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Europa

Russland - Der alltägliche Hass auf die Nichtrussen

Ein tadschikischer Gastarbeiter wird am hellichten Tag in Moskau von einem Russen angeschossen. Er verliert ein Auge, sein Schädel ist durchbrochen. Anscheinend trauriger Alltag, berichtet Juri Rescheto aus Moskau.

Ich versuche in seine Augen zu sehen. Besser gesagt - in sein rechtes Auge. Das linke fehlt. Aber ich sehe nur mich selbst in der Spiegelung seiner schwarzen Sonnenbrille. Und seine Kappe, unter der ein zehn Zentimeter großes Loch am Schädel mit einer provisorischen Schiene bedeckt ist.

Später soll dort eine Metallprothese eingebaut werden. Sulaimon Saidov stehen noch viele komplizierte Operationen bevor. Seine Gesundheit ist für immer ruiniert. Der 38-Jährige spricht leise, erzählt in seiner Muttersprache Tadschikisch, wie es zu dem schrecklichen Übergriff kam. Einem Übergriff, für den es keine andere Erklärung gibt außer Hass. Purem Hass. Hass auf die Nichtrussen wie er.

Der bei einem Überfall verletzte tadschikische Gastarbeiter Sulaimon Saidov (Foto: DW/J. Rescheto)

Ein Auge verloren, die Schädeldecke zertrümmert - Sulaimon Saidov im Krankenhaus

Aus Schutz in die Ziellinie geworfen

Es passierte an einem Abend im April diesen Jahres, als Sulaimon Saidov mit seinem 19-jährigen Neffen mit der Metro nach Hause fuhr, in einen der Moskauer Vororte, nach Tjoplij Stan. Sulaimon saß auf der Bank, sein Verwandter stand daneben. "Ich weiß nicht, welche Station das war", erzählt der Tadschike, "aber irgendwann stieg ein Mann ein. Er roch stark nach Alkohol. Erst brabbelte er etwas Unverständliches, dann pöbelte er plötzlich uns beide laut an."

Als Saidov den Betrunkenen fragte, ob er etwas gegen die Tadschiken hatte, holte der Angreifer plötzlich eine Gummigeschosspistole und schoss. Zuerst auf Sulaimon, in den Bauch, dann auf seinen Kopf, dann zielte er auf den Neffen. Saidov versuchte den Neffen zu schützen, warf sich vor ihn und wurde das dritte Mal getroffen. Ins Auge.

Gastarbeiter unter Generalverdacht

Als die U-Bahn anhielt und die Fahrgäste davonliefen, wollten die herbeieilenden Polizisten zuerst nicht den betrunkenen Angreifer, sondern das blutüberströmte Opfer verhaften. Die Gastarbeiter aus Zentralasien stehen in Russland nämlich unter Generalverdacht, sich illegal im Land aufzuhalten. Erst später konnte der tatsächliche Attentäter überwältigt und festgenommen werden.

"Seit dreizehn Jahren komme ich nach Russland", erzählt Sulaimon Saidov einen Monat nach der grausamen Tat. "Die Russen, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, hatten nie etwas gegen mich. Ich habe ihre Wohnungen renoviert, viele kannte ich persönlich, alle schätzten meine Arbeit. Hier verdiene ich 30 bis 40.000 Tausend Rubel im Monat. In Tadschikistan wären es vier- bis fünfmal weniger."

"Die Behörden vertuschen"

Unser Gespräch wird von Sulaimons Cousin Dilshod Saidov ins Russische übersetzt. Ihm ist es wichtig, dass so viele Menschen wie möglich von diesem Fall erfahren: "Die Behörden wollten zuerst gar nicht kooperieren, obwohl der Fall so klar ist. Sie wollten alles vertuschen und den Prozess so schnell wie möglich beenden. Es war nicht klar, ob Sulaimon vielleicht sein Auge behalten kann. In unserem Fall war das alles - aus deren Sicht - gar nicht so schlimm."

Gegen den Angreifer Sergej Z. wird ermittelt. Ihm wird versuchter Mord vorgeworfen, Kapitel 105, Teil 1 des Russischen Strafgesetzbuches. Ob Ausländerhass als erschwerender Umstand anerkannt wird und dazu kommt, ist unklar. Sulaimon und Dilshod Saidov ist das wichtig. Den Behörden offenbar nicht.

Jedes Jahr kommt eine Million Tadschiken nach Russland

Nach offiziellen Angaben des russischen Migrationsdiensts halten sich in Russland zur Zeit 878.536 Bürger Tadschikistans auf. Fast alle sind Arbeitsmigranten, Gastarbeiter, der deutsche Begriff ist längst im Russischen etabliert. Jährlich kommen mehr als eine Million von ihnen nach Russland auf der Suche nach einem Job. Ihre Heimat Tadschikistan zählt zu den ärmsten Ex-Sowjetrepubliken in Zentralasien.

Zentrum für Migration in Duschanbe, Tadschikistan (Foto: Galim Faskhutdinow)

In der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe kümmert sich sogar ein Büro um die Gastarbeiter

Und mehr als eine Million verlassen jährlich das Land wieder, die meisten werden ausgewiesen. Im Kampf gegen den Terror verschärfte Russland vor ein paar Jahren die Ausländergesetze und setzt nun demonstrativ auf die Bekämpfung des illegalen Aufenthalts.

Mit "Fracht-200" zurück in die Heimat

"Oft werden Migranten mitten auf der Straße von der Polizei festgenommen und demonstrativ abgeführt", erzählt einer der Gastarbeiter, seinen Namen möchte er lieber nicht nennen. "Dabei ist es oft einfach nur Behördenkram, den die Menschen nicht verstehen, irgendwelche Papiere, die sie falsch ausfüllen oder ein zu hoher Registrierungsbetrag, den sie nicht zahlen wollen", klagt Karomat Scharipov, Vorsitzender des Vereins "Tadschikische Arbeitsmigranten" gegenüber der DW. "Wir Tadschiken leben hier nach dem Motto: kämpfe, wenn du überleben willst. Wir sind in der Minderheit. Hier gilt das Recht des Stärkeren. Der Schwächere muss leiden."

Festnahmen von Migranten in Russland (Foto: RIA Novosti)

Sie leben gefährlich: Festnahmen von Gastarbeitern in Moskau

Es gibt keine Statistiken, wie viele Tadschiken in Russland Opfer von Ausländerhass werden oder sogar ums Leben kommen. Oft werden sie nicht einmal in ihre Heimat überführt, sondern auf dem nächstbesten muslimischen Friedhof schnell beerdigt. Nach Angaben von Karomat Scharipow von den "Tadschikischen Arbeitsmigranten" vermittelt allein er täglich drei bis vier seiner Landsmänner mit der sogenannten "Fracht-200" in die Heimat. Tot in einem Zinksarg. "Insgesamt sterben in Russland jährlich 1300 Tadschiken", sagt Scharipov.

Sulaimon Saidov blieb am Leben. Mit schwersten Behinderungen. Hasst er die Russen? "Nein. Denn ich denke nicht, dass der Mann etwas konkret gegen mich hatte. Er hasste einfach die Nichtrussen."

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