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Fokus Osteuropa

Russland: Ein Multimilliardär als neuer starker Mann?

Vor gut einer Woche wurde Michail Prochorow zum Chef der Partei Gerechte Sache gewählt. Jetzt rätseln die Kreml-Auguren: Handelt der Geschäftsmann auf Weisung des Kreml?

Der Oligarch Prochorow will die Partei in Duma führen (Foto: ITAR-TASS)

Der Oligarch Prochorow will die Partei in Duma führen

Handelt es sich um die Geschäftsidee eines erfolgsverwöhnten Unternehmers oder um einen Handel mit den Machthabern im Kreml? Vor allem steht die Frage im Raum: Warum tut sich Michail Prochorow das an? Die Spanne möglicher Antworten reicht weit: Die einen meinen, der Gang in die Politik erlaube es Prochorow, sein Kapital weiter zu vermehren.

Eine ganz andere Erklärung favorisiert der Elitenforscher Stanislaw Radkjewitsch. Er äußerte im Interview mit der Deutschen Welle die Vermutung, Prochorow sei überzeugt worden, in die Politik zu gehen. „Eigentlich ist er kein Politiker, er ist Geschäftsmann. Doch nun drängt man Prochorow, sich mit etwas zu beschäftigen, was eigentlich gar nicht sein Ding ist.“

Er glaubt, dahinter stecke das Regierungstandem Medwedjew-Putin. Die Idee, Prochorow in die Politik einzubinden, habe doppelt Charme: Die Partei erhalte ein interessantes Zugpferd und gleichzeitig einen gut situierten Finanzier, findet Radkjewitsch.

Drittreichster Russe – bald zweiter Mann im Staate?

Michael Prochorow gilt als drittreichster Russe. Er ist ledig, 46 Jahre alt und Chef der Investmentgruppe Onexim, die ihr Geld mit Beteiligungen an Banken, Medien und Technologieunternehmen macht. Womöglich schickt Prochorow sich nun an, der zweite Mann im Staate zu werden. Im russischen Fernsehen sagte er jedenfalls, ihm schiene, er wäre kein schlechter Ministerpräsident.

In der Tat ist Prochorow bislang nicht als Putin-Kritiker aufgefallen. Zwar fordert Prochorow offen die Freilassung Chodorkowskijs, doch einige Beobachter werten dies als taktisches Manöver. Der Kremlkritiker und einstige Chef des inzwischen zerschlagenen Ölkonzerns Yukos, Michail Chodorkowskij, war 2003 festgenommen worden und zu 13 Jahren Haft verurteilt - offiziell wegen Betrug, Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Kritiker aber sehen hinter dem Urteil Putins Willen, einen potentiellen Rivalen kalt zu stellen, da Chodorkowskij politische Ambitionen erkennen ließ.

Prochorow auf dem Parteitag von Gerechte Sache (Foto: ITAR-TASS)

Prochorow auf dem Parteitag von Gerechte Sache

Dass Prochorow ein ähnliches Schicksal ereilen könnten, scheint derzeit unwahrscheinlich. Seine Partei sei für Reformen, sehe sich aber nicht als Oppositionspartei. Auf dem Parteitag, der ihn an die Spitze wählte und der sogar live im Staatsfernsehen übertragen wurde, sagte er weiter: „Es sollte mindestens zwei Machtparteien geben und nicht nur eine wie jetzt.“

Putin-Partei zunehmend unbeliebt

Und so könnte sich der Kreis schließen: Die Partei Geeintes Russland von Premierminister Putin ist in der Bevölkerung zunehmend unbeliebt. Elitenforscher Radkjewitsch glaubt, dass Regierungstandem habe Gerechte Sache auserkoren, um unzufriedenen Wählern des Liberal-Demokratischen Spektrums eine Alternative anzubieten.

Dafür spricht auch, dass der dezidiert oppositionellen liberalen Partei PARNAS fast zeitgleich mit Prochorows Aufstieg an die Spitze von Gerechte Sache die Zulassung verweigert wurde. Gerechte Sache wiederum wurde 2008 als bislang letzte Partei offiziell registriert. Mit ihr will Prochorow bei der Parlamentswahl im Dezember 2011 antreten und aus dem Stand 15 Prozent holen. Wenn ihm das gelänge, dürfte er mit höheren Weihen rechnen.

Autor: Egor Winogradow/ Birgit Görtz

Redaktin: Bernd Johann