarah in Libyen. (Foto: dpa)

Ölverträge könnten in Libyen neu verteilt werden

Kurz vor dem Konfliktausbruch in Libyen wurde eine Einigung zwischen dem italienischen Energieversorger Eni und Gazprom Neft erzielt: für 163 Millionen Dollar (113 Millionen Euro) sollte Eni seinen Anteil am libyschem Ölprojekt "Elephant" dem russischen Konzern überlassen. Dieses Abkommen wurde zwar im Februar dieses Jahres in Rom unterzeichnet, ist aber nie in Kraft getreten.

Der Krieg in Libyen verhinderte, dass alle nötigen Genehmigungen von der libyschen Seite eingeholt werden konnten. Bis jetzt ist nicht klar, welche Entscheidung die neue libysche Regierung bezüglich "Elephant" trifft. "Ich denke, dass dieses Projekt im Endeffekt nicht nationalisiert wird", meint der stellvertretende Direktor des Zentrums für die Erforschung der Weltenergiemärkte, Vyacheslav Kulagin. "Unklar bleibt jedoch, wie die Anteile der Beteiligten nun sortiert werden, denn westliche Unternehmen bekunden mittlerweile auch ihr Interesse an diesem Ölprojekt".

Die Rebellen kündigten bereits an, dass bei der Neuvergabe der Ölverträge diejenigen Länder bevorzugt würden, die sie in ihrem Kampf gegen Gaddafi unterstützt haben - das heißt Europäer und Amerikaner, aber wohl auf keinen Fall Russen.

Autorinnen: Evlalia Samedova/Olga Sosnytska

Redaktion: Bernd Johann

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