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Fokus Osteuropa

Russland: Im Mordfall Estemirowa äußern Menschenrechtler Verdacht

Russische Menschenrechtler sehen Hinweise, dass es sich beim Mord an der Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa um ein Auftragsverbrechen handelt. Sie verdächtigen den tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow.

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Natalja Estemirowa

Die Mitarbeiterin des russischen Menschenrechtszentrums Memorial, Natalja Estemirowa, hat das Schicksal der Menschen ereilt, derer sie sich angenommen hatte. Die Menschenrechtlerin war Mordfällen und Entführungen im Nordkaukasus nachgegangen. Am Morgen des 15. Juli wurde Estemirowa selbst in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny verschleppt. Am Abend wurde ihre Leiche in Inguschetien gefunden. Laut Ermittlungsbehörden ist eine Kopfschussverletzung die Todesursache.

Dem Mitarbeiter des Menschenrechtsorganisation Memorial, Aleksandr Tscherkasow, zufolge berichteten Augenzeugen von der Verschleppung Estemirowas. Danach hätten zwei Männer gesehen, wie die Menschenrechtlerin gegen 8.30 Uhr Ortszeit von Unbekannten in ein weißes Fahrzeug vom Typ WAS-2107 gezerrt worden sei. Sie habe um Hilfe geschrien, sie werde entführt, sagte Tscherkasow. Nach Angaben der Zeugen wurde Estemirowa zuvor von ihrem Wohnhaus bis zum Ort ihrer Entführung von einer Frau verfolgt. Die Kollegen der Ermordeten vermuten, es könne sich dabei um eine Komplizin gehandelt haben. Somit handele es sich um keine zufällige, sondern eine geplante, in Auftrag gegebene Entführung.

Drohungen gegen Menschenrechtler

Menschenrechtler sind überzeugt, dass die schnelle Ermordung ohne eine Lösegeld-Forderung auf ein Auftragsverbrechen hindeutet. "Dass hinter dem Mord Ramsan Kadyrow steckt, daran zweifele ich nicht", erklärte der Leiter des Menschenrechtszentrums Memorial, Oleg Orlow, der Deutschen Welle. "Vor einem Jahr hatte der Präsident Tschetscheniens Frau Estemirowa persönlich gedroht und sie mehrfach öffentlich beleidigt" betonte er. Laut Orlow könnte Estemirowas jüngste Publikation über eine außergerichtliche Hinrichtung nun der Anlass gewesen sein.

Ihre Artikel hätten – wie Orlow sagt – "ganz oben für Verärgerung gesorgt". Ein weiteres Zeichen dafür sei, dass der Menschenrechtsbeauftragte in Tschetschenien, nachdem jene Artikel im Internet erschienen seien, die Memorial-Mitarbeiter gewarnt habe. Er habe die Befürchtung geäußert, dass "etwas passieren könnte", erläuterte Orlow. "Nach einer so klaren Warnung haben wir über eine Evakuierung der Mitarbeiter nachgedacht, aber wir haben es leider nicht geschafft. Daher ist der Tod von Natalja Estemirowa auch unsere Schuld", sagte Orlow.

Die Expertin der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, Tatjana Lokschina, ist ebenfalls überzeugt, dass der Mord in Zusammenhang mit Estemirowas Tätigkeit steht. Lokschina kehrte erst vor kurzem von einer Dienstreise im Nordkaukasus zurück, wo sie sich an Recherchen zu Mord- und Entführungsfällen in Tschetschenien beteiligt hatte. "Wie nach dem Mord an Anna Politkowskaja kann man auch jetzt nach dem Mord an Natalja Estemirowa nicht genau sagen, dass der eine oder andere Artikel der Anlass war. Davon gab es zu viele, die man als fatal bezeichnen könnte", sagte Lokschina der Deutschen Welle.

"Todesschwadronen kennen keine Hindernisse"

Die Tatsache, dass Estemirowa in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny entführt, ihre Leiche aber in Inguschetien aufgefunden worden sei, erschwert die Spurensuche. Estemirowas Kollegen haben dennoch keine Zweifel, dass der von Ramsan Kadyrow kontrollierte tschetschenische Machtapparat hinter dem Mord steckt.

"Diese Todesschwadronen kennen keine Hindernisse. Sie überqueren ungehindert die tschetschenisch-inguschetische Grenze. Sie entführen Menschen in der einen Republik und töten sie in der anderen", sagt Orlow und betont: "Es überrascht nicht, dass Estemirowas Leiche in Inguschetien gefunden wurde. Das spricht eher dafür, dass Ramsan Kadyrow hinter der Ermordung unserer Mitarbeiterin steckt." Auch die Menschenrechtlerin Lokschina sagte im Gespräch mit der Deutschen Welle: "Ich gehe davon aus, dass Ramsan Kadyrow und der Machtapparat Tschetscheniens dahinter stehen. Die Mörder hinterließen die Leiche bewusst in Inguschetien, um nicht bei sich daheim ermitteln zu müssen."

Offizielle Mitteilungen über den Mord an der Menschenrechtlerin sind aus dem Nordkaukasus bisher nicht eingegangen. Die Bestätigung, wonach es sich bei der gefundenen Leiche um Natalja Estemirowa handele, verbreitete die Staatsanwaltschaft der Russischen Föderation. Die Kollegen der Ermordeten fordern die Staatsanwaltschaft nun zu gründlichen Ermittlungen auf. Ferner wollen die Menschenrechtler den russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew auffordern, in Tschetschenien für Ordnung zu sorgen, wo in letzter Zeit, wie Lokschina sagte, "Ramsan Kadyrow Chaos schafft".

Autor: Jegor Winogradow / Markian Ostaptschuk
Redaktion: Birgit Görtz

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