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Wirtschaft

Russland bleibt in der Krise allein

Die Währungen einiger Schwellenländer sind stark unter Druck geraten, vor allem der russische Rubel. Wen zieht Moskau mit in den Abgrund? Wird Russlands Krise zu einem globalen Problem?

Der tiefe Fall des Rubels wird international aufmerksam verfolgt. Die russische Währung hat allein in diesem Jahr mehr als die Hälfte ihres Wertes im Vergleich zum US-Dollar eingebüßt. Die heftige Entwertung ruft Erinnerungen an die Krise von 1998 wach, als die Regierung in Moskau den Rubel abgewertet hatte. Der aktuelle Wertverlust des Rubels hängt mit dem Verfall des Ölpreises und den Sanktionen, die der Westen gegenüber Russland wegen Moskaus Ukraine-Politik verhängt hat, zusammen.

Der Rohölpreis ist seit einem halben Jahr um fast die Hälfte auf rund 55 US-Dollar pro Barrel zurückgegangen und stellt Moskau vor ein ernstes Problem. Der Verkauf von Rohstoffen zur Energiegewinnung in Höhe von jährlich etwa 530 Milliarden US-Dollar macht rund zwei Drittel der gesamten russischen Exporte aus. Das meiste Geld, das die Regierung ausgibt, hat sie durch den Verkauf von Öl und Gas eingenommen. Daher ist Russland höchst anfällig, wenn der Ölpreis schwankt. Die Zentralbank in Moskau schätzt, dass die Wirtschaft um 4,7 Prozent im kommenden Jahr schrumpfen könnte, wenn der Preis bei etwa 60 Dollar bliebe.

Es ist aber nicht nur der Rubel, der stark an Wert verloren hat, auch die Währungen anderer Schwellenländer sind betroffen - von der indonesischen Rupie bis zur türkischen Lira. Die Rupie etwa sank bis auf einen Wert von $ 12,698 am Montag (15.12.2014), dem niedrigsten Wert seit 1998, bevor sie ihre Verluste etwas eindämmen konnte. Die türkische Lira fiel auf ein Rekordtief von $ 2,41.

Yukos Russland Öl Raffinerie

Für seine wichtigsten Exportgüter, Öl und Gas, bekommt Russland immer weniger Geld.

Das Kapital meidet das Risiko

Wegen der wirtschaftlichen und finanziellen Probleme Russlands machen sich einige bereits Sorgen um die Weltkonjunktur. Viele Ökonomen sehen das nicht so, das globale Wirtschaftswachstum halten sie nicht für gefährdet. Allenfalls könnten die Währungen vieler Schwellenländer im Sog der Krise in Bedrängnis kommen.

"Die russische Krise veranlasst die Investoren, ihre Risiken zu vermindern", sagt Jan Randolph, Direktor der Analysten-Firma IHS. Wenn die Risiken an den Märkten von Schwellenländern steigen, neige das Kapital zur Flucht "in etablierte Märkte wie die USA, Europa und Japan und auch in sichere Anlagen wie deutsche, US-amerikanische und japanische Staatsanleihen", so Randolph gegenüber der DW.

Allein Erwartungen von Investoren, die US-Zentralbank (Fed) könne die Zinsen bald anheben, hatten bereits zur Kapitalflucht beigetragen. Sobald die Fed nämlich den Leitzins anhebt, könnte das Kapital wegen des erhöhten Renditeversprechens wieder in den US-Markt fließen, zum Nachteil der Schwellenländer.

Segen des Preisverfalls

Allerdings sind die Schwellenländer höchst unterschiedlich. Einige der größeren, darunter China, Indien, Südafrika und die Türkei, importieren Rohöl und profitieren so von den fallenden Preisen. China beispielsweise verbraucht täglich etwa 10 Millionen Barrel und muss rund 60 Prozent seines Bedarfs importieren. Ein niedriger Ölpreis sorgt dafür, dass dem chinesischen Verbraucher mehr Geld für den Konsum anderer Güter bleibt: Das könnte die Binnennachfrage stärken und das aktuell stockende Wachstum wieder beflügeln.

Ein anderer Gewinner des niedrigen Rohölpreises ist Indien, dass etwa 70 Prozent seines Ölbedarfes importiert. Die dafür nötigen Ausgaben sind für den größten Teil des indischen Staatsdefizits verantwortlich.

Türkei Ankara Erdogan vor neuem Präsidentenpalast 01.12.2014

Die Probleme der Türkei etwa, hier Präsident Erdogan beim Empfang für Wladimir Putin, haben nur mittelbar mit Russland zu tun.

Die indische Rupie hat die Verwerfungen, die durch die russische Krise ausgelöst wurden, deutlich zu spüren bekommen. Dennoch, so Shilan Shah, für Indien zuständiger Ökonom bei der britischen Consulting-Firma "Captial Economics", hätte das Land "gute Chancen, das abzuwettern, weil das Staatsdefizit seit einem Jahr bereits sinkt". Dabei gehe es der Rupie zurzeit vergleichsweise gut, so Shah. Im zu Ende gehenden Jahr habe sie gerade einmal 2,5 Prozent verloren, die Währungen anderer großer Schwellenländer hätten im gleichen Zeitraum fünf bis 15 Prozent an Wert eingebüßt.

Die vorherrschende politische Lage eines Landes beeinflusst auch seine Währung, wie das Beispiel der Türkei zeigt. Obwohl das Land vom sinkenden Ölpreis profitiert, geht es mit der Währung bergab. Christoph Zwermann, Chef der "Zwermann Financial", sagte der DW, trüben auch die Krisen in den türkischen Nachbarländern Irak und Syrien die wirtschaftlichen Aussichten Ankaras.

Ökonom Randolph glaubt, dass sich die Stimmung erst wieder aufhellen muss, bevor das Kapital an die Schwellenmärkte zurückfließt - politische Risiken dürfe man nicht unterschätzen. Die politischen Unwägbarkeiten im Falle der Türkei lägen in der Nähe des Landes zu Syrien und dem Irak und in der innenpolitischen Unsicherheit begründet.

Verwundbare Ex-Bruderstaaten

Die Kapitalflucht aus den Schwellenländern, so Zwermann, werde genauso wie die Schwäche ihrer Währungen, keine globale Finanzkrise auslösen. Und auch keine regionale Krise, wie 1997 in Asien, weil viele Schwellenländer inzwischen über große Devisenreserven verfügten.

Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds halten diese Länder mehr als acht Billionen US-Dollar an Devisenreserven bereit - 1999 waren es nur 659 Milliarden. Diese Staaten haben aus der Krise von 1999 gelernt und verfügen nun über genügend Reserven, um zukünftige Währungsschwankungen abfedern zu können.

Die meisten Länder seien außerdem in einer wirtschaftlich stabileren Lage als während der letzten Krise, so Zwermann, und würden daher weder kurz- noch mittelfristig in Schieflage geraten. Darüber hinaus, so Jan Randolph von IHS, sei Russland zwar ein wichtiger Markt unter den Schwellenländern, aber für die globale Wirtschaft bei weitem nicht so entscheidend wie etwa China. Allerdings, so fügt er hinzu, seien ehemalige Sowjetrepubliken in Zentralasien und Osteuropa wie etwa Kasachstan und Georgien sehr verletzlich: Ihre wirtschaftlichen und finanziellen Bunde mit Russland seien eben noch sehr eng.

"Das kommt nicht überraschend", so Randolph. "Russland hat die stärkste Wirtschaft unter allen Ex-Sowjetrepubliken und noch immer reichen viele industrielle Verbindungen und Versorgungswege aus Russland in die ehemaligen Bruderstaaten. Viele dieser ehemals sowjetischen Verbindungen sind nach der Unabhängigkeit der einzelnen Staaten wiederbelebt worden."

Und obwohl, so Randolph weiter, viele Ex-Sowjetstaaten ihr wirtschaftliches und finanzielles Augenmerk weg vom Osten und hin zum Westen, also fort von Russland und hin zur EU, richteten, seien sie immer noch stark von Moskau anhängig. Daher beträfe sie die russische Krise unmittelbar.