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Sport

Russland, Fußball-Baustelle mit Zukunft

Mit dem Einzug ins EM-Halbfinale lösten die Russen in ihrem Land einen Fußballrausch aus. In der WM-Qualifikation trifft die Spornaja nun am Samstag in Dortmund auf Deutschland. Die Erwartungen in Russland sind hoch.

Russlands Nationaltrainer Guus Hiddink gibt während eines EM-Spiels seinem Spieler Ivan Saenko Anweisungen Quelle: dpa

Der Erfolg der Russen hat einen niederländischen Namen: Guus Hiddink

Fanjubel, Fotoapparate und Fernsehteams: Wo immer die russische Nationalmannschaft in diesen Wochen auftaucht, ist der Rummel groß. So auch an diesem grauen Nachmittag im Stadion von Dynamo Moskau. Rund 300 Fans sind zum öffentlichen Training gekommen, und es fällt auf, dass auf der Tribüne sehr viele junge Frauen sitzen. "Fußball ist in Russland seit dem EM-Erfolg cool geworden", sagt der britische Journalist Richard van Poortvliet. Seit zwei Jahren berichtet er für den englischsprachigen Sender "Russia Today" über die russische Nationalmannschaft und auch heute steht er mit einem Kameramann an der Seitenlinie. "Früher ist zum Training kaum ein Fan gekommen, geschweige denn Frauen."

Nahe an der Absperrung stehen Mascha, Alla und Natascha und können nicht aufhören zu kichern. Die drei Schulfreundinnen sind zum ersten Mal bei einem Training der Nationalmannschaft und haben Hefte für Autogramme dabei. Eines haben sie auch bekommen, aber sie wissen nicht von wem. "Er kam so schnell heraus und gab uns dann das Autogramm. Wir konnten gar nicht schauen, wer er war", sagt Mascha und lacht weiter. "Wir waren ja auch aufgeregt", fügt Natascha hinzu. Und Alla ruft am lautesten: "Gut sah er auf jeden Fall aus." Dann kichern sie weiter. Das Training, das mittlerweile auf dem Platz begonnen hat, verfolgen sie kaum.

Kampf bis der Schiedsrichter duscht

Russlands Dmitri Torbinski schießt bei der EM sein zweites Tor gegen die Niederlande. Torwart Edwin van der Sar kann dem Ball nur noch hinterherblicken. Quelle: ap

Einsatz, bis der Ball im Netz zappelt

Nach dem Halbfinal-Einzug bei der Europameisterschaft hat die russische Nationalmannschaft viele neue Fans und vor allem mediale Aufmerksamkeit gewonnen. Die Spieler sind in den Augen der Russen nun nicht mehr faule Millionäre ohne Biss, sondern gefeierte Nationalhelden. Die Qualifikation für die WM 2010 in Südafrika gilt als absolutes Muss. Aber dem Druck müsse und könne das junge Team standhalten, sagt der niederländische Cheftrainer Guus Hiddink. "Die Erfolge müssen der Mannschaft und dem Land Selbstvertrauen geben, dort weiterzumachen, wo wir im Sommer aufgehört haben." Angst vor dem Erfolg sei sinnlos. "Natürlich wird die Qualifikation schwierig, aber wenn wir uns dem Spiel hingeben, dann ist die Mannschaft zu vielem fähig." Er fordert von seinen Spielern, dass sie gegen den Favoriten Deutschland kämpfen, bis "auch der Schiedsrichter in der Dusche ist – und das werden sie tun". Seine Stimme klingt sehr entschlossen.

Hiddink habe einen unglaublichen Wandel in die Nationalmannschaft gebracht, sagt Journalist van Poortvliet. Doch bis auch die russische Liga von dem Aufschwung profitiere , müsse noch viel getan werden. "Eine Fußball-Fankultur wie in Deutschland oder England gibt es noch nicht. Wenn ein Verein eine durchschnittliche Zuschauerzahl von 10.000 bis 15.000 hat, ist das schon sehr gut." Das liege aber auch an den Stadien: "Die sind unbequem und verfallen", sagt van Poortvlied.

"Wir können gegen jede Mannschaft gewinnen"

Russische Fans feiern bei der EM. Quelle: ap

Russlands Fußballfans wollen weiter jubeln.

Auch Hiddink, der bis zur WM 2010 unter Vertrag steht, weiß, dass die Baustelle "Fußball in Russland" groß ist. Genauso groß sei jedoch das Potenzial an talentierten Nachwuchsspielern im Land. Die gelte es von nun an besser zu fördern. Seine riesige Beliebtheit will Hiddink nutzen, um Russland langfristig in der Fußballweltspitze zu etablieren. Der Nationalcoach arbeitet in Seminaren mit den Vereinstrainern der russischen Liga zusammen. Und er appelliert an die einflussreichen Funktionäre und finanzstarken Sponsoren: "Mit Hilfe aller Verantwortlichen können wir dem russischen Fußball zu einer strahlenden Zukunft verhelfen. Aber es gibt viel zu tun". Alle Verantwortlichen müssten im Sinne des Fußballs handeln - "nicht für das eigene Ego".

Auch so mancher Spieler muss noch lernen, mit der neuen Rolle als bewunderter Star zurechtzukommen. Bei dem mühsamen 2:1-Sieg gegen Wales in Russlands bisher einzigem WM-Qualifikationsspiel hätten sich einige Spieler erstmals ein wenig überheblich präsentiert, hat Journalist van Poortvlied beobachtet. Mannschaftsführer Sergei Semak vom Verein Rubin Kazan sieht jedoch lediglich ein gesundes Selbstbewusstsein in seinem Team . "So erfolgreich zu spielen und das Halbfinale einer EM zu erreichen – das gibt jedem Spieler ein gutes Gefühl", sagt der 32-Jährige. "Wir wissen nun, dass wir Fußball spielen können und dass wir in der Lage sind, gegen praktisch jede Mannschaft zu gewinnen." Trainer Hiddink verrät jedoch, dass er - je nach Spielverlauf - auch mit einem Unentschieden in Dortmund zufrieden wäre.

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